Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (716)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (716)

Nr. 716 (C. R. – 3886)

Das erwähnte leichte Gefecht war die beginnende Schlacht bei Dreux am 17. Dezember in der auf katholischer Seite der Connetable de Montmorency, auf hugenottischer de Conde in Gefangenschaft geriet, und die dadurch zur Niederlage der Evangelischen wurde. Das Pariser Parlament hatte Coligny und seinen Bruder d´ Andelot zur Enthauptung in effigie verurteilt. Baron des Adrets wollte tatsächlich zur katholischen Partei übergehen, wurde aber an einem solchen Versuch im Januar 1563 verhindert. Über Kardinal Chatillon, Colignys jüngsten Bruder vgl. 664. In Frankfurt war Maximilian II., der Sohn Ferdinands I., zum römischen König gewählt worden.

Vom Krieg in Frankreich, vom Reichtstag und Konzil. Über die Ubiquitätslehre.

Wenn ich dir auch über so ganz ungewisse Dinge lieber nicht schriebe, verehrter Bruder, so will ich doch die Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen, da dieser gute, junge Mann mir seinen Botendienst anträgt. Was Prinz de Conde vorhat, ist für uns schwer zu vermuten. Anfangs dieses Monats rückte er mit seinen Truppen vor die Mauern von Paris und hatte in einer Belagerung von wenigen Tagen die Stadt durch Aushungerung fast bezwungen. Zwei Ausfälle machten die guisischen Truppen, wurden aber heftig zurückgeworfen und blieben auch ruhig. Nun verlegte sich die Königin-Mutter auf ihre gewohnten Ränke. Der Prinz vertrödelt in seinem Leichtsinn mit Unterredungen die Zeit, die er besser zum Handeln verwendet hätte. Allgemein glaubte man, der Friede sei bereits geschlossen, als wider aller Erwarten spanische und bretonische Truppen den Feinden zu Hilfe kamen, deren Mut sich dadurch sofort wieder hob. Der Prinz zieht mit seinem Heer ab; die Guisen folgen ihm. Am 15. dieses Monats lagerten beide bei Beauce gegen Chartres und Le Mans zu. Es kam schriftlicher Bericht von Paris und wurde durch sichere Zeichen bestätigt, sie seien in einem leichten Treffen zusammengestoßen und 700 Spanier seien gefallen. Die Kunde ist umso wahrscheinlicher, als viele Verwundete auf Karren und Wagen in die Stadt gebracht worden sind. Die Feinde sind, was das Fußvolk betrifft, besser ausgerüstet; in der Kavallerie ist ihnen der Prinz aber bei weitem überlegen. Das Gerücht, das umging, Rouen sei von den Unsern wieder erobert, hat sich nun als falsch erwiesen; doch glaube ich nicht, dass es aus nichts entstanden ist, sondern es ist gewiss etwas, was verborgen bleiben sollte, durch die Geschwätzigkeit der Leute zu früh weit herum gekommen. Ist wahr, was mir wahrscheinlich scheint, dass die 6 000 Engländer sich mit dem Prinzen vereinigt haben, so ist das ein nicht verachtender Zuwachs. Sicherlich wären sie, wenn er ihnen nicht entgegen gezogen wäre, um ihnen Mut zu machen, in ihrer schändlichen Feigheit umgekehrt. Die Pariser benehmen sich verrückter als je. Privatleute pflegen von den Fürsten vorzeitige Majorennerklärung zu erbitten, um selbständig zu werden; das Parlament hat aber dem König die Erlaubnis gegeben und hat ihn, wie man sagt, für majorenn erklärt; indessen Vormünder hat man ihm doch noch gegeben wie einem Unmündigen. Die Parlamentsräte, die sich weigerten, den Admiral und d´ Andelot zu verurteilen, sind ins Gefängnis geworfen worden. Das sind die letzten Zeichen ihrer Verzweiflung. Gegen Lyon unternimmt der Herzog de Nemours nichts mit Waffengewalt, weil er hofft, mit der Stadt durch Hunger und Mangel an allem Notwendigen allmählich fertig zu werden. Baron des Adrets, der sich früher so energisch hielt, hat sich durch seine Schmeicheleien verlocken lassen und wollte ihn als Gouverneur in die Stadt lassen; doch gab er dem einmütigen Widerspruch von Adel und Bürgerschaft nach. Wenn Vienne, wie wir hoffen, bald wieder erobert ist, kann Languedoc, das Überfluss an Weizen und Wein hat, reichliche Zufuhr liefern. Eine Schwadron Reiter, die vom Prinzen gesandt und nach Lyon zog, ist abgefangen worden. Vom Baron des Adrets hofften wir das Beste; er hat versprochen, gutem, vernünftigem Rat folgen zu wollen, und ist sicher nicht aus Treulosigkeit, sondern aus Irrtum und törichter Leichtgläubigkeit gefallen. Wenn de Crussol, den die Städte der Languedoc zum Führer erwählt haben, sich recht ins Zeug legt, ist Lyon außer Gefahr. Ich fürchte nur, Graf de Beauvais, der ehemalige Kardinal Chatillon, ist zu langsam und hält ihn durch sein Zaudern auf.

