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Schlagwort: Leo X.

Luther, Martin – Sendbrief an den Papst Leo den Zehnten, 1520

Luther, Martin – Sendbrief an den Papst Leo den Zehnten, 1520

Dem Allerheiligsten Vater in Gott,

Leo X., Papst zu Rom,

alle Seligkeit in Christo Jesu, unserm Herrn,

Amen!

Allerheiligster Vater in Gott! Es zwingt mich der Handel und Streit, in welche ich mit etlichen wüsten Menschen dieser Zeit nun bis ins dritte Jahr gekommen bin, zuweilen nach dir zu sehen und dein zu gedenken; ja, dieweil es dafür gehalten wird, du seiest die einzige Hauptursache dieses Streites, so kann ich’s nicht lassen, dein ohne Unterlaß zu gedenken. Denn wiewohl ich von etlichen deiner unchristlichen Schmeicheler, welche ohn alle Ursach auf mich erhitzet sind, gedrungen bin, mich auf ein christlich, frei Concilium von deinem Stuhl und Gericht in meiner Sach zu berufen, so habe ich doch meinen Mut noch nie also von dir entfremdet, daß ich nicht aus allen meinen Kräften dir und deinem römischen Stuhl das Beste allezeit gewünscht und mit fleißigem, herzlichen Gebet, so viel ich vermocht, bei Gott gesucht habe. Wahr ist es, daß ich die, so bisher mit der Höhe und Größe deines Namens und Gewalt zu bedräuen sich bemühet haben, gar sehr zu verachten und zu überwinden vorgenommen habe. Aber eines ist nun vorhanden, welches ich nicht wage zu verachten, welches auch die Ursach ist, daß ich abermals zu dir schreibe; und ist nämlich, daß ich vermerke, wie ich verleumdet und mir übel ausgelegt werde, daß ich soll auch deiner Person nicht verschonet haben. Ich will aber frei und öffentlich das bekennen, daß mir nichts anders bewußt ist, denn daß ich, so oft ich deiner Person habe gedacht, allzeit das Ehrlichste und Beste von dir gesagt habe, und wo ich das irgend nicht hätte getan, könnt ich’s selbst keineswegs loben und müßte meiner Kläger Urteil mit vollem Bekenntnis bekräftigen und wollte nichts Lieberes denn solches meines Frevels und Bosheit Widerspiel singen und mein sträflich Wort widerrufen. Ich habe dich genannt einen Daniel zu Babylon; und wie ich deine Unschuld so fleißig habe beschützt wider deinen Schändler Sylvester, kann ein jeglicher, der es lieset, überflüssig verstehen.

Es ist ja dein Ruf und deines guten Lebens Name in aller Welt berufen, durch viele Hochgelehrte herrlicher und besser gepriesen, denn daß es jemand könnte mit einiger List antasten, er sei ja, wie groß er möge. Ich bin nicht so närrisch, daß ich allein den angreife, den jedermann lobet, dazu hab ich allzeit die Weise gehabt und fortan sie haben will, auch die nicht anzutasten, die sonst vor jedermann ein böses Geschrei haben. Mir ist nicht wohl mit der anderen Sünde, der ich wohl weiß, wie ich auch einen Balken in meinem Auge habe und freilich der erste nicht sein kann, der den ersten Stein auf die Ehebrecherin werfe.

Ich habe wohl scharf angegriffen, doch insgemein hin, etlich unchristliche Lehre und bin auf meine Widersacher bissig gewesen, nicht um ihres bösen Lebens, sondern um ihrer unchristlichen Lehre und Schutzes willen, welches mich so ganz und gar nicht gereuet, daß ich mir’s auch in den Sinn genommen habe, in solcher Emsigkeit und Schärfe zu bleiben, unangesehen, wie mir dasselbe etliche auslegen, da ich hier Christus‘ Exempel habe, der auch seine Widersacher aus scharfer Emsigkeit nennet Schlangenkinder, Gleißner, Blinde, des Teufels Kinder, und S. Paulus den Magus heißet ein Kind des Teufels und der voll Bosheit und Trügerei sei; und etliche falsche Apostel schilt er Hunde, Betrüger und Gotteswort-Verkehrer. Wenn die weichen, zarten Ohren solches hätten gehöret, sollten sie auch wohl sagen, es wäre niemand so bissig und ungeduldig als S. Paulus. Und wer ist bissiger den die Propheten? Aber zu unsern Zeiten sind unsre Ohren so gar zart und weich geworden durch die Menge der schädlichen Schmeichler, daß, sobald wir nicht in allen Dingen gelobt werden, schreien wir, man sei bissig. Und dieweil wir uns sonst der Wahrheit nicht erwehren können, entschlagen wir uns doch derselben durch erdichtete Ursache der Bissigkeit, der Ungeduldigkeit und der Unbescheidenheit. Was soll aber das Salz, wenn es nicht scharf beißet? Was soll die Schneide am Schwert, wenn sie nicht scharf ist zu schneiden? Sagt doch der Prophet: „Der Mann sei vermaledeiet, der Gottes Gebot obenhin tut und zu sehr verschonet..“

Darum bitte ich, Heiliger Vater Leo, du wollest diese meine Entschuldigung dir gefallen lassen und mich gewiß für den halten, der wider deine Person nie nichts Böses habe vorgenommen und der also gesinnet sei, der dir wünsche und gönne das Allerbeste, der auch keinen Hader noch Gezänk mit jemand haben wolle um jemands bösen Lebens, sondern allein um des göttlichen Wortes Wahrheit willen. In allen Dingen will ich jedermann gerne weichen, das Wort Gottes will ich und kann ich auch nicht verlassen noch verleugnen. Hat jemand einen andern Wahn von mir oder meine Schrift anders verstanden, der irret und hat mich nicht recht verstanden.

