Calvin, Jean – An die Gemeinde von Poitiers.

Calvin, Jean – An die Gemeinde von Poitiers.

Widerlegung der Verleumdungen de la Vaus.

Die Liebe Gottes unseres Vaters, und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei allezeit mit Euch durch die Gemeinschaft des heiligen Geistes.

Liebe Herren und Brüder, da ich weiß, dass Ihr stets Ermunterung und Trost in Euern Trübsalen und Kämpfen brauchen könnt, so zöge ich es vor, wenn ich die Wahl hätte, das zum Gegenstand meines Schreibens zu machen, anstatt mich persönlich und unsere ganze Kirche entschuldigen und rechtfertigen zu müssen gegen die Verleumdungen, mit denen uns, wie ich höre, ein gewisser Herr de la Vau in Frankreich ungerecht beschuldigt und verlästert. Denn es könnte den Schein erwecken, als ob wir uns zu sehr darum sorgten, unsern guten Ruf zu wahren, und besser daran täten, uns zu vergessen und Euch zu belehren, unbekümmert, was man von uns redet und denkt. Nun gebe ich gerne zu, dass wir manchen falschen Tadel geduldig ertragen und schweigen sollen, wenn man uns verlästert. Aber alle Welt kann ja sehen, dass wir diese Lehre befolgen; denn sonst müssten wir fortwährend die Feder in der Hand halten angesichts der vielen Verleumder, die uns unaufhörlich anschwärzen, so sehr sie können. Wir brauchten auch gar nicht weit zu gehen, sondern fänden hier in Genf des Schimpfens und Murrens genug. Doch machen wir davon kein Aufhebens, denn wir wissen, dass wir das durchmachen müssen nach dem Beispiel derer, die unvergleichlich viel mehr wert waren als wir, und dass uns Gott eben nur unter der Bedingung zu seinem Dienst berufen hat. Da aber der arme Tropf, der sich Geltung verschaffen will, indem er uns anklagt, bei einigen von Euch solches Vertrauen findet, dass sie irre werden, und er damit den bösen Samen der Uneinigkeit sät, so trüge ich nicht die rechte Sorge um Euer Seelenheil, wenn ich dieser Gefahr nicht entgegenträte. Tatsächlich habe ich auch weniger den Menschen im Auge, der sich von tollem Ehrgeiz hat hinreißen lassen, als die List des Satans, und was er damit anzetteln will.

Ich will nur zwei Übelstände nennen, die entstehen könnten, wenn wir hier schwiegen. Der eine wäre, dass Ihr unlustig und schließlich der Lehre ganz entfremdet würdet, die Ihr zum Teil von uns empfangen habt, da es Gott gefallen hat, sich unseres Wirkens zu bedienen zu Eurem Heil. Der zweite wäre, dass wir, die wir verbunden sein sollten zur gegenseitigen Fürbitte füreinander, entzweit und zu einem in Stücke gerissenen Leib würden. Wiewohl dieser arme Tropf, de la Vau, nichts hat als seine tolle Ehrsucht, die ihn so blind macht, dass er das Übel und den Schaden gar nicht merkt, den er anrichtet, so könnt Ihr doch bei aufmerksamem Lesen eines gewissen Briefes, den er an Euch geschrieben hat, deutlich merken, dass der Satan ihn getrieben und geführt hat, sowohl um Euch irre zu machen und die Frucht unserer Wirksamkeit zur Förderung Eures Seelenheils zu zerstören, als auch, um die heilige Eintracht zu brechen, die wir nach allen Kräften unterhalten und bewahren sollten. Da ich nun einem Menschen zu antworten habe, der persönlich mit Euch verkehrt hat, so kann ich dem Ärgernis, das er anstiften wollte, nicht entgegentreten, ohne kurz zu berühren, was von seiner Person zu halten ist.

