Calvin, Jean – An eine evangelische Gemeinde in Frankreich.

Calvin, Jean – An eine evangelische Gemeinde in Frankreich.

Nr. 717 (C. R. – 3890)

Dieser Brief, dessen genaue Datierung nicht möglich ist, gehört wohl vor den Ausbruch des Kriegs, der darin mit keiner Silbe erwähnt wird.

Bußbrief über schwere, sittliche Missstände.

Sehr liebe Brüder, ich möchte, wenns Gott gefiele, mir einen erfreulicheren Stoff zum Schreiben an Euch wünschen, als ich ihn jetzt habe, damit Ihr Euch mehr über meinen Brief freuen könntet. Deshalb dürft Ihr es nicht übel nehmen, wenn ich Euch eine kleine Weile betrübe, denn es ist das einzige Mittel, Euch in Gott fröhlich zu machen. Ich möchte lieber, wenn das anginge, Euren Glauben, Eure Liebe, Eure Geduld loben und Euch ermahnen, darin fortzufahren vom Guten zum Bessern. Aber da mir Euer Seelenheil teuer ist und am Herzen liegt, bin ich genötigt, Euch darauf hinzuweisen, dass Euer Leben der Erkenntnis nicht entspricht, die Euch Gott in seinem Evangelium gegeben hat. Die Notwendigkeit solchen Tuns entschuldigt mein Schreiben selbst. Wir sehen ja auch, dass St. Paulus, der milden und freundlichen Charakters war, die Korinther anklagt, weil er ihnen gegenüber Heftigkeit und Strenge brauchen musste [1. Kor. 4, 21], und als er sie gebraucht hatte, sagt er, es reue ihn nicht, da die Traurigkeit, die er ihnen durch seinen Brief verursacht habe, sie dazu gebracht habe, ihre Fehler zu beweinen und zu Gott zurückzukehren [2. Kor. 7, 8 – 11]. Ich begreife wohl, auf den ersten Blick mag Euch das hart erscheinen; wenn Ihr aber an Eure Krankheiten denkt, werdet Ihr erkennen, dass es keine süßere Arznei zu ihrer Heilung gibt. Ich rede nach dem, was ich von glaubwürdigen Leuten gehört habe, die Euch auch lieb haben. Um keine Umschweife zu machen, will ich Euch in einem Wort sagen: Euer Lebenswandel ist ein großes Ärgernis für viele rechtschaffene Leute und öffnet den Ungerechten den Mund, Gott und sein Wort zu lästern. Ich muss so reden, um euer Übel aufzudecken; denn es ist notwendig, dass Ihr es spürt, wenn man es heilen will. Ich weiß wohl, man hat die Ärzte lieber, die das Übel durch Salben und Pflastern lindern und es innerlich weiter fressen lassen, als die, die es gründlich untersuchen, um es auszuputzen. Es wäre mir auch ganz lieb, wenn ich zum Heil und Nutzen Eurer Seelen ein Mittel hätte, das Euch angenehmer wäre. Aber was gewönne ich, wenn ich Sachen verschwiege, die allgemein bekannt sind, und so unsagbar schändliche Dinge als gering darstellen wollte? So bitte ich Euch, die Klagen, die man gegen Euch erhebt, geduldig anzuhören, damit wir eine Besserung der schon zu lange unter Euch herrschenden Zustände erstreben können.

