Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (700)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (700)

Nr. 700 (C. R. – 3737)

Die Schande, die Calvins Stieftochter Judith über ihn brachte, ist nicht näher bekannt. Graf Antoine de Crussol war in königlichem Auftrag nach Aix gesandt, um die vom katholischen Volke gestörte öffentliche Ruhe wiederherzustellen. Als Julian Apostata bezeichnet Calvin den König von Navarra. Das erwähnte Gutachten betraf die Stellung der Evangelischen zu einem freien Konzil und war zu Händen Katharinas von Medici ausgestellt. Weggelassen ein Abschnitt über Synoden in Bern und Neuchatel. Über den französischen Gesandten Matthieu Coignet vgl. 664.

Unruhen in ganz Frankreich. Vom Gutachten über ein Konzil.

Als ich neulich unserm lieben Blaurer schrieb, konnte ich an dich nicht auch schreiben, weil ich eben erst ein Fieber los geworden war; dazu kam dann das häusliche Leid über die Schande meiner Stieftochter, das mich für ein paar Tage in die Einsamkeit trieb. Während ich in einem Landhäuschen weilte, wurde mir, dein Brief gebracht, mit dem viele Gerüchte, die anderswoher kommen, übereinstimmen. Wir haben also Grund, uns zu fürchten; aber es wird schwer halten, sich vor dem Unglück in acht zu nehmen. Wie groß das Durcheinander in Frankreich ist, siehst du teils aus Bezas Brief, von dem ich für dich eine Kopie haben anfertigen lassen, teils will ich es selbst kurz andeuten. Bei Aix-en-Provence, wo ein Parlament seinen Sitz hat, haben die Papisten einen Aufruhr erregt, so dass man es gewagt hat, den Grafen de Crussol, der mit den höchsten Vollmachten dorthin gesandt war, aus der Stadt auszuschließen. Er raffte nun einige Fähnlein zusammen, zwang sie, die Tore zu öffnen, und ließ einige henken. Ein Teil der Gegenpartei, der entfliehen konnte, hält sich noch in einem stark befestigten Nachbarstädtlein; doch wir sie bald der Mangel an allen Lebensmitteln zur Übergabe zwingen; bisher haben sie nämlich wie Räuber gehaust. Das Parlament selbst ist erschrocken und hat schwere Strafen über die Aufrührer verhängt, obwohl viele der Richter selbst in dasselbe Verbrechen verwickelt sind doch die schont man, bis die Bewegung abgeflaut ist. Marseille und andere Städte, die auf Abfall sannen, sind zur Botmäßigkeit gebracht durch Garnisonen, die man in sie legte. Das Parlament von Toulouse hätte gerne alles durcheinander gebracht, aber die Ratsherren der Stadt, die man die Capitouls nennt und bei denen die niedere Gerichtsbarkeit liegt, haben eine starke, sichere Mannschaft aufgeboten und den grausamen Übermut des Parlaments so ihm Zaum gehalten, dass sich in den Vorstädten die Evangelischen frei versammeln können, bis zu 10 000 Menschen; im Ganzen haben etwa 15 000 dem Evangelium die Ehre gegeben. In der Auvergne wütet der Adel ganz verstockt. Bei den Aremorikern dagegen, d. h. in der Bretagne, hat der Adel fast einmütig das Evangelium angenommen, ebenso in der Picardie, doch lässt sich das Volk nicht dazu bringen. In der Champagne und im Gebiet um Sens sind sie nur halbwegs mutig, dagegen fangen die Burgunder an, mehr zu wagen. Man gehorcht dem königlichen Edikt; aber gerade das Schauspiel, dass solche Massen in Ordnung vorgehen, ärgert die Gegner noch mehr, als wenn an irgendeinem unbekannten Ort Gottesdienst abgehalten würde.

Nichts hält den Fortschritt des Reiches Christi mehr auf, als der Mangel an Pfarrern. Zwar berichtet Beza auch, Julian versuche bei Hofe alles zu verderben; doch alles, was er Böses plant, wird auf sein Haupt zurückfallen; meinen letzten Brief hatte er damals noch nicht. Wenn die Königin sieht, dass Hilfe bereit ist, wird er vielleicht auch von ihr schärfer aufgerüttelt. Auch ich werde drängen wie bisher, damit die Unsern eine solche Gelegenheit sich nicht entgehen lassen und sich dann erst, wenn es zu spät ist, dem Äußersten entgegenstellen. Das Gutachten, um das mich Beza bat, habe ich bereits abgesandt; eine lateinische Übersetzung lege ich dir bei; doch habe ich lieber meine französische Antwort wörtlich ohne Rücksicht auf den Stil übertragen, als ein schönes Latein herausbringen wollen. Auch lag mir die Kürze sehr am Herzen, um alles umfassen zu können. Wenn es dir scheint, ich habe der Gegenpartei mehr zugestanden, als billig gewesen wäre, so bedenke, dass ich dabei nicht nach meinen Wünschen vorgehen durfte; der Protest musste dem Verständnis der Königin-Mutter angepasst werden. Doch hatte ich dabei zweierlei vor, nämlich erstens, dass unsere Bedingungen, wenn sie dem königlichen Kronrat gefielen, von den Papisten energisch abgelehnt werden, was auch sicher geschehen wird; zweitens, dass, wenn sie doch dazu gebracht würden, sich unter das Joch zu beugen, uns kein Konzil schaden könnte. Ich hielt es nämlich für besser, wenn wir dort säßen etwa in der Rolle der Volkstribunen, als in der der Senatoren, die einfach überstimmt werden könnten. Was Beza von Euch verlangt, siehst du, und du wirst mit deinen Kollegen so rasch, wie es nötig ist, beschließen, was Euch gut scheint. Geschieht etwas Wichtiges, so will ich mir Mühe geben, dass du es rechtzeitig erfährst. Coignet wird, wenn er kommt, durch Übermittlung von Briefen uns helfen können. Die Heimsuchung Frankreichs wird die Heuchelei der Leute aufdecken, die von den Menschen abhängig waren; den Frommen aber wird der Mut wachsen, sie werden umso mehr lernen, sich auf Gott allein verlassen, und zugleich wird sie die Aufregung zum rechten Beten treiben. – –

[10. März 1562.]

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