Calvin, Jean – An Sulzer in Basel.

Calvin, Jean – An Sulzer in Basel.

Nr. 715 (C. R. – 3882)

Der Marschall de St. Andre und der Herzog de Nemours waren Führer der Katholiken; mit letzterm schloss des Adrets (vgl. 706) aus gekränktem Ehrgeiz einen Waffenstillstand, der die Dauphine von Truppen entblößte. Auf die Nachricht vom Nahen der Engländer wandten sich die Katholiken gegen Rouen, das am 26. Oktober in ihre Hände fiel; bei der Belagerung fiel der König von Navarra. Jacques Spifame, Sieur de Passy (vgl. 674), wurde von de Conde an den deutschen Reichstag nach Frankfurt gesandt. Matthieu Vatel, Pfarrer in Montbeliard, hatte sich bei Calvin beklagt, dass er von Toussaint (vgl. ) wegen der Prädestinationslehre angefochten werde, und bat um Fürsprache bei Sulzer, der auf den Statthalter von Montbeliard Einfluss habe. Pietro Martire Vermigli, der seit der Rückkehr aus Frankreich kränkelte, war am 12. November 1562 in Zürich gestorben.

Nachrichten aus Frankreich. Gegen Toussaint in Montbeliard.

Wenn ich seltener an dich schreibe, als du möchtest, so musst du mein Säumen entschuldigen, trefflicher Mann und verehrter Bruder; denn erstens hält mich die Traurigkeit so in ihren Banden, dass ich zu jeder Art Tätigkeit unlustig bin, wenn mich nicht die Notwendigkeit drängt und wider meinen Willen treibt, und zweitens mag ich bei den verworrenen Verhältnissen nichts Ungewisses schreiben, um nicht bald beschämt zurücknehmen zu müssen, was ich für wahr hielt. Denn du glaubst nicht, wie zügellos drauflos gelogen wird. Der Ärger darüber hat mich ganz stumpf gemacht, so dass kein Gerücht mehr mich aufregt. Schon seit einem halben Jahr sind die Straßen so gesperrt, dass keine sichere Kunde zu uns dringt. Was unsere Führer eben tun, wissen wir nicht, nur dass sie gegen Ende vergangenen Monats noch in Corbeil waren. Das ist ein kleines, nicht sehr festes Städtlein, nur vier Stunden von Paris entfernt. Seine günstige Lage bewirkte, dass die Feinde es auf jede Weise festzuhalten vorhatten, weil dort eine Brücke die Getreidezufuhr aus Burgund sperrt. So hatte de St. Andre die Stellung mit einer starken Besatzung inne, machte sich aber davon, ehe es zum Sturm kam. Die Königin-Mutter greift wieder zu den gewohnten Künsten, einen Frieden zustande zu bringen. Die Unsern müssten aber sehr dumm sein, wenn sie, so oft schon durch trügerische Schmeichelreden getäuscht, ihr wieder ins Netz gingen. Die Gesandtschaft der Unsern ist vom Kaiser, seinem Sohn und den Kurfürsten freundlich empfangen worden, hat aber noch keinen Bescheid erhalten. Das Gerücht vom Türken, das bei Euch umgeht, halte ich für falsch; denn der eine der Gesandten, dem die Fürsten vertraulich mitteilen, was für uns von Interesse ist, hätte in seinem Brief sicher ein Wort davon geschrieben. Die Königin von England hat ihre Hilfeleistung allzu freigebig herausgestrichen; durch ihre Eitelkeit ist uns Rouen verloren gegangen. Der Herzog de Nemours hat mit Baron des Adrets einen Waffenstillstand geschlossen, der aber bereits abgelaufen ist. Da der Kommandant von Lyon krank war, bat er um eine Unterredung mit ihm; sie wurde ihm abgeschlagen. In Lyon herrscht Ruhe, aber Geldmangel.

Deinen Brief erhielt ich, als ich eben von der Kanzel kam. Die Dänen hatten schon anderswoher erfahren, dass sie bei uns nicht gut Aufnahme finden könnten. Als sie also erklärten, sie kehrten morgen wieder um, brauchte es keiner langen Entschuldigung; tatsächlich ist die Stadt mehr als je von armen Refugianten überfüllt. Scharenweise strömen sie zusammen, von allen Hilfsmitteln entblößt, viele Waisen und Witwen. In diesen Nöten findet sich für Leute, die eine fremde Sprache reden, nicht leicht eine Stelle. Sie hatten übrigens schon vor, ehe sie ein Wort sagten, bis Ostern in Basel zu bleiben.

Nun zu etwas anderem. Du bist schon oft auf die arge Treulosigkeit und Grausamkeit Pierre Toussaints aufmerksam gemacht worden, wolltest aber stets lieber dein Urteil in der Schwebe lassen als von deiner vorgefassten Meinung weichen. Und dieses Krokodil ist ja stark darin, mit schönen Schmeichelreden die Leute zu betrügen. Jetzt hat er seinen Kollegen mit neuen Listen angegriffen und bewirkt, dass er zeitweilig von seinem Amte suspendiert wurde. Ich will mich in einer zum Greifen deutlichen Sache nicht auf lange Erörterungen einlassen. Es handelt sich um die Prädestinationslehre, die abzuschwören er den guten Mann zwingen wollte. Brauche ich dir die Sache Christi noch zu empfehlen? Damit du nicht glaubst, es sei Vatel etwas Unvorsichtiges entfahren, was Ärgernis gegeben hätte, so kannst du aus allen Akten sehen, dass dieser Mann, der jetzt von jenem Feind aller Frommen so heftig angegriffen wurde, nur zu vorsichtig war. Dass ein gelehrter, frommer Mann mit unserer Zustimmung so schändlich geplagt wird, will sich gar nicht schicken. Da ich aber gar keine Möglichkeit sehe, ihm zu helfen, bitte ich dich um Hilfe. Beim Bailli oder Landvogt bist du außerordentlich beliebt und angesehen, und obwohl ihn Toussaint mit seinen Kunststücken ganz bezaubert hat, wirst du ihn ohne Mühe wieder auf den rechten Weg zurückbringen. Ich will nicht, dass du dich in einen unklaren Handel einlassest. Deshalb habe ich den Bruder aufgefordert, alle Akten darüber dir zuzustellen. Nach reiflicher Prüfung der Sache wirst du, klug und gerecht wie du bist, am besten beurteilen können, was zu tun ist. Obwohl ich mich darauf verlasse, dass du auch weiter gehst, möchte ich dich nur darum gebeten haben, den Landvogt so umzustimmen, dass der sonst ganz rechtschaffene Mann die Verteidigung einer so frommen und gerechten Sache selbst übernimmt; denn wie ich höre, hat er nur gefehlt, weil er im Irrtum war, und braucht nur eines Besseren belehrt zu werden. Wenn du dich also ernstlich dessen annimmst, zweifeln wir am glücklichen Ausgang nicht. Lebwohl, bester, von Herzen verehrter Bruder.

Ein neuer Anlass zur Trauer ist uns der Tod Pietro Martires. Unser lieber Beza ist im Feldlager. Ribit ist vor einem halben Jahr nach Orleans gereist, an ein Lehramt berufen. Der Herr erhalte dich gesund und mache dich mehr und mehr reich an seinen Gaben. Meine Kollegen lassen dich vielmals grüßen.

Genf, 6. Dezember 1562.

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