Erstens ist es ein allgemeines Gerede, Ihr seiet stark abgekühlt in der Liebe, die Ihr früher zu Gottes Wort zeigtet, was man daraus ersehe, dass Euch nichts mehr daran liege, etwas davon zu haben. Weiter sagt man, Ihr seiet aus Rand und Band gekommen in Lästerung, Leichtsinn und Unzucht, und zwar solcher Art, dass ich mich schäme und entsetze. Anstatt Euch gegenseitig zu erbauen durch gute, fromme Reden, seiet Ihr stark einem spöttischen Wesen ergeben, indem Ihr Euch ohne Maß und Ziel foppt und stichelt; Gehässigkeit, Schmähsucht und Neid herrsche unter Euch, ja Zank und Streit bis zu Prügeleien. Das sind die Früchte, die die Verachtung der Predigt trägt, einer Predigt, die uns als Zügel dienen sollte, uns zu erhalten in aller Ehrbarkeit und frommem Leben. Und das ist nun auch der erste Punkt, den ich berührt habe, dass Ihr keinen Eifer mehr habt, Gottes Wort zu brauchen, wie man ihn früher bei Euch sah. Das ist ein schlechtes Zeichen. Denn die, die es recht verdauen, um ihre Nahrung daraus zu ziehen, bekommen nie zu viel davon; dagegen wer zu viel davon bekommt, der zeigt dadurch, dass es ihm bereits überdrüssig geworden ist und er wieder ausspeien möchte, was er davon genossen hat. Ich weiß wohl, Ihr seid nie ganz rein belehrt worden in Euren Predigten, wie es zu wünschen gewesen wäre; aber immerhin war es doch besser, ein wenig vom Guten zu haben als gar nichts. Nun sagt man aber, es sei Euch gar nicht wichtig, noch weiter unterrichtet zu werden, weder der ganzen Gemeinde, noch den einzelnen. Hättet Ihr hundertmal mehr gehört, als Ihr habt, so ist doch die Weisheit Jesu Christi noch viel größer und höher, so dass Ihr stets noch mehr darin finden könntet. Ja, die größten Gelehrten sind in dieser Schule noch Lernende, so lang sie auf Erden sind. Aber selbst wenn die Belehrung Euch nicht notwendig wäre, so erwägt doch, wie nötig es Euch ist, durch Ermahnung angetrieben und auf die Fehler aufmerksam gemacht zu werden, die unaufhörlich unter Euch aufkeimen. Und wäre es nichts anderes, so wäre es schon schlimm genug, Rückschritte zu machen statt Fortschritte; wäre kein anderer Übelstand als der, er wäre schon zu groß. Denn eine unverzeihliche Undankbarkeit ist es, wenn wir unser inneres Ohr nicht offen halten, so Gott seinen Mund auftut, und da er das nicht nur einen Tag tut, sondern in unserm ganzen Leben, so müssen wir jeden Tag ihm Gehör schenken, wie uns auch St. Paulus ermahnt, die Lehre zur Seligkeit reichlich und im Überfluss unter uns wohnen zu lassen [Kol. 3, 16]. Erkennet deshalb, dass es schon ein großer Fehler ist, wenn Ihr nicht mehr den Wunsch habt, stets besser zu lernen, was Gottes Wille ist, und wenn Ihr nicht mehr fleißig seid, Euch in seiner Erkenntnis weiterzubilden, sei es durch Schriftlektüre oder andere Mittel. Denn wie es offenbar ist, dass unser Leib nicht in Ordnung ist, wenn wir kein Fleisch essen mögen, so ist sicher unsere Seele in noch schlimmerem Zustand, wenn man Geschmack und Lust am Worte Gottes verloren hat.