Das ist aber wahr: Ich habe frisch angetastet den römischen Stuhl, den man nennet Römischen Hof, von welchem auch du selbst, noch niemand auf Erden anders bekennen muß, denn daß er sei ärger und schändlicher, denn je kein Sodom, Gomorra oder Babylon gewesen ist. Und so viel ich merke, so ist seiner Bosheit hinfort weder zu raten. noch zu helfen. Es ist alles überaus verzweifelt und grundlos da geworden. Darum hat mich’s verdrossen, daß man unter deinem Namen und der römischen Kirche Schein das arme Volk in aller Welt betrog und beschädigt; dawider hab ich mich gelegt und will mich auch noch legen, so lang in mir mein christlicher Geist lebet. Nicht daß ich mich vermesse solcher unmöglicher Dinge oder verhoffte, etwas auszurichten in dem allergreulichsten römischen Sodom und Babylon, besonders dieweil mir so viele wütende Schmeichler widerstreben; sondern daß ich mich als einen schuldigen Diener bekenne aller Christenmenschen, daher mir gebühret, ihnen zu raten und sie zu warnen, daß sie doch weniger zahlreich und mit geringerem Schaden verderbet würden von den römischen Zerstörern.

Denn das ist dir selbst ja nicht verborgen, wie nun viel Jahre lang aus Rom in alle Welt nichts anderes denn Verderben des Leibes, der Seelen, der Güter und aller bösen Stücke die allerschädlichsten Exempel gleich geschwemmt sind und eingerissen haben; welches alles öffentlich, am Tage, jedermann bewußt ist, dadurch die römische Kirche, die vor Zeiten die allerheiligste war, nun geworden ist eine Mordgrube über alle Mordgruben, ein Bubenhaus über alle Bubenhäuser, ein Haupt und Reich aller Sünde, des Todes und der Verdammnis, daß nicht wohl zu denken ist, was mehr Bosheit hier könne zunehmen, wenn gleich der Endchrist selber käme.

Indes sitzt du, Heiliger Vater Leo, wie ein Schaf unter den Wölfen und gleich wie Daniel unter den Löwen und mit Ezechiel unter den Skorpionen. Was kannst du einziger wider so viel wilder Wunder? Und ob dir schon drei oder vier gelehrte, fromme Kardinäle zufielen, was wäre das unter solchem Haufen? Ihr müßtet eher durch Gift untergehen, ehe ihr vornähmt, der Sache zu helfen. Es ist aus mit dem römischen Stuhl, Gottes Zorn hat ihn überfallen ohn Aufhören, er ist feind den gemeinen Conciliis, er will sich nicht unterweisen noch reformieren lassen und vermag doch sein wütendes, unchristliches Wesen nicht zu hindern, damit er erfüllet, was gesagt ist von seiner Mutter, der alten Babylon: „Wir haben viel geheilet an der Babylon, noch ist sie nicht gesund geworden; wir wollen sie fahren lassen.“

Es sollte wohl drein und der Kardinäle Werk sein, daß ihr diesem Jammer wehret, aber die Krankheit spottet der Arznei, Pferd und Wagen geben nichts auf den Fuhrmann. Das ist die Ursache, warum es mir allzeit ist leid gewesen. du frommer Leo, daß du ein Papst geworden bist in dieser Zeit, der du wohl würdig wärest, zu bessern Zeiten Papst zu sein. Der römische Stuhl ist deiner und deines Gleichen nicht wert, sondern der böse Geist sollte Papst sein, der auch gewißlich mehr denn du in der Babylon regiert.

O wollte Gott, daß Du, entledigt von der Ehre (wie sie es nennen, deine allerschädlichsten Feinde), etwa von einer Pfründe oder deinem väterlichen Erbe dich halten möchtest; fürwahr mit solcher Ehre sollte billig niemand denn Judas Ischarioth und seines Gleichen, die Gott verstoßen hat, geehret sein. Denn sage mir, wozu bist du doch nutz in dem Papsttum, denn daß, je ärger und verzweifelter einer ist, je mehr und stärker er deiner Gewalt und Titel mißbraucht, die Leute zu beschädigen an Gut und Seele, Sünd und Schand zu mehren, den Glauben und Wahrheit zu dämpfen. O du allerunseligster Leo, der du sitzest in dem allergefährlichsten Stuhl, wahrlich, ich sage dir die Wahrheit, denn ich gönne dir Gutes.

