Luther, Martin – An Papst Leo X. (3.3.1519)

Luther, Martin – An Papst Leo X. (3.3.1519)

Allerheiligster Vater! Es zwingt mich abermal die Noth, daß ich, der unwertheste und verachteste Mensch und Staub der Erden, an Ew. Heiligkeit und hohe Majestät schreiben muß. Derhalben wolle Ew. Heiligkeit ihre väterlichen Ohren, an Christus statt dieß mein Antragen zu hören, mir, ihrem armen Schäflein, gnädiglich darreichen, und dieß mein Blöcken huldreich vernehmen.

Es ist allhier bei uns gewesen der Ehrwürdige Herr Carol von Miltitz, Ew. Heiligkeit Kämmerer, welcher im Namen Ew. Heiligkeit vor dem Durchlauchtigsten Fürsten Herzog Friedrich heftig geklagt über meine Dummkühnheit und Frevel wider die Römische Kirche und Ew. Heiligkeit; hat derhalben von mir begehrt, deß einen Widerruf zu thun.

Da ich solches hörte, that mir’s sehr wehe, daß mein herzlich treuer Dienst so übel ausgelegt wäre, daß, was ich unternommen hatte der Römischen Kirche Ehre zu wahren, mir selbst beim Oberhaupt dieser Kirche als Frevel und größte Bosheit ausgelegt würde.

Aber, was soll ich thun, heiligster Vater? Ich weiß gar keinen Rath mehr zu dieser Sache. Die Macht des Zorns Ew. Heiligkeit vermag ich nicht zu tragen; und weiß doch nicht, wie ich davon erledigt werde. Man fordert von mir, ich soll meine Disputation widerrufen. So mein Widerruf das ausrichten könnte, was dadurch gesucht wird, wollte ich ohne einigen Verzug solchem Befehl Folge thun. Weil aber meine Schriften durch Widerstand und Unterdrückung weiter ausgekommen sind, denn ich hätte dürfen hoffen, und in vieler Herzen tiefer eingewurzelt, denn daß sie widerrufen könnten werden; ja, weil unsre Deutsche Nation in der Blüthe steht, viel feiner, gelehrter und geschickter Leute hat so diese Sache wohl verstehen, fein davon reden und urtheilen können, muß ich mich deß am meisten fleißigen, daß ich in keinem Wege etwas widerrufe, so ich anders die Römische Kirche will hoch und in Ehren halten. Denn solcher Widerruf würde nichts anders schaffen, denn daß dadurch die Römische Kirche je länger je mehr in ein böses Geschrei käme; auch würde jedermann der Mund aufgethan, über sie zu klagen.

Die, o heiligster Vater! eben die, haben der Römischen Kirche den größten Schaden ja Schande angethan bei uns in Deutschland, welchen ich widerstanden habe; das ist, die mit ihrem ungeschickten thörichten Predigen, unter Ew. Heiligkeit Namen, allein den schändlichen Geiz gesucht, und das Heiligthum besudelt und zum Greuel gemacht haben; wollen auch über das, (als wäre der Sünde und des Unraths, so hier geschieht, zu wenig) mich, der ich ihrem gottlosen Vornehmen gewehrt habe, als Urheber ihrer Dummkühnheit bei Ew. Heiligkeit beschuldigen.

Nun, allerheiligster Vater, ich bezeuge vor Gott und allen seinen Creaturen, daß ich nie Willens gewesen, noch heutigen Tages bin, der Römischen Kirche und Ew. Heiligkeit Gewalt auf einigerlei Weise anzugreifen, oder mit irgend einer List zu beschädigen. Ja, ich bekenne frei, daß dieser Kirchen Gewalt über Alles sei und ihr nichts weder im Himmel noch auf Erden könne vorgezogen werden, denn allein Jesus Christus, der Herr über Alles. Derhalb wolle Ew. Heiligkeit bösen, falschen Lästermäulern nicht Glauben geben, die vom Luther anders dichten und sagen.

Ich will auch gern Ew. Heiligkeit zusagen, daß ich künftig diese Materien vom Ablaß will fahren und beruhen lassen und allerdings still schweigen; allein, daß auch meine Widersacher mit ihren aufgeblasenen und nichtigen Reden inne halten.

Zudem will ich durch eine öffentliche Schrift das Volk vermahnen, daraus sie verstehen und bewegt werden, die Römische Kirche mit rechtem Ernst zu ehren und Jener Frevel ihr nicht zuzumessen; auch meine Schärfe nicht nachahmen, der ich wider die Römische Kirche gebraucht, ja mißgebraucht habe, und ihr zu viel gethan, daß ich die unnützen Wäscher so hart angetastet; ob doch etwa dermaleinst, durch Gottes Gnade, oder durch diesen Fleiß und Mittel, die erregte Zwietracht und Spaltung wiederum gestillt und hingelegt möchte werden.

Denn das habe ich allein gesucht, daß nicht durch Schande fremden Geizes die Römische Kirche, unsere Mutter, befleckt würde, noch das Volk zu solchem Irrthum verführt, daß es die Liebe lernete geringer achten, denn den Ablaß. Das andre Alles, weil es weder nützt noch schadet, achte ich geringer. So ich aber merke, daß ich etwas mehr in dieser Sache kann thun, will ich ohne Zweifel ganz willig und bereit dazu sein.

Der Herr Christus wolle Ew. Heiligkeit bewahren in Ewigkeit. Zu Altenburg am 3. März 15l9. Bruder Martin Luther Doctor.

Quelle:
Hase, Carl Alfred - Luther-Briefe in Auswahl und Uebersetzung für die Gemeinde herausgegeben Leipzig, Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1867

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