Die Größe Eures Übels aber lässt sich an den Früchten erkennen, die es gebracht hat. Ich sage das nicht, um Eure schmerzhafte Wunde noch zu verschlimmern, sondern um Euch die Gefahr zu zeigen, in der Ihr seid, damit Ihr umso bereitwilliger die Arznei nehmt. Es ist ein seltsam Ding, dass der Name Gottes, der uns so teuer sein sollte, unter Euch so entweiht ist. Denn wie ich höre, nimmt man sich bei Euch nicht nur die Freiheit, ohne jeden Grund zu schwören, sondern es kommen auch ganz ungeheuerliche Lästerungen vor. Wenn Ihr an Gott glaubt, wie könnt Ihr dann ohne Zittern sein Wort hören, das sagt, wer seinen Namen missbrauche, werde nicht ungestraft bleiben? [2. Mose 20, 7.] Wenn er keinen leichtsinnigen Schwur dulden will, denkt Ihr, er wolle es hinnehmen, dass sein heiliger Name so verächtlich gemacht wird, ohne eine furchtbare Rache dafür zu nehmen? Ist Euch der Leib und das Blut Jesu Christi nicht mehr wert, als dass Ihr verächtlich oder spaßhaft davon redet? Wenn Ihr nicht mehr daran denkt, so wird er es Euch zu Eurem Schaden zeigen, wie hoch er sie schätzt. Er hat es ja teilweise schon gezeigt. Denn die übeln Dinge unter Euch, sind die nicht Strafen, die er Euch schickt, weil sein Name nicht besser geehrt wird unter Euch? Ihr wisst, was St. Paulus sagt: Dieweil die Menschen wussten, dass ein Gott ist, und haben ihn nicht gepriesen, – – darum hat er sie dahingegeben in alle Unreinigkeit [Röm. 1, 21. 24]. Er sagt das von den Heiden, die nicht so erleuchtet waren wie Ihr. Da er Euch nun so viel mehr Klarheit gegeben hatte im Evangelium, wundert es mich nicht, wenn er Euch bitter zürnt, weil sein Name unter Euch so in Fetzen gerissen worden ist. Daher kommen nun die bösen Zustände, die Ihr habt, unter anderm die Hurerei, und zwar so schändliche, dass sich die Ungläubigen darüber entsetzen. Ich spreche kein Urteil darüber, weil ich nicht sicher unterrichtet bin von den einzelnen Tatsachen; aber das Ärgernis könnte nicht allgemeiner sein. Hättet Ihr die Lehre Pauli recht behalten, allen bösen Schein zu meiden [1. Thess. 5, 22], so wäret Ihr vorsichtiger und nähmet Euch in acht. Aber es scheint, als ob einige unter Euch ein Vergnügen daran fänden, der schlimmen Meinung, die man von ihnen hat, stets neue Nahrung zu bieten und ein böses Beispiel zu geben. Es wäre wünschenswert, das böse Gerede, das nur zu allgemein verbreitet ist, würde ganz erlöschen; aber die Hauptsache ist, dass die zu Grunde liegenden Tatsachen ausgefegt werden. Denn unser Herr lässt zu, dass die Schändlichkeit aufgedeckt wird, damit die, die sichs in ihren geheimen Lastern wohl sein lassen möchten, sich schämen, wenn sie ans Licht gezogen werden. Es ist das ein Mittel, durch das er uns zur Buße ruft. Ihr wisst, liebe Brüder, was die Schrift uns von der gewöhnlichen Hurerei sagt, dass sie verflucht ist von Gott, dass um ihretwillen die Rache Gottes über die Ungläubigen kommt, dass, die sich ihr hingeben, ausgeschlossen sind vom Reich Gottes [1. Kor. 6, 9, 10; Eph. 5, 5], dass sie anzusehen ist als Tempelschändung, weil unsre Leiber, die Tempel Gottes sein sollen, dadurch befleckt werden, dass, wer sich ihr überlässt, sich trennt vom Leibe Christi, und dass, wer huret, sündigt an seinem eignen Leibe mehr als mit andern Lastern [1. Kor. 6, 15 – 19]. Was man aber von Euch sagt, das geht ja noch über das hinaus. Seht, welche Schande ist das, dass man Euch vorwirft, Euch Dinge erlaubt zu haben, die selbst die Heiden verabscheuten, da die Natur sie lehrte, dass kein Verbrechen so unerträglich ist wie die Blutschande!