De la Vau war steht verständigen Leuten als ein Mensch bekannt, der eine solche Meinung von sich hatte, dass er sich selbst damit lächerlich machte. Wollte Gott, er hätte sich nach seinem kleinen Geiste eingeschätzt, denn da hätte er nicht viel Rühmenswertes gefunden. Aber an ihm musste sich wieder das Sprichwort wahr erweisen: Die Dümmsten sind die Frechsten. So herrscht in ihm die Sucht, die für die Kirche Gottes die allergefährlichste ist, nur allzu sehr, nämlich unvernünftige Eingenommenheit von sich selbst. Und da er mit seinem Bestreben, ein Gelehrter zu sein, wider seine Natur kämpft, so macht ihn das doppelt blind. Je begabter ein Diener Gottes ist, umso mehr muss er in der Furcht Gottes wandeln mit dem Bewusstsein, dass er nichts aus sich selbst hat und dass er Gott umso mehr verpflichtet ist, von dem er alles bekommen hat; andrerseits muss er auch stets bedenken, was ihm fehlt. Wenn aber ein Mensch, der gar nichts hat, so verrückt ist, für etwas Großes gelten zu wollen, so sieht er aus, als wolle er Gott und Welt verachten. Übrigens glaube ich, dass dieser arme Prahlhans, um seinen Kredit zu wahren, sich mit Überlegung an die macht, die unter den Kindern Gottes Ansehen und Geltung haben, indem er sich dadurch einbildet, ein besonders geschickter Mensch zu werden. Das aber tut mir leid, dass er mit dieser verfluchten Ehrsucht ein so unverschämter Lügner geworden ist, dass jeder anständige Mensch für ihn rot werden muss. Doch ich will lieber ganz nüchtern von ihm erzählen, damit ich weniger zu sagen brauche, und Ihr mehr aus unsern Erfahrungen mit ihm ihn kennen lernt. So will ich nun die einfachen Tatsachen berichten und etwa nur beiläufig bemerken, wie verrückt er sich anstellt in der Meinung, sich Ehre zu erwerben. Er rühmt sich, er habe sich von uns getrennt? Nun bitte ich Euch, was ist er allein, so wie man ihn kennt, gegenüber, ich will nicht sagen, der Gemeinschaft, die Gott hier hat, sondern gegenüber den vielen Gemeinden, zu denen er sich in Gegensatz stellt. Denn es handelt sich hier nicht nur um Genf, sondern im Grund verurteilt er überhaupt alle Städte, wo man Gott dient, weil er meint, man halte ihn für umso tapferer, wenn er sich als den Feind aller erklärt. Aber die Hauptfrage ist: Hat er Recht oder Unrecht? Er beklagt sich, er sei in unsere Stadt gekommen, sei hier gleich um einiger Worte willen, die uns nicht behagt hätten, schief angesehen worden, und dann schließlich vor vielen Zeugen vor mich zitiert worden. Aber er sagt nicht, welche Worte er fallen ließ, und dass er damit vielen guten Gläubigen, Männern und Frauen, Ärgernis gab. Er sagt auch nicht, dass er sich an jedem räudigen Schafe reiben musste, dass er überall herumschnüffelte und in jeden Schmutz seine Nase steckte, dass er sich zu allen gesellte, von denen er wusste, dass sie in schlechtem Ruf standen, und darin so weit ging, eigens über den See zu fahren, um einen Ketzer [Bolsec] zu besuchen, der von hier verbannt ist. Er sagt nicht, dass man bereits über unsere allzu große Geduld murrte, weil wir ihn so seine überspannten Reden von sich geben ließen. Denn wenn er sagt, die Frau Rätin de Chinon sei aufgestiftet worden, ihm sofort das Logis zu kündigen, so braucht es zu seiner Widerlegung keinen anderen Zeugen, als die Dame selbst. Und welches Unrecht geschah ihm mit der Vorladung? Wir haben hier das Konsistorium, vor das die geladen werden, die sich nicht in die Gemeindeordnung fügen wollen. Wir hätten ihn gleich vor dieses zitieren können. Um ihn zu schonen, entschlossen wir uns, in meiner Privatwohnung mit ihm zu reden. Er beklagt sich, dass das vor vielen Leuten geschah, nämlich, wie man ihm nachwies, vor lauter früheren Freunden und Landsleuten von ihm, die sich von ihm verletzt fühlten. Und alles hatte den Zweck, ihn mit denen auszusöhnen, die durch seine bösen Worte gekränkt waren und bereits versucht hatten, ihn zurecht zu bringen. Aber es war verlorene Zeit und Mühe. Wenn er sich beklagt, die Vorladung sei in falscher Weise an ihn gerichtet worden, so gebe ich zu, eine schriftliche Zitation war es nicht, aber es geschah ihm nur zu viel Ehre, dass einer unserer Amtsbrüder ihn persönlich abholte. Darin seht die Bosheit und Undankbarkeit dieses Menschen, stets vermischt mit seinem Stolze, dass er damit nicht zufrieden ist, dass man ihn sogar bat, zu uns zu kommen und anzuhören, was wir ihm zu sagen hätten. Aber das Sprichwort sagt: Das hat man davon, wenn man mit einem Flegel höflich ist! Wenn er behauptet, ich hätte ihn beschimpft, so habe ich mehr als zwanzig gute Zeugen dafür, dass mir nie auch nur ein zorniges Wort gegen ihn entfuhr. Ja noch mehr, sein Hochmut gab zu der maßvollen Freundlichkeit, die ich damals gegen ihn zeigte, einen solchen Hintergrund ab, dass sich jedermann innerlich darüber ärgerte. Man hätte von ihm meinen können, er sei der König im Kartenspiel, so verachtete und verwarf er alle andern. Ich will Euch nur ein Beispiel anführen. Unser Bruder, M. Jean Vernou, wies ihm ruhig und in aller Sanftmut die Dummheit nach, in der er beharrte. Er brachte ihm solche Gründe vor, dass der arme Mensch, wenn er nur einen Funken Verstand hätte, sich hätte überwunden erklären müssen. Das einzige Entgelt war, dass er Vernou sagt, er sei noch zu jung, so dass einige meiner Brüder sich genötigt sahen, ihm zu sagen, die Schande sei umso größer für ihn, dass ein so junger Mann ihm ein so guter Lehrmeister und er dagegen ein so schlechter Schüler sei. Und nun wagt dieser arme Narr noch, sich zu rühmen, er habe uns so überführt, dass wir ihm nichts hätten erwidern können! Dagegen war es nun so: Einer seiner Klagepunkte war, er finde es nicht richtig, wenn ich behaupte, die Väter, die ihre Kinder zu den im Papsttum herrschenden abergläubischen Taufbräuchen hergäben, entweihten sie dadurch. Man brachte ihm daraufhin Gründe vor, die ihn mehr als genug hätten zufrieden stellen müssen, nämlich, dass Gottes Name, sein Tempel, die Sakramente entweiht werden durch die, die Missbrauch damit trieben. Und wie ein Vater sein Kind heiligt, wenn er es Gott übergibt, so beschmutzt er es, wenn er es verdammenswerten abergläubischen Bräuchen preisgibt u. a. m. Er als ein über alles erhabener Gelehrter antwortet: „Nun, mir scheints eben anders!“ Da musste ich ihm nun freilich sagen: „Ich glaube, Herr de la Vau, dass ich wohl das gleiche Recht hätte wie Sie, mein Gutdünken und Meinen anzuführen, aber Gott verhüte, dass ich meiner Einbildung so die Zügel schießen lasse. Auch handelts sich hier gar nicht um unser Für und Wider, sondern einfach darum, dem zu gehorchen, was Gott uns zeigt.“ So geartet ist er, dass er lieber unverschämt wurde, als sich ruhig in die Wahrheit zu finden. Tatsächlich besinne ich mich, dass ich etwa vor vier Jahren an einem Nachtessen, als de la Vau töricht behauptete, dass am Tag der Auferstehung allen Gotteskindern dieselbe Herrlichkeit zu teil werde, ihm eine Stelle aus St. Paulus anführte, die just das Gegenteil sagt [1. Kor. 15, 41. 42?]; als er sich nun überführt sah, schämte er sich nicht, zu sagen: „Nun, das ist eben nur ein Satz aus St. Paulus!“ Was soll man gegen einen solchen Tollkopf tun, der lieber mit den Hörnern wider Gott anläuft, als sich soweit zu demütigen, dass er bekennt, geirrt zu haben?