So St. Bernhard seinen Papst Eugenius beklagt, da der römische Stuhl, wiewohl er schon auch zu derselben Zeit auf’s ärgste war, doch noch in guter Hoffnung der Besserung regierte, wieviel mehr sollen wir dich beklagen, dieweil in diesen dreihundert Jahren die Bosheit und das Verderben so unwiderstehlich hat überhand genommen. Ist’s nicht wahr, daß unter dem weiten Himmel ist nichts Ärgeres, Vergifteteres, Gehässigeres denn der Römische Hof? Denn er weit übertrifft der Türken Untugend, so daß es wahr ist, Rom sei vorzeiten gewesen eine Pforte des Himmels und ist nun ein weit aufgesperrter Rachen der Hölle, und leider ein solcher Rachen, den durch Gottes Zorn niemand kann zusperren; und kein Rat mehr übrig ist, denn daß wir möchten etliche warnen und erhalten, daß sie von dem römischen Rachen nicht verschlungen würden.

Siehe da, mein Heiliger Vater, das ist die Ursach und Bewegung, warum ich so hart wider diesen pestilenzischen Stuhl gestoßen habe, denn so sehr habe ich mir nicht vorgenommen, wider deine Person zu wüten, daß ich auch gehoffet habe, ich würde bei dir Gnad und Dank verdienen und für dein Bestes gehandelt zu haben erkannt werden, so ich solchen deinen Kerker, ja deine Hölle, nur frisch und scharf angriffe; denn ich erachte, es wäre dir und vielen andern gut und selig alles, was alle vernünftigen, gelehrten Männer wider die ganze wüste Unordnung deines unchristlichen Hofs vermochten aufzubinden.. Sie tun fürwahr ein Werk, das du solltest tun, alle, die solchem Hof nur alles Leid und alles Übel tun; sie ehren Christum alle, die den Hof auf’s allermeist zu Schanden machen. Kurz, sie sind alle gute Christen, die böse Römisches sind.

Ich will noch weiter reden. Es wäre mir auch dasselbe nie in mein Herz gekommen, daß ich wider den Römischen Hof hätte rumoret oder etwas von ihm disputiert. Denn dieweil ich sah, daß ihm nicht zu helfen, Kosten und Mühe verloren waren, habe ich ihn verachtet, ihm einen Urlaubsbrief geschenkt und gesagt: „Ade, liebes Rom! Stink fortan, was da stinkt, und bleib unrein für und für, was unrein ist“; habe mich also begeben in das stille, geruhige Studieren der Heiligen Schrift, damit ich förderlich wäre denen, bei welchen ich wohnte. Da ich nun hier nicht unfruchtbarlich handelte, tat der böse Geist seine Augen auf und ward des gewahr; behend erweckte er mit einer unsinnigen Ehrgeizigkeit seinen Diener Johann Eck, einen besondern Feind Christi und der Wahrheit, gab ihm ein, daß er mich unversehens risse in eine Disputation und ergriffe bei einem Wörtlein, von dem Papsttum gesagt, das mir von ungefähr entfallen war. Da warf sich auf der große, ruhmredige Held, sprühete und schnaubt, als hätt er mich schon gefangen, gab vor, er wollt zu Ehren Gottes und Preis der heiligen römischen Kirche alle Ding waren und ausführen, blies sich auf und vermaß sich deiner Gewalt, welche er dazu gebrauchen wollte, daß er als der oberste Theologus in der Welt berufen würde, des er auch gewiß wartet mehr denn des Papsttums; ließ sich bedünken, es sollt ihm nicht wenig dazu zuträglich sein, wenn er Doktor Luthern im Heerschild führte. Da ihm nun das mißlungen, will der Sophist unsinnig werden, denn er nun fühlet, wie durch seine Schuld allein des römischen Stuhls Schand und Schmach an mir sich offenbart hat.

Laß mich hier, Heiliger Vater, meine Sache auch einmal vor dir verhandeln und dir deine rechten Feinde verklagen. Es ist dir ohn Zweifel bewußt, wie mit mir gehandelt habe zu Augsburg der Kardinal St. Sixti, dein Legat, fürwahr unbescheiden und unrichtig, ja, auch untreu; in welches Hand ich um deinetwillen alle meine Sachen also stellte, daß er Fried gebieten sollte; ich wollt der Sache ein End sein lassen und still schweigen, so meine Widersacher auch still stünden, was er leicht mit einem Wort hätt können ausrichten. Da juckte ihn der Kitzel zeitliches Ruhms zu sehr, er verachtete mein Erbieten, unterstand sich, meine Widersacher zu rechtfertigen, ihnen nur längern Zaum zu lassen und mir zu widerrufen zu gebieten, wozu er keinen Befehl hatte. Also ist’s geschehen durch seinen mutwilligen Frevel, daß die Sache ist seither viel ärger geworden, die zu der Zeit an einem guten Ort war. Darum, was weiter darnach ist gefolget, ist nicht meine, sondern desselben Kardinals Schuld, der nicht mir gönnen wollte, daß ich schweige, wie ich so höchlich hat. Was sollte ich da mehr tun?

Darnach ist gekommen Herr Carol von Miltitz, auch deiner Heiligkeit Botschafter, welcher, mit vieler Mühe hin und her reisend und allen Fleiß aufwendend, die Sache wieder auf einen guten Ort zu bringen, davon sie der Kardinal hochmütig und freventlich verstoßen hatte, zuletzt durch Hilfe des durchlauchtigsten hochgeborenen Kurfürsten, Herzog Friedrich zu Sachsen etc., zuwege brachte, etliche Mal mit mir zu besprechen.

