Calvin, Jean – An Frau de Cany in Varannes bei Noyon.

Calvin, Jean – An Frau de Cany in Varannes bei Noyon.

Peronne de Pisseleu, verheiratet mit Michel de Barbancon, Sieur de Cany (vgl. 352) wurde um ihres evangelischen Glaubens willen von ihrem fanatisch-katholischen Gatten gefangen gehalten.

Trost und Mahnung für eine bedrängte Evangelische.

Madame, wiewohl ich nicht so alles Mitleids bar bin, dass sich mein Herz nicht zusammenkrampfte im Blick auf die Gefangenschaft, in der Sie enger als je gehalten werden, so will ich es doch nicht lassen, Sie zu ermahnen, fest zu werden in starker Beharrlichkeit, im selben Maß, wie Sie die Versuchung betrübend und schwer zu ertragen finden. Denn so müssen wir die Gnade Gottes wirken lassen, wenn wir bis aufs äußerste vom Satan und den Feinden des Glaubens bedrängt werden. St. Paulus rühmt sich, wie oft er in Banden und Ketten gefangen lag [2. Kor. 11, 23], und doch, die Lehre, die er predigte, liegt nicht in Banden, sondern nimmt ihren Lauf und schreitet mächtig vorwärts. Tatsächlich, da sie die Wahrheit Gottes ist, die die Welt überragt und über den Himmel hinaus reicht, so ist es gar nicht denkbar, dass sie unterdrückt werden könnte nach menschlichen Gelüsten, noch durch irgendwelche Tyrannen. Deshalb, wie der Teufel Ränke spinnt, uns einzuengen durch allerlei Nöte, so wollen wir uns mühen, unsere Herzen recht weit zu machen durch den Glauben, um seinen Angriffen widerstehen zu können. Unser Herr hat Ihnen in Ihrer Gegend kürzlich Beispiele dafür gegeben und gibt sie uns allen täglich an verschiedenen Orten, die uns tief beschämen müssten, wenn wir uns nicht dadurch stärken ließen. Denn wenn wir fielen unter Rutenschlägen, da andere sich nicht im Mindesten vor dem Tode fürchten, welche Entschuldigung hätten wir für unsere Feigheit? Sie haben möglicherweise nicht erwartet, so harte Kämpfe in Ihrem eigenen Hause bestehen zu müssen. Aber Sie wissen ja, worauf uns der Sohn Gottes hingewiesen hat, damit nichts uns in Verwirrung bringe, da wir schon lange darauf vorbereitet sind [Luk. 21, 16, 17]. Denken Sie eher daran, dass das noch nicht das Ende ist, sondern dass Gott Sie ganz sanft versucht und Ihre Schwachheit noch erträgt, bis Sie stärker geworden sind im Aushalten der Züchtigungen. Doch sei dem, wie ihm wolle, so lassen Sie sich nicht zu Fall bringen, weder durch Leichtsinn noch durch Verzweiflung. Manche sind schon besiegt worden, weil sie ihren Eifer erkalten und abflauen ließen, indem sie sich selbst schmeichelten. Andere im Gegenteil sind so erschrocken, wenn sie in sich die Kraft nicht finden, die sie haben möchten, dass sie darüber in Verwirrung geraten und dann alles aufgeben. Was ist denn zu tun? Werden sie wach und betrachten Sie erstens die Verheißungen Gottes, die uns wie eine Himmelsleiter sein sollen, von der aus wir dies vergängliche, hinfällige Leben verachten lernen, und zweitens die Drohungen, die uns dazu bringen müssen, sein Urteil zu fürchten. Und wenn Sie Ihr Herz nicht so bewegt fühlen, wie es sein sollte, so nehmen Sie Ihre Zuflucht, wie zu einem einzigartigen Heilmittel, zum Gebet um die Hilfe dessen, ohne den wir nichts vermögen. Indessen strengen Sie sich auch selbst an, bekämpfen Sie Ihre Kälte und Schwäche, bis Sie darin eine Besserung wahrnehmen. Dabei ist freilich viel Klugheit erforderlich, das rechte Mittel zu finden: nämlich ohne Unterlass darunter zu seufzen und sich selbst auf Ihre traurige, kummervolle Lage zu besinnen, so dass Ihr Elend Ihnen so missfällt, dass Sie keine Ruhe dabei finden, – ohne doch das Vertrauen zu verlieren, dass Gott mit der Zeit dafür sorgen, Sie zu stärken, wie es nötig ist, wenns auch nicht auf einen Schlag deutlich wird. Neu kann Ihnen das ja nicht sein, die klägliche Heimsuchung der armen Kirche Gottes zu sehen, und zugleich den Stolz der Feinde mehr und mehr wachsen zu sehen samt ihrer Grausamkeit. Wenn Ihr Geist darüber in zu große Verwirrung gerät, so muss das Sie vielmehr als etwas Neues staunen machen, da Sie dann das vergessen haben, was unserm tiefsten Herzen festgewurzelt sein soll, dass wir nämlich gleich werden sollen dem Vorbild des Sohnes Gottes, indem wir geduldig die Schmach seines Kreuzes tragen sollen, bis der Tag unseres Triumphes kommen wird. Doch darf Sie das nicht hindern, sondern soll Sie vielmehr antreiben, weiterzulaufen auf Ihrer Bahn. Denn wir müssen noch ganz anders durchgesiebt werden. Wenn ich hören werde, dass Sie, beraubt auch der wenigen Freiheit, die Sie jetzt noch haben, doch nicht ablassen, das Herz auf dem rechten Fleck zu haben und treu weiterzudienen dem, der es verdient, dass man seine Ehre allem andern vorzieht, dann werde ich erst recht Grund zur Freude haben. Einstweilen freue ich mich, wie es damit stehe, in dem guten Vertrauen, das ich darauf setze. Tun Sie mir deshalb nicht das Leid an, dass ich darin getäuscht werde. Zwar vor allem sehen Sie darauf, was Sie unserm lieben Gott und dem Herrn Jesus schulden, der, als er sich selbst nicht schonte für uns, gezeigt hat, wie lieb wir ihm seien. Achten Sie auch darauf, den Satan und seine Helfershelfer zu Schanden zu machen, die Ihren Glauben unter die Füße zu treten gedachten. Da aber solch ein Sieg größere Kraft erfordert, als die Ihre, so nehmen Sie Ihre Zuflucht zu dem guten Herrn Jesus, der uns von Gott seinem Vater zur Kraft gemacht ist, damit wir in ihm alles vermöchten. Ich will meinerseits dafür beten, er möge über Sie die Hilfe seines Geistes so ausschütten, dass Sie durch die Erfahrung lernen, was das heißt, unterstützt sein von ihm, und dass er davon die Ehre habe. Ich bitte ihn auch, Sie in seiner heiligen Hut zu halten gegen die Wut der Wölfe und die List der Füchse. Und nun, Madame, will ich schließen, indem ich mich ergebenst Ihrer Wohlgewogenheit und auch Ihrem Gebet anempfehle.

7. Juni 1553.
Ihr untertäniger Bruder und Diener
J. de Bonneville.

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