Zum Teil seht Ihr schon daraus, liebe Brüder, die Gründe, die diese Bestie bewogen, sich von uns zu scheiden. Eine Bestie nenne ich ihn, damit wir für ihn beten sollen, dass es Gott gefalle, ihn wieder zu zähmen für seine Herde, indem er ihn seine Armut erkennen lässt. Vernehmt nun, an wen er sich jetzt angeschlossen haben will. Er führt als seine Helfershelfer einen Schwärmer, namens Sebastian Castellio, an, mit dem er zwei andere in Beziehung bringt, die er Professoren in Basel nennt [Borrhaus und Curione]. Wenn er diesen Kunden Kredit verschaffen will durch Nennung ihrer Stadt, ists da nicht ein schlechter Spaß, wenn er alle die [dortigen] Pfarrer und ebenso die theologischen Lehrer nicht in Betracht zieht, die er mit uns verbunden weiß? Doch sagt er auch kein Wort davon, dass in dieser Stadt Basel die Hefte und Bücher seines Castellio, in denen er unsere Prädestinationslehre bekämpfen wollte, verurteilt und ihr Druck bei Todesstrafe verboten worden ist. Um nicht zu ausführlich zu werden, will ich Euch nur sagen, dass die drei, die er anführt, zueinander stehen wie Hund und Katze, was ihre eignen Bücher zeigen. Nur in einer Sache haben sie sich zusammengetan, nämlich darin, man dürfe die Ketzer nicht bestrafen. Und das darum, dass sie frei herausschwatzen können, was ihnen gut dünkt. Deshalb haben sie die Schrift „Dass Ketzer nicht verbrannt werden sollen“ zusammengezimmert, bei der sie Druckort und Verfassernamen fälschten, nur weil das Buch voll unerträglicher Gotteslästerungen steckt, die bis zu dem Satz sich versteigen: „Hätte Jesus Christus gewollt, dass man die strafe, die ihn lästern, so wäre er ein zweiter Götze Moloch.“ Ich will hier nicht weiter auf ihren schönen Grundsatz eingehen, man müsse alle die widerspruchsvollen Debatten ruhig dulden, da nichts sicher und feststehend, sondern die Schrift eine wächserne Nase sei, worin sie soweit gehen, dass der allgemein christliche Glaube an die Dreieinigkeit, die Prädestination, die Gerechtigkeit aus Gnade zu unwichtigen Dingen werden, über die man zum Vergnügen debattiert. Wenn de la Vau aber von einer Verfolgung redet, die wir gegen diese Lästerer inszeniert hätten, um sie an den Galgen zu bringen, so kann ich versichern, dass das eine Lüge ist. Das aber möchte ich gerne wissen, seit wann er sich denn zur Nachfolge Castellios in diesem Punkt entschlossen hat; denn hier in Genf gab er sich, ohne darum gefragt zu sein, als großen Eiferer wider ihn. Er darf auch nicht behaupten, er sei auf unser Betreiben hin von einem seiner Freunde aufgefordert worden, den Leuten, denen er sich nun mit einem Mal angeschlossen hat, die Würmer aus der Nase zu ziehen. Denn wenn auch M. Jean Vernou, unser Bruder, ihn im Vertrauen bat, darüber die Wahrheit zu erforschen, so geschah es nur, weil er nicht glauben konnte, dass das allgemeine Gerede wahr sei; oder eigentlich war es so: sobald de la Vau erfuhr, dass sie die Verfasser eines so bösen Buches seien, bezeugte er, ohne langen Prozess zu machen, seinen Abscheu vor ihnen, und das ohne unser Wissen. So wenig Anlass hat er, uns zu verklagen, wir hätten ihn angestiftet. In seinem Briefe könnt Ihr dann weiterhin sehen, welch schöne Dinge er in dieser neuen Schule gelernt hat, um mich und unsere ganze Kirche zu verleumden. Er sagt, in Genf müsse mir jemand den Pantoffel küssen. Ich glaube, Ihr habt Zeugen genug dafür, welchen Prunk ich treibe, und wie ich danach strebe, mir den Hof machen zu lassen! Ich bin überzeugt, stünde er an meiner Stelle, er würde ein ganz anderes Schaugepränge halten. Denn da er schon so aufgeblasen ist, da er doch noch nichts ist, so müsste ihn eine erreichte Ehrenstelle vor Eitelkeit platzen lassen. Aber er zeigt damit, welch ein giftiges Tier er ist, dass es ihn so verdrießt, hier bei uns alles in guter Eintracht zu sehen. Denn das ist, was er heißt, mir den Pantoffel küssen, dass man sich nicht auflehnt gegen mich und die Lehre, die ich vertrete, um nicht Gott zu verachten in meiner Person und ihn sozusagen mit Füßen zu treten. Die solche Feinde des Friedens und der Eintracht sind, zeigen damit nur, dass sie vom Geiste Satans getrieben werden. Er wirft mir vor, ich lasse meine Bücher deshalb [von der Obrigkeit] bestätigen, damit dann keiner den Mut und die Kühnheit habe, etwas daran auszusetzen. Darauf antworte ich, es ist gewiss das Geringste [was man verlangen kann], dass die Herren, denen Gott das Schwert der weltlichen Gewalt anvertraut hat, nicht erlauben, in ihrer Stadt wider den Glauben, in dem sie unterwiesen sind, zu lästern. Aber es ist ganz gut, dass die Hunde, die so sehr hinter uns herbellen, uns nicht beißen können.