Hier habe ich abermals mich lassen weisen und deinem Namen zu Ehren zu schweigen, die Sache den Erzbischof zu Trier oder Bischof zu Naumburg verhören und entscheiden zu lassen verwilligt, welches also geschehen und bestellt ist. Da solches in guter Hoffnung und Frieden stand, fället einher dein größter, rechter Feind Johannes Eck mit seiner Disputation zu Leipzig, die er hatte sich vorgenommen wider Doktor Karlstadt; und mit seinen wetterwendischen Worten findet er ein Fündlein von dem Papsttum und kehret auch mich unversehens seine Fahnen und sein ganzes Heer, womit er des vorgenommnen Friedens Vorschlag ganz zerstörte.

Indes wartet Herr Carolus; die Disputation ging vor sich, Richter wurden erwählet, ist aber nichts ausgerichtet, welches mich nicht wundert. Denn Eck mit seinen Lügen, Sendbriefen und heimlichen Praktiken die Sache also verbittert, verwirret und zerschellet, daß, auf welche Seit das Urteil auch gefallen wäre, ein größer Feuer ohne Zweifel sich entzündet hätte. Denn er such Ruhm und nicht die Wahrheit. Also hab ich allzeit getan, was mir ist aufgelegt, und nichts nachgelassen, das mir zu tun gebührt hat. Ich bekenne, daß aus dieser Ursache nicht ein kleiner Teil des römischen unchristlichen Wesens ist an den Tag gekommen, aber was daran verschuldet, ist nicht meine, sondern Ecks Schuld, welcher einer Sach sich unterwunden, der er nicht Manns genug gewesen, durch sein Ehr-Suchen die römischen Laster in alle Welt zu Schanden gesetzt hat.

Dieser ist, Heiliger Vater Leo, dein und des römischen Stuhls Feind; von seinem einzigen Exempel mag ein jedermann lernen, daß kein schädlicherer Feind sei denn ein Schmeichler. Was hat er mit seinem Schmeicheln angerichtet denn nur solch Unglück, das kein König hätte können zuwege bringen. Es stinkt jetzt übel des Römischen Hofes Name in aller Welt, die päpstliche Acht ist matt, die römische Unwissenheit hat ein böses Geschrei; deren keines wäre gehöret, so Eck Carols und meinen Vorschlag des Friedens nicht hätte verrückt, was er auch nun selbst empfindet, und, wiewohl zu langsam und vergebens, unwillig ist über meine ausgegangenen Büchlein. Das sollte er vorher bedacht haben, da er nach dem Ruhm wie ein mutiges, geiles Roß wiehert und nichts mehr denn das Seine mit deinem großen Nachteil suchet. Er meinete, der eitle Mann, ich würde mich vor deinem Namen fürchten, ihm Raum lassen und schweigen (denn der Kunst und Geschicklichkeit, meine ich, habe er sich nicht vermessen). Nun, so er siehet, daß ich noch getrost bin und mich weiter hören lasse, kommt ihm die späte Reu seines Frevels, und er wird inne (so er anders inne wird), daß einer im Himmel ist, der den Hochmütigen widerstrebt und die vermessenen Geister demütigt.

Da nun nichts durch die Disputation ward ausgerichtet denn nur größere Unehre römischen Stuhls, ist Herr Carol zu den Vätern meines Ordens gekommen, hat Rat begehrt, die Sache zu schlichten und zum Schweigen zu bringen, welche denn auf das allerwüsteste und gefährlichste stand. Da sind etliche Tapfere von denselben zu mir gesandt, dieweil es nicht zu vermuten, daß mit Gewalt gegen mich könnte etwas geschafft werden, haben begehrt, daß ich doch wollte deine Person, Heiliger Vater, ehren und mit untertäniger Schrift deine und meine Unschuld entschuldigen, vermeinend, es sei die Sache noch nicht im Abgrund verloren und verzweifelt, wenn der Heilige Vater Leo wollte nach seiner angebornen, hochberühmten Gütigkeit die Hand daran legen. Dieweil aber ich hab allzeit Frieden angeboten und begehret, auf daß ich stillem und besserm Studieren warten könnte, ist mir das eine liebe, fröhliche Botschaft gewesen, hab sie mit Dank aufgenommen und mich aufs willigste lenken lassen und es für eine besondere Gnade erkannt, so es also, wie wir hoffen, geschehen möchte. Denn ich auch aus keiner andern Ursach so mit starkem Mut, Worten und Schreiben gewebt und gerumoret habe, als daß ich die niederlegte und still machte, die, wie ich wohl sah, mir bei weitem zu gering seien.