Was auch immer daran ist, – trachtet in erster Linie danach, dass in dieser Hinsicht Euer Gewissen rein und sauber sei vor Gott, und dass die Menschen keinen Anlass haben, Schlimmes von Euch zu denken oder zu reden. St. Paulus sagt: wenn er in Korinth Hurer und Unzüchtige finde, die ihre Missetaten nicht bereuten, so müsse er darüber traurig sein und die Schande für sie tragen [2. Kor. 12, 21]. Noch viel mehr Grund haben die Fehlbaren selbst, zu weinen und sich zu demütigen. Diese Demütigung soll Euch dazu dienen, dass Ihr Euch mehr als bisher müht, Euch zu erbauen durch ein gutes Beispiel im Leben sowohl, als auch durch Worte. Denn Ihr habt auch darin einen bösen Namen, dass einige unter Euch zu weit gehen, mit Spottworten einander zu sticheln. Ihr wisst, was St. Paulus sagt, dass sich schandbare Worte, Narrentheidinge oder Scherz einem Christen nicht ziemen [Eph. 5, 4]. So soll auch das ferne von Euch sein, umso mehr, als böse Worte leicht Anlass geben zu bösen Taten, denn man vergisst dabei leicht das Maßhalten. Dann gibt es bei Euch nachher die Gehässigkeiten und Eifersüchteleien, die zeigen, dass Gott unter Euch nicht regiert; denn er ist ein Gott des Friedens und der Eintracht. Es kommen Zänkereien vor, die deutlich beweisen, dass die Liebe bei Euch keine Statt hat, die doch die Menge der Sünden bedeckt [Jak. 5, 20]. Da kann ich mich nun nicht ganz wundern, dass Ihr nicht an die vielen Feinde denkt, die Euch umgeben und nach nichts so trachten, wie nach Eurem Verderben. Selbst bei den Italienern, die doch in ihren Händeln die unversöhnlichsten Menschen sind, vereinigen sich Welfen und Ghibellinen stets, wenn ein dritter Feind sich auf sie wirft. Ihr seid eine Handvoll Leute, gehasst von allen Euren Nachbarn, und wollts doch nicht lassen, Euch untereinander aufzufressen wie Hunde und Katzen! Ihr wisst, wie viele auf Euch lauern, um Euch anpacken zu können, und Ihr selbst gebt Ihnen die gesuchte Gelegenheit, indem Ihr Euch untereinander verlästert, als wolltet Ihr selbst das Messer schleifen, das Euch den Hals abschneiden soll.

Ich musste so scharf mit Euch reden, um Euch aufzuwecken. Denn schliefet Ihr nicht zu fest, so hättet Ihr es Euch nicht bis jetzt in so großen Lastern wohl sein lassen. Schwachheiten kommen ja überall vor, aber Euer Übel geht doch zu weit. Doch ist meine Absicht nicht, Euch zu entmutigen, sondern im Gegenteil, Euch Hoffnung zu machen darauf, dass Gott bereit ist, alle, die zu ihm zurückkehren wollen, in Gnaden aufzunehmen. Was die Vorwürfe über Eure Laster betrifft, die ich Euch gemacht habe, so ists erst genug, wenn Euer Leben, das Euch jetzt nichts als Schmach und Schande bringt, der Ehre Gottes dient, so dass Ihr Euch mit gutem Rechte in ihm rühmen könnt und nicht mehr fälschlich seinen Namen führt. Ermuntert Euch darum, die Lehre Gottes zu hören, die Euch zurückbringen kann! Seid fleißiger als bisher in der Schriftlektüre und andern frommen Übungen! Tut weg aus Eurer Mitte alle Unreinigkeit! Erweist dem Namen Gottes Ehrfurcht und redet von ihm nur noch zu seiner Ehre! Ein jeder halte sich keusch in seinem Familienleben und gebe keinen bösen Verdacht der Unkeuschheit. Alle Eitelkeiten und aller für Christen unziemliche Leichtsinn werde abgetan. Und um Hass und Zank recht mit der Wurzel auszurotten, geht zuerst den Ursachen zu Leib, d. h. reinigt Euch von aller Unaufrichtigkeit und Bosheit. Auch der Stolz herrsche nicht so unter Euch, dass jeder nur alles an sich ziehe. Vor allem bittet Gott, er wolle Erbarmen mit Euch haben, die Fehler der Vergangenheit begraben sein lassen und Euch bessern und zu sich zurückführen. Denn da muss seine Hand wirken, oder es besteht Gefahr, dass Ihr für alle andern zum Beispiel werdet dafür, dass er kein Herr ist, der seiner spotten lässt. Hütet Euch, dass Ihr Euch nicht verstockt gegen diese Mahnung, damit Ihr nicht in die Verdammnis derer fallet, die seine Gnade verschmähen und sich dadurch ein Feuer entzündet haben, das sie verzehren wird [Hebr. 10, 26 – 29]. Von Euch aber hoffe ich Besseres und wünsche in Bälde Neues zu hören, betrübt wie ich jetzt bin. So will ich denn zum lieben Gott beten, er wolle die Gnade, die er in Euch gelegt hat, nicht erlöschen und zunichte werden lassen, sondern Euch trotz Eures Falles so wiederherstellen, dass Ihr ein Spiegel seiner unendlichen Liebe werdet, und dadurch sein Name gepriesen werde an Euch mehr als je.

[1562].

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