Damit Euch nun die Unverschämtheit dieses Menschen ganz und gar offenbar werde, so wisset, dass, was er von einem gewissen Barbery sagt, durchaus erfunden ist. Wahr daran ist nur, dass dieser arme Barbery, abgesehen von seinem Leichtsinn, sich von Eitelkeit und Ehrgeiz hat verleiten lassen, einige verwegene Redensarten laut werden zu lassen, aber etwas Schlimmeres ist ihm nie geschehen, als dass man ihm vor uns seine Fehler vorgehalten hat. Und trotz mehrfachen Rückfalls müsste er uns doch selbst bezeugen, dass wir ihn geduldig ertragen haben, wie man ein kleines Kind erträgt; im Übrigen hat er stets, was uns betrifft, ganz unangefochten hier gelebt, und de la Vau will Euch glauben machen, wir hätten ihn fortgejagt. Gott verhüte, dass ich mich an ihm rächen wollte, denn ganz abgesehen davon, dass ich ihn nach seiner Stellung in der Welt verachten könnte, hat Gott mir die Gnade geschenkt, dass ich gegen solche Schmähungen abgehärtet bin. Aber das muss ich doch sagen, es ist mir doch wohl ebenso gut erlaubt, ein Eiferer zu sein zur Bewahrung der Lehre, die ich vertrete, da ich weiß, dass sie aus Gott ist, als er sich gestattet, zu plädieren für seinen Bauch. Denn tatsächlich treibt ihn kein andrer Grund dazu, Euch unter allerlei Verkleidungen zu betören, als dass er hofft, eine Krippe zu finden, an der er sich wieder voll fressen kann. Ihr kennt ihn und habt genug mit ihm erlebt, mehr sage ich nicht. Wollte Gott, de la Vau ließe seine Unvollkommenheit im Verborgenen ruhen, aber wenn ich sehe, dass sie Euch Schaden bringt, so muss ich Euch warnen.