Also komm ich nun, Heiliger Vater Leo, und, zu deinen Füßen liegend, bitt ich, so es möglich ist, wollest deine Händ dran legen, den Schmeichlern, die des Friedens Feinde sind und doch Frieden vorgeben, einen Zaum einlegen. Daß ich aber sollte widerrufen meine Lehre, da wird nichts draus, darf’s sich auch niemand vornehmen, er wollte denn die Sache noch in ein größeres Gewirre treiben; dazu kann ich nicht leiden Regeln oder Maße, die Schrift auszulegen, dieweil das Wort Gottes, das alle Freiheit lehret, nicht soll, noch muß gefangen sein. Wo mir diese zwei Stücke bleiben, so soll mir sonst nichts aufgelegt werden, das ich nicht mit allem Willen tun und leiden will. Ich bin dem Hader feind, will niemand anregen noch reizen, ich will aber auch ungereizet sein; werd ich aber gereizet, will ich, so Gott will, nicht sprachlos noch schriftlos sein. Es mag ja deine Heiligkeit mit leichten, kurzen Worten alle diese Haderei zu sich nehmen und austilgen und daneben Schweigen und Fried gebieten, welche ich allzeit zu hören ganz begierig bin gewesen. Darum, mein Heiliger Vater, wollest je nicht hören deine süßen Ohrensinger, die da sagen, du seiest nicht ein lauterer Mensch, sondern gemischt mit Gott, der alle Ding zu gebieten und zu fordern habe. Es wird nicht so geschehen, du wirst’s auch nicht ausführen. Du bist ein Knecht aller Knechte Gottes und in einem gefährlicheren, elenderen Stand denn kein Mensch auf Erden- Laß dich nicht betrügen; die dir lügen und heucheln, du seiest ein Herr der Welt, die niemand wollen lassen Christ sein, er sei denn dir unterworfen; die da schwätzen, du habest Gewalt bis in den Himmel, in die Hölle und ins Fegefeuer, sie sind deine Feinde und suchen Deine Seele zu verderben, wie Jesaias sagt: „Mein liebes Volk, welche dich loben und heben, die betrügen dich.“ Sie irren alle, die da sagen, du seiest über das Concilium und gemeine Christenheit. Sie irren, die dir allein Gewalt geben, die Schrift auszulegen; sie suchen allesamt nicht mehr, denn wie sie unter deinem Namen ihr unchristliches Beginnen in der Christenheit stärken mögen; wie denn der böse Geist leider durch viele deiner Vorfahren getan hat. Kurz, glaub nur niemand, die dich erheben, sondern allein denen, die dich demütigen; das ist Gottes Gericht, wie geschrieben stehet: „Er hat abgesetzt die Gewaltigen von ihren Stühlen und erhoben die Geringen.“

Siehe, wie ungleich sind Christus und seine Statthalter, so sie doch alle wollen seine Statthalter sein, und ich fürwahr fürchte, sie seien allzu wahrhaftig seine Statthalter. Denn ein Statthalter ist in Abwesenheit seines Herrn ein Statthalter. Wenn denn ein Papst, in Abwesenheit Christi, der nicht in seinem Herzen wohnet, regieret, ist derselbe nicht allzu wahrhaftig Christi Statthalter? Was mag aber denn ein solcher Haufe sein denn eine Versammlung ohne Christus? Was mag aber auch denn ein solcher Papst sein denn ein Endchrist und Abgott? Wie viel besser taten die Apostel, die sich nur Knechte Christi, in ihnen wohnend, nicht Statthalter des abwesenden nannten und sich nennen ließen.

Ich bin vielleicht unverschämt, daß ich eine solche große Höhe zu belehren werde angesehen, von welcher doch jedermann soll belehret werden, und wie etliche deiner giftigen Schmeichler dich aufwerfen, daß alle König- und Richterthrone von dir Urteil empfangen. Aber ich folge hierin St. Bernhard in seinem Buch an den Papst Eugen, welches billig sollten alle Päpste auswendig können. Ich tue es ja nicht in der Meinung, dich zu lehren, sondern aus lauter treulicher Sorge und Pflicht, die jedermann billig zwingt, auch in den Dingen für unsere Nächsten uns zu bekümmern, die doch sicher sind, und lässet uns nicht acht haben auf Würde oder Unwürde, so gar fleißig sie wahrnimmt des Nächsten Gefahr und Ungefahr. Dieweil ich denn weiß, wie deine Heiligkeit webt und schwebt zu Rom , das ist auf dem höchsten Meer, mit unzähligen Fährlichkeiten, auf allen Orten wütend, und in solchem Jammer lebt und arbeitet, daß dir auch wohl Not ist des allergeringsten Christen Hilfe, so hab ich’s nicht für ungeschickt angesehen, daß ich deiner Majestät so lange vergesse, bis ich brüderlicher Liebe Pflicht ausricht. Ich mag nicht schmeicheln in solcher ernsten, gefährlichen Sache; wenn mich in dieser etliche nicht wollen verstehen, wie ich dein Freund und mehr denn Untertan sei, so wird der sich wohl finden, der es versteht.

Am Ende, daß ich nicht leer komme vor deine Heiligkeit, so bring ich mit mir ein Büchlein, unter deinem Namen ausgegangen, zu einem guten Wunsch und Anfang des Frieds und guter Hoffnung, daraus deine Heiligkeit schmecken mag, mit was für Geschäften ich gerne wollt und auch fruchtbarlich möcht umgehn, wenn mir’s vor deinen unchristlichen Schmeichlern möglich wäre- Es ist ein klein Büchlein, so das Papier wird angesehen, aber doch die ganze Summa eines christlichen Lebens darinnen begriffen, so der Sinn verstanden wird. Ich bin arm, hab nichts anders, damit ich meinen Dienst erzeige, so darfst du auch nicht mehr denn mit geistlichen Gütern gebessert werden. Damit ich mich deiner Heiligkeit befehle, die sich erhalte ewig Jesus Christus, Amen.

