Calvin, Jean – An die Gefangenen in Lyon.

Calvin, Jean – An die Gefangenen in Lyon.

Die fünf evangelischen Studenten (vgl. 340) waren am 16. Mai hingerichtet worden; doch lagen noch andere Evangelische, Dymonet, Peloquin, Marsac usw. in den Lyoner Gefängnissen.

Vom Märtyrerbekenntnis.

Liebe Brüder, ich denke, Ihr werdet davon unterrichtet sein, dass ich von Genf abwesend war, als die Nachricht von Eurer Gefangennahme kam, und dass ich erst acht Tage später heimkam. Es deshalb kaum mehr nötig, mich zu entschuldigen, dass ich Euch so lange nicht geschrieben habe. Wiewohl es nun eine Trauerbotschaft für uns war nach dem Fleisch, ja auch nach der rechten Liebe, die wir in Gott zu Euch hegen nach unsrer Pflicht, so müssen wir uns nichtsdestoweniger dem Willen des guten Vaters und höchsten Herrn unterordnen, und was er über uns verfügt, nicht nur für gerecht und vernünftig halten, sondern auch es freundlichen, liebenden Herzen annehmen als gut und nützlich für unser Seelenheil, und geduldig abwarten, bis es sich in der Tat so erweist. Übrigens haben wir inmitten unserer Traurigkeit doch Grund uns zu freuen, weil er Euch so mächtig beigestanden hat; denn es war recht nötig, dass er mit seinem Geist Euch so stärkte, damit das Bekenntnis seiner heiligen Wahrheit Euch wertvoller erschien als Euer Leben. Wir wissen alle nur zu gut, wie schwer es den Menschen fällt, nicht mehr an sich zu denken. Da muss der liebe Gott wohl seinen starken Arm brauchen, dass wir zu seiner Ehre weder Folter, noch Schande, noch sogar den Tod fürchten. Und wie er Euch nun bewehrt hat mit seiner Kraft, dem ersten Angriff standzuhalten, so müssen wir ihn auch weiterhin noch bitten, er möge Euch von Neuem mehr und mehr kräftigen im gleichen Maß, wie Ihr zu kämpfen habt. Und da er uns den schließlichen Sieg verheißen hat, so zweifelt nicht daran, dass, wenn er Euch einen Teil seiner Macht schon hat spüren lassen, Ihr auch in Zukunft noch reichlicher davon Zeugnis erhalten werdet in der Tat und aus eigner Erfahrung; denn er fängt nicht an und lässt dann sein Werk unvollendet, wie es im Psalm steht [93, 1]. Vor allem, wenn er den Seinen solche Ehre erweist, sie zu brauchen zur Verteidigung seiner Wahrheit und sie gleichsam an der Hand zum Martyrium führt, so lässt er sie auch nie ohne die Waffen, die dazu nötig sind. Doch erinnert Euch stets daran, Eure Augen aufzuheben zu dem himmlischen Königreich Jesu Christi und daran zu denken, welchen Kampf Ihr führt; denn dieser Aufblick wird Euch nicht allein alle Versuchungen überwinden lassen, die an Euch kommen können aus der Schwachheit Eures Fleisches, sondern er wird Euch auch unbesiegbar machen gegen alle Schliche Satans und alles, was er zusammenbrauen kann zur Verdunkelung der Wahrheit Gottes. Denn ich weiß wohl, durch Gottes Gnade seid Ihr so wohl gegründet, dass Ihr nicht auf ungewisses Abenteuer geht, sondern mit dem tapfern Kämpen Jesu Christi könnt Ihr sagen: Ich weiß, von wem ich meinen Glauben habe [2. Tim. 1, 12].