Was er von der Institutio Verleumderisches sagt, verhält sich so: Ein gewisser Prahlhans wie er [Trolliet], der den Gelehrten spielen wollte, hatte die in meinem Buch enthaltene Lehre verurteilt, und zwar so, dass er sie sogar am Wirtstisch herunterriss. Ich anerbot mich zur Verantwortung und schloss ihm den Mund so, dass seine Dummheit zur Lächerlichkeit wurde. Als die Sache bekannt wurde, verbot man ihm und allen seinesgleichen jede weitere Lästerrede gegen die zur Genüge bewiesene Lehre. Was brauchte nun der arme Tropf sich darüber so sehr zu ärgern, wenn er nicht wollte, dass es jedem freistünde, wider die Wahrheit zu lästern? Ja, er klagt ganz allgemein alle an, die mit mir übereinstimmen, ohne sich zu erkundigen, ob sie es im Guten oder Bösen tun. Und damit hätte er doch anfangen müssen, dass er wüsste, was meine Lehre ist, um, falls sie schlecht erfunden würde, die zu widerlegen, die ihr anhängen. Ist sie aber gut, so hätte er, um sich als Glied der Herde Christi zu erweisen, sich ruhig damit zufrieden geben sollen, anstatt voll giftiger Gehässigkeit gegen die zu sein, die sich belehren lassen und dem gehorchen, was sie als gut erkannt haben.