Zu Wittenberg, am 6. September 1520

 

Luther, Martin – An Papst Leo X. (3.3.1519)

Luther, Martin – An Papst Leo X. (3.3.1519)

Allerheiligster Vater! Es zwingt mich abermal die Noth, daß ich, der unwertheste und verachteste Mensch und Staub der Erden, an Ew. Heiligkeit und hohe Majestät schreiben muß. Derhalben wolle Ew. Heiligkeit ihre väterlichen Ohren, an Christus statt dieß mein Antragen zu hören, mir, ihrem armen Schäflein, gnädiglich darreichen, und dieß mein Blöcken huldreich vernehmen.

Es ist allhier bei uns gewesen der Ehrwürdige Herr Carol von Miltitz, Ew. Heiligkeit Kämmerer, welcher im Namen Ew. Heiligkeit vor dem Durchlauchtigsten Fürsten Herzog Friedrich heftig geklagt über meine Dummkühnheit und Frevel wider die Römische Kirche und Ew. Heiligkeit; hat derhalben von mir begehrt, deß einen Widerruf zu thun.

Da ich solches hörte, that mir’s sehr wehe, daß mein herzlich treuer Dienst so übel ausgelegt wäre, daß, was ich unternommen hatte der Römischen Kirche Ehre zu wahren, mir selbst beim Oberhaupt dieser Kirche als Frevel und größte Bosheit ausgelegt würde.

Aber, was soll ich thun, heiligster Vater? Ich weiß gar keinen Rath mehr zu dieser Sache. Die Macht des Zorns Ew. Heiligkeit vermag ich nicht zu tragen; und weiß doch nicht, wie ich davon erledigt werde. Man fordert von mir, ich soll meine Disputation widerrufen. So mein Widerruf das ausrichten könnte, was dadurch gesucht wird, wollte ich ohne einigen Verzug solchem Befehl Folge thun. Weil aber meine Schriften durch Widerstand und Unterdrückung weiter ausgekommen sind, denn ich hätte dürfen hoffen, und in vieler Herzen tiefer eingewurzelt, denn daß sie widerrufen könnten werden; ja, weil unsre Deutsche Nation in der Blüthe steht, viel feiner, gelehrter und geschickter Leute hat so diese Sache wohl verstehen, fein davon reden und urtheilen können, muß ich mich deß am meisten fleißigen, daß ich in keinem Wege etwas widerrufe, so ich anders die Römische Kirche will hoch und in Ehren halten. Denn solcher Widerruf würde nichts anders schaffen, denn daß dadurch die Römische Kirche je länger je mehr in ein böses Geschrei käme; auch würde jedermann der Mund aufgethan, über sie zu klagen.

Die, o heiligster Vater! eben die, haben der Römischen Kirche den größten Schaden ja Schande angethan bei uns in Deutschland, welchen ich widerstanden habe; das ist, die mit ihrem ungeschickten thörichten Predigen, unter Ew. Heiligkeit Namen, allein den schändlichen Geiz gesucht, und das Heiligthum besudelt und zum Greuel gemacht haben; wollen auch über das, (als wäre der Sünde und des Unraths, so hier geschieht, zu wenig) mich, der ich ihrem gottlosen Vornehmen gewehrt habe, als Urheber ihrer Dummkühnheit bei Ew. Heiligkeit beschuldigen.

Nun, allerheiligster Vater, ich bezeuge vor Gott und allen seinen Creaturen, daß ich nie Willens gewesen, noch heutigen Tages bin, der Römischen Kirche und Ew. Heiligkeit Gewalt auf einigerlei Weise anzugreifen, oder mit irgend einer List zu beschädigen. Ja, ich bekenne frei, daß dieser Kirchen Gewalt über Alles sei und ihr nichts weder im Himmel noch auf Erden könne vorgezogen werden, denn allein Jesus Christus, der Herr über Alles. Derhalb wolle Ew. Heiligkeit bösen, falschen Lästermäulern nicht Glauben geben, die vom Luther anders dichten und sagen.

Ich will auch gern Ew. Heiligkeit zusagen, daß ich künftig diese Materien vom Ablaß will fahren und beruhen lassen und allerdings still schweigen; allein, daß auch meine Widersacher mit ihren aufgeblasenen und nichtigen Reden inne halten.

Zudem will ich durch eine öffentliche Schrift das Volk vermahnen, daraus sie verstehen und bewegt werden, die Römische Kirche mit rechtem Ernst zu ehren und Jener Frevel ihr nicht zuzumessen; auch meine Schärfe nicht nachahmen, der ich wider die Römische Kirche gebraucht, ja mißgebraucht habe, und ihr zu viel gethan, daß ich die unnützen Wäscher so hart angetastet; ob doch etwa dermaleinst, durch Gottes Gnade, oder durch diesen Fleiß und Mittel, die erregte Zwietracht und Spaltung wiederum gestillt und hingelegt möchte werden.

