Calvin, Jean – An die französische Gemeinde in Frankfurt a. M.

Calvin, Jean – An die französische Gemeinde in Frankfurt a. M.

Nr. 714 (C. R. – 3871)

Vgl. 709.

Die letzten Kämpfe in Frankfurt.

Zu unserm großen Bedauern hören wir, sehr liebe Brüder, dass unter Euch Meinungsverschiedenheiten entstanden sind, die so heiß wurden, dass scharfer Zank daraus erwuchs, wie wenn Ihr nicht schon in der Auflösung Eurer Gemeinde einen genügend harten Schlag empfangen hättet, und, was uns noch mehr betrübt, wir sehen keinen Weg, Euch wieder zu wirklichem brüderlichem Zusammenhalten zu bringen; denn wir fürchten, das werde schwer bei Euch zu erreichen sein. Was der Dichter sagt, geht auch aus Euerm Brief hervor: es sind Fehler gemacht worden innen wie außen. Ein Teil von Euch meint, trotz der Schließung Eurer Kirche müsse man doch noch den Bestand der Gemeinde wahren bis zum endgültigen Entscheid der Sache. Die andern glauben dagegen, es sei übel getan, da doch die Wahrheit mit großer Schmach und Schande unterdrückt und sozusagen in die Verbannung getrieben worden sei. Was uns angeht, so können wir nicht anders urteilen, als dass zwar die sehr wohlgetan haben, die sofort nach der Schließung der Kirche und dem Verbot des Gottesdienstes ihr Bündel schnürten und anderswohin zogen, dass aber die, die hierzu nicht imstande waren, unseres Erachtens eher Mitleid verdienen als irgendwelche böswillige Behandlung. Tatsächlich wäre es mehr als unrecht, Refugianten an ihrem Zufluchtsort fesseln zu wollen, wie arme Sklaven in der Tretmühle; denn selbst angenommen, die Gemeinde bestünde noch, so dürfte man eine Ortsveränderung von Privatleuten nicht für unerlaubt halten, – wie vielmehr muss es Leuten, denen man die Ausübung ihrer Religion verboten hat, erlaubt sein, sich anderswohin zu begeben! Andrerseits wäre es aber auch unmenschlich, die als Verräter an der Wahrheit anzusehen und zu verlästern, die durch häusliche Umstände oder durch die Geschäftslage verhindert und festgehalten worden sind, so dass sie nicht auswandern und an einen andern Ort übersiedeln konnten. Was nun den Vorwurf betrifft, dass diejenigen, die ihre Kinder zur Taufe Eurer [lutherischen] Gegner bringen, Jesum Christum zum Gespött machen, so müssen wir darüber so urteilen: wenn sie dabei schweigen und nicht offen bekennen, dass sie sowohl die Irrlehren als auch die Tyrannei und den dummen Stolz der Männer verabscheuen, von denen sie ihre Kinder taufen lassen, so begehen sie einen Fehler, der unentschuldbar und unerträglich ist; denn es ist sicher, dass diese fetten, sichs wohl sein lassenden Pfaffen nichts wollen, als über Christum und seine Wahrheit einen Triumph davontragen, und dann können wir ihrer Unverschämtheit keine Gelegenheit geben, ohne beständig Christum zu verunehren. Wenn man aber ein offenes, vollständiges Bekenntnis ablegt und dadurch den Hochmut dieser ehrwürdigen Herren etwas dämpft, so sehe ich nicht ein, warum man die durchaus verdammen müsste, die gezwungen sind, ihre Kinder von den dazu verordneten und eingesetzten Pfarrern taufen zu lassen, wiewohl sie nicht mit ihnen übereinstimmen. Eine andre Sache ists mit dem heiligen Abendmahl, das keiner aus ihrer Hand empfangen darf, ohne die heilige Lehre schmählich zu verleugnen.

Es scheint uns nicht von Nutzen, uns weiter in eine Prüfung aller Einzelheiten Eures Streites einzulassen; ja aus verschiedenen Gründen halten wir es für unrichtig, auch nur das, was Ihr davon schriebt, zu berühren. Deshalb bitten und beschwören wir Euch im Namen Gottes, lasst all das leidenschaftliche Streiten mit seiner Bitterkeit und nehmt Euch brüderlich auf untereinander. Die in so harter Knechtschaft Unterdrückten sollen seufzen und den Brüdern Glück wünschen, die an andern Orten Freiheit erlangt haben. Die aber, denen Gott die Gnade gegeben hat, diesem schweren Joch zu entrinnen, sollen eher Mitleid haben mit ihren Brüdern, als sie so übermäßig zu bedrängen und ihnen dadurch den Mut zu nehmen. Verzeiht uns also, wenn wir vorzogen, solches Maß innezuhalten, statt allen Euern Wünschen zu entsprechen. Der Herr leite Euch durch den Geist der Milde und Güte mit einer unüberwindlichen Festigkeit; er versammle und halte Euch in einem Leibe zusammen durch das Band der Barmherzigkeit und der Liebe. Seid Gott befohlen, sehr teure und geliebte Brüder.

Genf, 27. Oktober 1562.

Johannes Calvin.

Kommentare sind geschlossen.