Um Euch zu reizen und an seinem Schnürlein fortzuziehen, stellt er es so dar, als ob wir nichts anderes vorhätten und wollten, als alle Welt nach Genf ziehen. Nämlich so, als ob wir davon großen Nutzen und Vorteil hätten. Dazu müsste er in erster Linie nachweisen, welche Abgabe oder Tribut ich [von den Refugianten] erhebe. Er könnte da aber kaum einen andern Einnehmer nennen als sich selbst. Hingegen ist es eine ganz hässliche Lüge, wenn er glauben machen will, wir verdammten alle, die noch in Frankreich leben. Als ob ich nicht geschrieben hätte, dass die, die dort sich rein halten, viel mehr zu loben seien, als wir hier, die größere Freiheit haben. Und dieses Wort wird man mich allezeit festhalten sehen. Ich wollte nur, er hätte solches Mitleid mit Eurer Unfreiheit wie ich. Ich will mich zwar nicht rühmen, von Eurem Leiden so ergriffen zu sein, wie ich es sein sollte, um zu Gott für Eure Erlösung zu seufzen und zu beten, aber das weiß ich, dass ich mehr Sorge und Trauer um Euch trage als er. Dasselbe gilt von seiner weiteren Verleumdung, dass wir kein anderes Christentum kennten, als uns von papistischen Zeremonien rein zu halten. Wenn von mir nichts bekannt wäre, als die vier Predigten, die herabzusetzen er sich so bemüht, so läge es klar vor Augen, dass Gott dem de la Vau den verworfenen Geist derer gegeben hat, die das Weiße schwarz nennen, und die er verwirft und verflucht durch den Propheten Jesaja [5, 20]. Aber man weiß auch außerdem, was wir gewöhnlich predigen und tun, und unsere täglichen Kämpfe geben mehr als genug Zeugnis gegen die Falschheit und Bosheit dieses armen Narren. Ja es genügt ihm nicht, uns so verleumdet zu haben, sondern er will überhaupt alles zerstören, was mit großer Mühe und Schwierigkeit von ausgezeichneten Dienern Gottes aufgebaut worden ist. Jede Reformation der Lehre, die man in deutschen Landen oder im Königreich England durchführte, missfällt ihm. Deswegen bleibt sie doch ein Opfer süßen Geruches für Gott, und wiewohl die meisten sie missbraucht haben, so hat sie doch, trotz der Undankbarkeit der Menschen, Frucht gebracht und zeigt sich noch fruchtbar bis auf den heutigen Tag. Ich bitte Euch, ist das etwa menschlich von ihm, den armen Engländern, die hierhin und dorthin vertrieben oder freiwillig ins Exil gegangen sind, ihr Unglück, das sie um der Sünden ihres Volkes willen getroffen hat, vorzuwerfen? Die Prediger, die dort begonnen haben, das Reich Jesu Christi aufzurichten, haben als wahre Propheten mit lauter Stimme gerufen, es müsse so kommen. Und doch setzt dieser Fant das große Unglück ihnen auf die Rechnung, als ob sie Gott nie gedient hätten. Solche unklaren Köpfe zeigen, dass sie nichts können, als zerstören, was gut gemacht war. Ich möchte doch, er und andere solche Hunde, die nach ihrer Lust und in aller Muße auf ihrem Misthaufen bellen, sollten erst einmal zeigen, welche Welt sie bekehrt haben.