Deshalb schicke ich Euch auch kein solches Glaubensbekenntnis, um das mich unser guter Bruder Peloquin bat; denn Gott wird viel besser das Bekenntnis wirken lassen, das er Euch abzulegen verleihen wird nach der Stimmung Eures Geistes, den er Euch mitgeteilt hat, als irgendein anderes es vermöchte, das Euch von anderswoher eingeflüstert wäre. Selbst als ich von einem der Brüder, die neulich ihr Blut zur Ehre Gottes vergossen haben, gebeten wurde, ihr Bekenntnis, das sie abgelegt hatten, durchzusehen und zu verbessern, da war es mir wohl lieb, es zu lesen zu meiner eigenen Erbauung, aber ich wollte kein Wörtlein dazu oder davon tun, weil ich dachte, jede Änderung könnte nur das Ansehen und damit die Wirksamkeit dieser Weisheit und Standhaftigkeit mindern, die, wie man so deutlich sah, aus dem Geiste Gottes kam. Seid also sicher, dass der liebe Gott, der sich zeigt, wenns nötig ist und seine Kraft in unserer Schwachheit erweist, auch Euch nicht verlassen wird, sodass Ihr seinen Namen nicht mit Macht preisen könntet. Nur geht dabei Nüchtern und voll Ehrfurcht vor und wisst, dass Gott das Opfer, das Ihr ihm bringt nach Eurem von ihm empfangenen Vermögen, nicht weniger annimmt, als wenn Ihr alle Offenbarungen der Engel verstündet. Was er Euch in den Mund legt, das wird er auch wirken lassen zur Stärkung der Seinen und zur Beschämung seiner Gegner. Denn wie Ihr zur Genüge wisst, dass wir standhaft den Gräueln des Papsttums widerstehen müssen, wenn wir nicht den Gottessohn verleugnen wollen, der uns so teuer erworben hat, so betrachtet die himmlische Herrlichkeit und Unsterblichkeit, zu der wir eingeladen sind und sicher auch kommen werden durch Kreuz, Schmach und Tod. Es ist dem Menschenverstand ein seltsam Ding, dass die Kinder Gottes bis zur Trunkenheit den Angstkelch trinken müssen, während die Bösen fröhlich sind in ihren Lüsten, ja noch mehr, dass die Sklaven des Satans den Fuß auf unsern Nacken setzen, wie man sagt, uns über uns triumphieren. Da müssen wir uns eben trösten in all unserm Elend, indem wir auf das glückliche Ende warten, das uns verheißen ist, dass nicht nur er uns befreien wird durch seine Engel, sondern dass er selbst abwischen wird die Tränen von unsern Augen [Offbg. 21, 4]. Dadurch haben wir mit gutem Recht Grund, den Stolz der armen Blinden zu verachten, die zu ihrem eigenen Verderben ihre Wut gegen den Himmel richten. Indessen wollen wir, wiewohl wir nicht gerade in der gleichen Lage sind wie Ihr, es doch nicht lassen, je und je mit Euch zu kämpfen im Gebet und sorglichem Mitleid, als Eure Mitglieder, da es dem Vater im Himmel gefallen hat, in seiner unendlichen Güte uns zu vereinen zu einem Leib unter seinem Sohn, unserm Haupte.

Deshalb bitte ich ihn, er möge Euch die Gnade verleihen, gestützt auf ihn nicht zu wanken, sondern vielmehr zu wachsen an Kraft, er möge Euch in seiner Hut halten und Euch dessen so gewiss machen, dass Ihr alles verachten könnt, was von der Welt ist. Meine Brüder lassen Euch herzlich grüßen und mehrere andere.

[7. Juli 1553].

Euer Bruder
Johannes Calvin.

Da dieser Brief, wie ich hoffe, Euch beiden gemeinsam zukommt, so will ich nur noch beifügen, dass es wohl gar nicht nötig ist, Euch lange zu ermahnen, es ist genug, wenn ich Gott bitte, er möge weiter mehr und mehr Eurem Herzen eindrücklich machen, was Ihr schon wohl erfahren habt, wie ich aus Eurem Briefe ersehe. Wiewohl es eine leidige Sache, solange schmachten zu müssen, – wenn es nur die eine Frucht hätte, dass Gott Euch zeigt, er habe Euch nicht ohne Grund bis jetzt aufbewahrt, so habt Ihr gerechte Ursache, nicht müde zu werden, noch Euch wegen der langen Dauer der Gefangenschaft zu sorgen. Und was die Krankheit angeht, so ist das wohl bedacht für Euch, wenn Gott Euch dadurch besser vorbereiten will auf den großen Kampf, damit das Fleisch, schon gehörig gebändigt, besser verzichten lernt. Seht, so müssen wir alles zu unserm Nutzen wenden, was uns der Vater im Himmel schickt. Könnt Ihr mit den andern verkehren, so grüßt sie, bitte, auch von mir. Der liebe Gott reiche Euch allen seine starke Hand, behüte und leite Euch und lasse immer mehr seine Ehre an Euch leuchten.

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