Denn das habe ich allein gesucht, daß nicht durch Schande fremden Geizes die Römische Kirche, unsere Mutter, befleckt würde, noch das Volk zu solchem Irrthum verführt, daß es die Liebe lernete geringer achten, denn den Ablaß. Das andre Alles, weil es weder nützt noch schadet, achte ich geringer. So ich aber merke, daß ich etwas mehr in dieser Sache kann thun, will ich ohne Zweifel ganz willig und bereit dazu sein.

Der Herr Christus wolle Ew. Heiligkeit bewahren in Ewigkeit. Zu Altenburg am 3. März 15l9. Bruder Martin Luther Doctor.

Quelle:
Hase, Carl Alfred - Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

Luther, Martin – An Papst Leo X. (30.5.1518)

Luther, Martin – An Papst Leo X. (30.5.1518)

Dem allerheiligsten Vater Papst Leo dem Zehnten wünscht ewiges Heil Martin Luther, Augustinermönch.

Ich höre, allerheiligster Vater, daß gar ein böses Gerücht über mich gehe, daraus ich vernehme, daß etliche Freunde meinen Namen sehr übel vor Eurer Heiligkeit und den Euren stinkend gemacht haben, als der ich mich sollte unterstanden haben die Würde der Schlüssel und Gewalt des höchsten Bischofs zu verkleinern. Daher ich als ein Ketzer, Abtrünniger, Meineidiger und weiß nicht mit wie viel und welcherlei Namen , ja Schmach und Lästerung, gescholten und verdammt werde. Ich muß hören und sehen, davor mir graut und mich entsetze. Aber der einige Trost und Fels meiner Freudigkeit steht fest, nämlich daß ich ein unschuldig und friedsam Gewissen habe.

Doch höre ich nichts Neues, denn eben mit solchen Wappen und Helm schmücken und zieren mich auch in unsern Landen jene ehrlichen und wahrhaftigen Leute, als die ein böses Gewissen haben und sich unterstehen ihre Bubenstücke mir aufzudringen und durch meine Unehre ihre Unart und Tücke zu beschönigen. Ich will aber, heiliger Vater, zur Sache greifen, die wolle Ew. Heiligkeit gnädiglich hören von mir, der ich ungeschickt, ja ein Kind bin.

Es ist in kurz vergangenen Tagen angefangen worden zu predigen des apostolischen Ablaß Jubeljahr und hat so stark überhand genommen, daß diese Prediger Alles meinen thun und reden zu dürfen, was sie nur wollen, unter dem Schutz Ew. Heiligkeit Namen, – dadurch sie auch den Leuten Furcht und Schrecken einjagen, also, daß sie öffentlich dürfen lehren gottlose, lästerliche und ketzerische Lügen, zu großem, schweren Aergerniß, Hohn und Spott der geistlichen Obrigkeit. Und genügen sich daran nicht, daß sie mit frechen Worten ohne alle Scheu ihr Gift ausgießen, sondern lassen auch über das Büchlein ausgehen, die sie unter das Volk bringen, in welchen sie eben dieselbe ihre lästerliche und ketzerische Lügen bestätigen; und also bestätigen, daß sie die Beichtväter mit einem Eid verbinden und zwingen, daß sie dieselben mit allen Treuen aufs fleißigste und ohne Aufhören dem Volke sollen einreden. Ich will des schändlichen und unerhörten Geizes, deß sie nicht satt können werden, schweigen, nach welchem schier alle Buchstaben dieser Büchlein sehr grob und übel stinken.

Ich rede die Wahrheit und ihr keiner kann sich vor, dieser Schmach verbergen. Denn die Büchlein sind vorhanden, daß sie nicht leugnen können. Und geht ihr Vornehmen nur glücklich und schleunig fort, also daß sie mit eitel erdichtetem Trost die Leute aussaugen und schinden ihnen, wie der Prophet Micha sagt, die Haut ab und fressen das Fleisch von ihren Beinen; sie aber weiden sich indeß sehr herrlich und reichlich.

Einen Behelf haben sie, damit sie sich unterstehen die Aergerniß zu stillen, nämlich den Schrecken Ew. Heiligkeit Namen und Bedrohung des Feuers und Schmach und Schande des ketzerischen Namens: also, daß es nicht wohl glaublich ist, wie geschickt sie sind, damit zu drohen und schrecken zuweilen auch wenn sie merken, daß ihrem losen Wahn und lästerlichen Lügen widersprochen wird; so anders das soll heißen Aergernissen wehren, und nicht vielmehr, durch lauter Tyrannei Zwiespalt und endlich Aufruhr erregen.

Gleichwohl geht die Sage und Klage in allen Tabernen über den Geiz der Pfaffen; auch wird übel geredet von der Gewalt der Schlüssel und des höchsten Bischofs, wie die gemeine Rede zeigt im ganzen Deutschen Lande. Ich zwar, daß ich die Wahrheit bekenne, da ich solches hörte und erfuhr, entbrannte und eiferte ich um Christi Ehre, wie mich dünkte: oder, wer es so deuten will, das junge, frische Blut erhitzte sich in mir und sah doch wohl, daß mir nicht gebühren wollte, etwas hierin zu beschließen oder zu thun. Vermahnte derhalben sonderlich etliche Prälaten der Kirchen. Da fand bei etlichen meine Vermahnung Statt und ward angenommen; etliche aber spotteten mein und deuteten mein Vornehmen auf mancherlei Weise. Denn der Schreck Ew. Heiligkeit Namen und Drohung des Bauns war zu mächtig. Endlich, da ich nicht anders konnte, hielt ich für das Beste, daß ich nicht scharf oder hart, sondern mit Maßen ihnen widerstünde, das ist, ihre Lehre in einen Zweifel brächte, daß davon möchte disputirt werden. Ließ derhalben einen Zeddel ausgehn mit Sprüchen vom Ablaß und vermahnte vornehmlich die Gelehrten, ob etliche gegenwärtig oder schriftlich mit mir darüber wollten handeln wie solches denn auch die Widersacher wohl wissen aus der kurzen Vorrede über dieselben Sprüche vom Ablaß.