Da diese Sache zu lang wäre, ums sie ganz darzulegen, so will ich mich begnügen, die Niedertracht dieses Menschen in einem Punkt zu zeigen. Um die Leute, die sich vom Götzendienst des Papsttums zurückziehen, zu verleumden, nennt er als Beispiel die Leute von Locarno, die er unbesonnene Draufgänger schilt. Die Sache ist so: Achtzig Familien von durchschnittlich fünf bis sechs Personen haben vor ungefähr einem Jahr den Schweizer Ständen, denen sie untertan sind, schriftlich erklärt, ihr Gewissen erlaube es ihnen nicht, an den papistischen Missbräuchen teilzunehmen. Indem sie so ein schlichtes, lauteres Glaubensbekenntnis ablegten und es eigenhändig unterschrieben, ersuchten sie ihre Obrigkeit um Freiheit, Gott nach seinem Wort zu dienen mit ihrer Erlaubnis. Da nun die Stimmenmehrheit bei den Papisten steht, wurden sie um dieses Gesuchs willen als Aufrührer und Rebellen verurteilt, obwohl keiner von ihnen auch nur einen Finger gerührt hatte. Die Kantone evangelischen Bekenntnisses unterwarfen sich dem Schiedsspruch. Die armen Leute von Locarno, denen man mit dem Feuertod drohte, warteten geduldig auf einen Ausweg, den Gott ihnen zeigen würde, ohne Lärm zu schlagen oder etwas zu unternehmen. Kurz, sie waren, wie es im Psalm steht, wie Schlachtschafe, denen das Messer an der Kehle sitzt [Ps. 44, 23]. Schließlich wurden sie alle verbannt und verließen lieber ihre Heimat, als dass sie vom rechten Wege wichen, als sie vor die Wahl zwischen beidem gestellt waren. Sehet nun, ob die Grausamkeit dieses Gottesverächters nicht auch Euch ein Abscheu ist, wenn er seine Schimpfreden ausstößt gegen die armen Gläubigen, die so verfolgt worden sind. Aber das ist eben der Brauch dieser schönen Schule, in der er in drei Tagen Student und Doktor wurde, sich lustig zu machen über alle, die sich um der Religion willen plagen lassen. Denn ihnen gilts ganz genug, als ein guter Heide zu leben, ohne sich viel um alles zu kümmern, was den Glauben und den Gottesdienst angeht. Es macht sich ja nach außen recht gut, die Tugend zu preisen, aber wenn man den Glauben dahinten lässt und den Verkehr mit Gott, so heißt das, die Ordnung der Dinge umdrehen und den Pflug vor die Ochsen spannen. Vor allem, liebe Brüder, hütet Euch vor Satans List, wenn solche Leute Euch von Vervollkommnung im Leben sprechen. Denn sie wollen damit die Gnade unseres Herrn Jesu zunichte machen und die Menschen glauben machen, die bedürften der Vergebung ihrer Sünden nicht mehr, wie wenn es nicht die größte, höchste Tugend aller Heiligen wäre, während ihres Erdenlebens zu seufzen unter der Last ihrer Fehler und zu erkennen, wie viel Tadelnswertes noch an ihnen ist. Ich sage das nicht ohne Grund, denn der Biedermann Castellio, den de la Vau Euch so sehr als Heiligen preist, hat sich bemüht, dieses tödliche Gift auszusäen. Darum werfen sie uns vor, wir brächten die Menschen nicht bis zu heiligem Leben, weil wir sagen, es seien in uns stets noch viele Schwachheiten, bis wir dieses Fleisches entkleidet werden, so dass wir immer wieder Zuflucht suchen müssen bei der Barmherzigkeit Gottes. Verflucht sei die Heiligkeit, die uns so berauschen und stolz machen wollte, dass wir der Vergebung unserer Sünden vergäßen! Übrigens wenn man den Vergleich zieht, so überlasse ich Euch das Urteil, welche Partei mehr dafür wirkt, die Menschen anzuspornen zur Gottesfurcht, zur Lauterkeit des Wesens, zur Standhaftigkeit, überhaupt zu neuem Leben, und welche bisher mehr darin geleistet hat, wir unsrerseits oder de la Vau und seine Gesellen. Denn was er uns vorwirft, dass wir in unsern Predigten nur Spaß trieben und gegen die Papisten donnerten, ohne die Fehler unserer Hörer zu bekämpfen, das kann durch nichts besser widerlegt werden als durch die gedruckten Predigten, die von mir durch alle Welt fliegen. Die zweiundzwanzig Predigten über den 119. Psalm habe ich nicht nur im Studierzimmer geschrieben, sondern sie sind gedruckt, genau, wie man sie aus meinem Munde in der Kirche hörte. Da seht Ihr unsere Art und gewöhnliche Weise zu predigen; wenn uns de la Vau darin überträfe, so würde ihn keiner von uns beneiden. Er ist sogar so unverschämt, uns vorzuwerfen, wir hielten uns schlecht an St. Pauli Wort, das die Lästerer wie die Räuber verdamme [1. Kor. 6, 10]. Dabei seht Ihr ihn selbst, erfasst von einer mir unbegreiflichen Sucht des Lästerns, in der er das Gute anschwärzt, das so klar ist wie das Sonnenlicht am Mittag. Doch ich habe schon zuviel von diesen langweiligen Geschichten geredet, die ich gewiss nicht so ausführlich behandelt hätte, wenn ich es nicht hätte tun müssen.