Von der türkischen Gesandtschaft schrieb Sulzer dasselbe wie du; doch ist es leeres Gerede. Unser vertrauter Freund, Herr de Passy, ehemals Bischof von Nevers, was in Frankfurt als Gesandter des Prinzen de Conde an den Kaiser und die Fürsten. Da er mir nichts davon schrieb, dachte ich gleich, es sei nichts an der Sache. Nun ist er selbst gekommen und hat mir bestätigt, es sei nichts daran. Er erzählte, wie freundlich er vom Kaiser aufgenommen worden sei und welch großes Wohlwollen ihm erst der römische König erwiesen habe; er habe im vertraulichen Gespräch die Verheerung Frankreichs bedauert, besonders weil die Feinde dabei auf den Untergang des reinen Glaubens ausgingen. Von der Änderung der Eidesformel [bei der Krönung] habt Ihr wohl auch schon Bericht erhalten; der neu gewählte König versprach, er wolle der Schutzherr nicht der römischen, sondern der christlichen Kirche sein, auch ließ er alle männlichen und weiblichen Heiligen weg und begnügte sich mit dem Namen des einen Gottes. Welche Rolle der Kardinal von Lothringen auf dem Konzil zu Trient spielt, siehst du aus seiner Rede, der dann der Gesandte Frankreichs, ein berüchtigter Apostat, beipflichtete. Zwar sind die beiliegenden Nachschriften voll von Fehlern; aber du kannst doch leicht daraus erkennen, dass die Herren in großer Verlegenheit sind und keinen andern Ausweg finden, als Religionsfreiheit in Frankreich zu gewähren.

Ich stelle dir die Kopien der Briefe, die ich an die Polen schrieb, wieder zu; da die zweite Antwort, die ziemlich ausführlich diese Frage behandelte, verloren ging, so lasse ich nun die Behandlung dieser Angelegenheit. Ich glaube, durch Bezas Nachlässigkeit oder Vergesslichkeit ging sie verloren. Von deiner Gesundheit hörte ich gerne Erfreulicheres. Mich hält Gott mit Fesseln fest; zwar die heftigen Schmerzen haben aufgehört, aber ich schleiche im Zimmer herum und komme kaum von meinem Bett bis zum Tisch. Heute hielt ich die Predigt, doch ließ ich mich in die Kirche tragen. Lebwohl, hochberühmter Mann, von Herzen verehrter Bruder. Viele Grüße, bitte, an die Kollegen und Brüder. Alle meine Kollegen und alle Freunde lassen grüßen, unter andern auch der Schreiber, dessen Handschrift du kennst. Der Herr erhalte dich lange gesund, halte dich aufrecht mit seiner Kraft und segne dein Wirken.

Genf, 27. Dezember 1562.

Deinen Wunsch, ich möchte mich mit Brenz auseinandersetzen, kann ich zurzeit nicht erfüllen. Andere Arbeiten drängen zu sehr. Wenn ich etwas mehr Muße bekomme, so ist uns jetzt eine gute Gelegenheit gegeben; denn die Pfarrer der Grafschaft Mansfeld haben in einem albernen Schriftchen die Franzosen zur Buße aufgefordert; sie anerkennen sie zwar als Brüder und nennen sie auch so, mit Ausnahme des einen Punkts [der Abendmahlslehre]. Wenn ich etwas weniger andere Arbeit habe und mich die Krankheiten mehr in Ruhe lassen, will ich versuchen, etwas zu schreiben. Die Phantasterei Brenzens kann kurz widerlegt werden, weil die Folgerung, die er aus der unendlichen Herrlichkeit und Macht Christi zieht, ganz falsch auf das Wesen seines Fleisches angewendet ist. Tatsächlich dreht sich alles darum, dass wir, obwohl Christi Leib im Himmel ist, doch auf Erden ihn wahrhaft genießen, weil Christus durch die unendliche und allgegenwärtige Kraft seines Geistes so unser wird, dass er ohne eine Ortsveränderung in uns wohnt. Mir war es stets genug, in dieser Frage die Unendlichkeit des Leibes Christi oder ein räumliches Herabkommen und Dasein auszuschließen. Denn darin sehe ich nichts Widernatürliches, wenn wir sagen, dass wir wahrhaftig und wirklich Christi Fleisch und Blut empfangen und er uns so tatsächlich substantiell zur Nahrung wird, wenn nur feststeht, dass Christus nicht nur in den äußerlichen Symbolen, sondern auch in dem geheimnisvollen Wirken seines Geistes zu uns herabsteigt, damit wir im Glauben zu ihm emporsteigen.

Dein

Johannes Calvin.

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