Daher, heiligster Vater, ist angegangen ein solch groß Feuer, daß davon die ganze Welt, wie sie schreien und klagen, entbrannt ist; vielleicht darum, daß sie mir, der ich doch auch durch Ew. Heiligkeit apostolische Autorität ein Magister Theologiä bin, allein nicht gönnen Gewalt, Recht und Freiheit zu haben in einer freien, öffentlichen oder hohen Schule nach Weise und Gewohnheit aller Universitäten in der ganzen Christenheit zu disputiren; nicht allein vom Ablaß, sondern von viel höhern und größern Artikeln, nämlich von göttlicher Gewalt, Vergebung und Barmherzigkeit. –

Nun, was soll ich thun? Wiederrufen kann und will ich nicht; und sehe doch, daß ich nur großen Neid und Haß dadurch erweckt, daß ich diese meine Disputation habe an den Tag gegeben. Zudem komme ich ganz ungern aus meinem Winkel auf den Plan hervor unter die Leute, da ich wider mich hören muß schier aller Menschen gefährlich und vielfältig Urtheil, sonderlich weil ich ungelehrt, unerfahren und solcher hohen Sachen zu gering bin. Und eben zu dieser güldenen Zeit, da nun sehr viel feine, hochgelehrte Leute sind, welcher täglich mehr werden, also daß alle freie Künste blühen und wachsen – will schweigen der Griechischen und Ebräischen Sprachen -, also, daß auch Cicero, wenn er jetzt lebte, schier sich in einen Winkel verbergen sollte, der doch Licht und Oeffentlichkeit nicht scheute. Aber die hohe Noth zwingt mich, daß ich Gans unter den Schwanen schnattere.

Derhalben, auf daß ich auch meine Widersacher zum Theil versöhne und vieler Begehr und Verlangen erfülle: siehe. Heiliger Vater, so gebe ich an den Tag meine Gedanken, darinnen man sieht die Erklärung meiner Sprüche vom Ablaß. Ich gebe sie aber an den Tag, heiliger Vater, auf daß ich unter dem Schutz und Schirm Ew. Heiligkeit Namen und den Schatten ihrer Flügel desto sicherer sein möchte. Aus welcher Erklärung Alle, so anders wollen, verstehen werden, wie rein und einfältig ich die geistliche Gewalt und Obrigkeit, auch der Schlüssel Kraft und Würde gesucht und geehrt habe und zugleich wie böslich und falsch mich die Widersacher auf mancherlei Weise berüchtigen. Denn wenn ich ein solcher wäre, wie sie mich schänden und austragen und hätte meine Sache ordentlicher Weise nicht vorgebracht, nämlich darüber disputirt, wie ein jeder Doktor Recht und Fug hat, so wäre es unmöglich gewesen, daß der Durchlauchtigste Herr Friedrich Herzog und Churfürst zu Sachsen, weil er vor andern ein sonderlicher Liebhaber christlicher und apostolischer Wahrheit ist, einen solchen schädlichen, giftigen Menschen, wie sie von mir reden und schreiben, in seiner Universität zu Wittenberg hätte gelitten. So hätten auch die theuren hochgeehrten Doctoren und Magistri unserer Universität, die mit allem Ernst und Fleiß über der Religion halten, mich gewiß aus ihrer Gemeinde gestoßen.

Ist das aber nicht ein feiner Handel, daß die feindseligen Leute nicht allein mich, sondern auch den Churfürsten und die Universität zu Sünden und Schanden wollen machen?

Derhalben, heiligster Vater, falle ich Ew. Heiligkeit zu Füßen und ergebe mich ihr sammt Allem, was ich bin und habe. Ew. Heiligkeit handle mit mir ihres Gefallens. Bei Ew. Heiligkeit steht es, meiner Sache ab oder zuzufallen, mir Recht oder Unrecht zu geben, mir das Leben zu schenken oder zu nehmen. Es gerathe nun, wie es wolle, so will ich nicht anders wissen, denn daß Ew. Heiligkeit Stimme Christi Stimme sei, der durch sie handele und rede. Habe ich den Tod verschuldet, so weigere ich mich nicht zu sterben, denn die Erde ist des Herrn, und was darinnen ist. Er sei gelobt in Ewigkeit, Amen. Welcher Ew. Heiligkeit bewahre und erhalte ewiglich Amen. Gegeben am Tage der heiligen Dreifaltigkeit (30. Mai) 1518.

Br. Martin Luther, Augustiner.

Quelle:
Hase, Carl Alfred – Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867