Schließlich ists mir genug, unsere Kirche so von den falschen Beschuldigungen, die de la Vau gegen uns erhebt, gereinigt zu haben, dass Ihr Euch nicht an uns ärgert. Wenn man Euch berichtet hat, dass wir noch nicht so wohl reformiert sind, wie es wünschenswert wäre, so dürfte uns ja nichts hindern, das einfach zu bestreiten, nur damit Ihr der reinen Lehre nicht überdrüssig und uns nicht entfremdet würdet, da Gott uns verbunden hat mit unzerreißbarem Bande. Ihr wisst ja, dass auch St. Paulus aus diesem Grunde gezwungen war, sich selbst zu rühmen [2. Kor. 11, 18], wiewohl er nichts weniger als das im Sinne hatte. Entschuldigt also auch, was ich darin leiste, indem Ihr erkennt, dass ichs nur tat zur Ehre Gottes und zu Eurer Stärkung im Guten.

Und nun, liebe Herren und Brüder, indem ich mich Eurer Fürbitte herzlich empfehle, bitte auch ich den lieben Gott, Euch in seiner heiligen Hut zu bewahren, Euch zu unterstützen mit seiner Kraft und Euch die Gnadengaben seines Geistes mehr und mehr zu spenden. Meine Brüder und Genossen lassen Euch grüßen.

Genf, 20. Februar 1555.
Euer ergebener Bruder
Johannes Calvin.

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