Calvin, Jean – An den Herrn d´ Aubeterre in Frankreich.

Calvin, Jean – An den Herrn d´ Aubeterre in Frankreich.

Bouchard, Vicomte d´ Aubeterre, kam als Refugiant nach Genf und etablierte sich dort trotz seines Adels als Knopfmacher. Für ihn setzte Calvin den folgenden Brief an seinen katholischen Vater in Frankreich auf. Das Eingeklammerte sind Bemerkungen zu Händen des Sohnes.

Geschrieben für einen Sohn an seinen Vater.

Monsieur, ich bitte Sie, mich zu entschuldigen, wenn ich Ihnen meine Absicht schriftlich statt mündlich erkläre. Zwei Gründe zwingen mich dazu. Erstens fürchtete ich, in einer Ihnen verhassten, fremdartigen Sache von vornherein nicht Gehör bei Ihnen zu finden, wie ich es wünschte, und zweitens hat mir die Ehrfurcht, die ich vor Ihnen hege, bisher stets den Mund verschlossen. Schließlich habe ich mich aber doch zu dem Versuch entschlossen, Sie friedlich zu stimmen wegen dessen, was Sie so unzufrieden mit mir macht, oder doch wenigstens die Entrüstung, die Sie vielleicht empfunden haben, soweit zu dämpfen, dass ich dann besseren Zugang bei Ihnen finde, um Ihnen ganz genug zu tun. Sie sind darüber erzürnt, dass ich nicht mit Ihnen übereinstimme im Dienste Gottes, wie Sie ihn auffassen. Geschähe dies nun aus Verachtung, wie manche flüchtige Leute Gott gar nicht in Rechnung ziehen und nicht den geringsten Eifer haben, ihm zu dienen, so wäre ich nicht wert, Verzeihung zu erlangen. Wenn aber gerade die Gottesfurcht mich zwingt, so zu handeln, wie ich handle, und mein Gewissen mich dazu treibt, so glaube ich, dass ich Ihnen in dieser Beziehung wenigstens etwas erträglicher erscheine. Um Sie nicht durch zu lange Reden zu erzürnen, – es ist doch ganz unbestreitbar, Monsieur, dass in der Kirche von heute viele schwere Verderbnisse und Missbräuche herrschen, die unter dem Namen Gottes bestehen. Es heißt, dass man sie in bester Absicht hingehen lässt. Wenn man sich aber einbildet, dass man das Gute tun könne, ohne etwas vom Willen Gottes zu wissen, so hat man die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Wir müssen doch überhaupt Gott dienen nach seinem Wohlgefallen und nicht nach unserm Gelüsten. Ich bekenne, dass es eine zu große Anmaßung wäre, wollte ich mich auf meinen eigenen Verstand verlassen und glauben, ich hätte ein klareres Urteil als andere. Aber es handelt sich darum gar nicht, wer an sich der Klügere ist. Das Gebot ist doch jedermann, selbst den ungebildetsten Laien der Welt, bekannt, dass Gott Gehorsam mehr lobt als alle Opfer, die man ihm bringen könnte. Daraus kann man aber doch ohne große Spitzfindigkeit den Schluss ziehen, dass er alles verabscheut, was nicht nach seinem Gefallen ist, und wo sollen wir suchen, was Gott wohlgefällt, wenn nicht in der heiligen Schrift? Sehe ich nun etwas, was der Schrift zuwiderläuft, muss ich es dann nicht meiden, wenn ich Gott nicht mit Wissen beleidigen will? Sie werden es sonderbar finden, dass ich hier Dinge sage, die von aller Welt widerspruchslos angenommen werden. Aber ich bitte Sie, Monsieur [zu glauben]: wiewohl ich ein junger Mensch und vielleicht sonst zu leichtfertig bin, in einer so wichtigen Sache habe ich mich nicht leichthin überführen lassen, ohne überzeugt zu sein durch gute, genügende Zeugnisse. Da nun aber Gott mir die Gnade erwiesen hat, [sein Wort] zu lesen und ruhig anzuhören, so musste ich mich ihm auch unterordnen. Da es so ist, so wissen Sie, Monsieur, dass es mir nicht mehr erlaubt wäre, teilzunehmen an schlimmen Dingen; dass ich mich dieser Dinge nicht enthalten kann, ohne Ihr Missfallen zu erregen, macht mir außerordentlich Angst. Denn wenn ich je wünschte, Ihnen gehorsam zu sein, so möchte ich mich jetzt mehr als früher jemals darum bemühen, um meiner Pflicht besser nachzukommen. Ich kann Sie also nur bitten, verzeihen Sie mir, wenn ich nicht zu tun wage, was verdammenswert für mich wäre, da mein eigenes Gewissen mich dabei verdammte. Darin kann ich wirklich nicht der Anmaßung beschuldigt werden, als wollte ich klüger sein als die andern. Denn da Gott mir die Gnade erwiesen hat, mir klar zu machen, was gut und böse ist, so muss ich mich nach diesem Maßstab richten. Es heißt: ein jeder wird seine eigene Last tragen [Gal. 6, 5]. So gäbe es keine Entschuldigung für mich, auch wenn andere sogar entschuldigt wären; denn wir müssen wandeln, ein jeder nach Maßgabe der Erkenntnis, die Gott ihm gegeben. Ich will nun nicht ins Einzelne darlegen, worauf ich mich gründe, und wie und weshalb ich Dinge, die man für gut hält, als schlecht erkannt habe. Denn abgesehen davon, dass ich dazu die Fähigkeit nicht habe, weiß ich auch, dass es Ihnen nicht angenehm wäre. Nur soviel: die Widersprüche, die in der Messe liegen, gegenüber all dem, was die Schrift sagt von der Sündenvergebung, die uns erworben ist durch den Tod des Sohnes Gottes, und auch gegenüber dem heiligen Sakrament des Abendmahls, das er eingesetzt hat, sind so bekannt, dass Sie leicht selbst darüber urteilen können, wenn Sie sich nicht überhaupt weigern, die Augen aufzutun.

(Scheints Ihnen gut, so können Sie hier einfach und in wenig Worten einschalten, was daran ist.)

Monsieur, ich bedenke wohl, dass diese Erörterungen Ihnen sonderbar erscheinen werden, und dass ich in so großen Dingen eigentlich kein Gehör verdiene. Aber wenn sie so gütig wären usw. (Nun machen Sie das Anerbieten, mit ihm mündlich in Gegenwart Ihres Onkels weiter zu verkehren, damit die Sache nicht weiter herum komme.)

[Mai, 1553.]

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