Calvin, Jean – An einen unbekannten Adressaten.

Calvin, Jean – An einen unbekannten Adressaten.

Der Adressat dieses Briefs muss ein vertrauter Freund Calvins sein, vielleicht Beza oder Viret, doch bleibt wie sein Name auch sonst mancherlei in dem Briefe dunkel; z. B. wer der N. war, dessen Name in Bezas Briefausgabe weggelassen ist. Mit Morand, seinem Vorgänger im Amt (vgl. 223) scheint Calvin ausgesöhnt zu sein. Über de Normandie vgl. 300.

Seltsame Zeichen beim Untergang Noyons. Die Verleumdungen als Zuchtrute Gottes.

Mit dem guten Manne, [der dir diesen Brief bringt], habe ich geredet. Zu berichten, welche Worte hin und her zwischen uns gewechselt wurden, hat keinen Wert. Ich ermahnte ihn und sprach zu ihm, wie sichs gehörte, doch so, dass kein böser Verdacht in ihm aufsteigen konnte. Du bist klug genug, zu sehen, wie sehr wir uns bei der geringen Zahl Gutgesinnter hüten müssen, uns ganz zu entfremden, wer noch einigermaßen erträglich ist. Von den Brüdern, die in Lyon gefangen liegen, ist nichts Neues gekommen. Sie schreiben uns je alle sieben Tage und empfangen dafür jeweilen einen Zuspruch von mir, mehr um der Gefälligkeit willen, als weil sie es nötig hätten. Denn die wunderbare Kraft des Geistes Gottes beweist sich an ihnen in ihrem vollen Glanz, und doch zweifle ich nicht daran, dass sie durch meine Briefe noch mehr ermutigt werden. In einigen anderen Gegenden Frankreichs soll das Verfolgungsfeuer auch wieder entbrannt sein; nichts anderes kann ja die Wut der Feinde dämpfen, als die Lauheit und Feigheit derer, die Christum ohne Kreuz besitzen wollen. So kommts, dass vielerorts keine oder nur seltene Verfolgungen vorkommen, weil die Wut keinen Stoff findet. Aber das ist ein erbärmlicher Friede, der mit dem Schweigen der Treulosigkeit erkauft wird! Zu Paris ist aber auf Befehl des Königs selbst der Edelmann eingekerkert worden, der uns vor zwei Jahren mit so übergroßer Bereitwilligkeit aufnahm, kurz nach Pfingsten. Es war ein sehr witziger Herr, aber nicht weniger tapfer, und hat seither stets ein leuchtendes Zeugnis seiner Frömmigkeit abgelegt. Kurz bevor man Hand an ihn legte, hatte er mir geschrieben, er sei nun ganz daran, nach Abwicklung seiner Geschäfte nach Genf auszuwandern. Und so wollte er sich mit den Tyrannen vergleichen, dass er, zufrieden mit einem Drittel seines Vermögens, zwei Drittel ihnen hinterlasse. Unter anderm erzählte er auch, was dir nicht verborgen bleiben soll, es habe sich ihm in den Ruinen unserer Stadt Noyon der seltsame Anblick geboten, dass mein Vaterhaus unversehrt stehen geblieben sei, während alle andern zu Asche geworden seien. Schließlich bemerkt er: „Ich zweifle nicht, dass Gott es als Zeugnis stehen lassen wollte gegen alle die in Ihrer Stadt, die acht oder zehn Tage vorher Herrn de Normandie im Bild verbrannt hatten usw.“ Weiter ist noch auf Beschluss des Pariser Gerichts etwas geschehen, was er als letztes berichtet. Dieses Gericht hat seine lächerliche Dummheit dadurch verraten, dass es, ohne mich zu erwähnen, den Abel vor das Gericht zu Noyon laden ließ, mit der Bemerkung, bei Nichterscheinen sei er als überführt anzusehen. Die Sache schiene mir unglaublich, hätten uns nicht die Freunde den Beschluss vom Pergament abgeschrieben gesandt. Ein Punkt ist noch der Erwähnung wert: An dem viereckigen Turm mitten auf dem Markt ließ man zu de Normandies ewiger Schmach eine eherne Tafel anbringen nach demselben Gerichtsbeschluss: jetzt ist dieser Turm samt seiner Privatwohnung vom Feuer verzehrt. De Normandie sagt nun, er entziehe sich der gerichtlichen Verfolgung, bis unsere Mitbürger seine Burg wieder aufgebaut hätten.

N., der zu unserm großen Ärger den unglücklichen Streit mit Morand hatte, hat, das muss ich gestehen, sich eine schöne Summe Geldes von hier und dort zusammengescharrt. Jedoch, dass er von mir darin unterstützt worden sei, bestreite ich, da ich vielmehr stets abriet, wenn mich jemand um Rat fragte. Aber die Schlechtigkeit dieses Menschen war so groß, dass er sich nicht scheute, ihm ganz Unbekannte anzugehn. Er ließ aber keinen los, bis er etwas aus ihm herausgepresst hatte. Meines Bruders Schwiegervater, ein Mann, der doch sein Geld so ziemlich festhält, ist um zwei Kronen geschädigt worden. Zu erzählen, mit welcher Zudringlichkeit er mich dazu bringen wollte, ihm 15 Kronen zu verschaffen, hat keinen Zweck. Da ich aber schließlich seine Unverschämtheit merkte und seiner Lügen müde war, habe ich ihm ebenso scharf und streng als offen seine Bitte abgeschlagen. Dass ihm aus unserer Armenkasse nichts ausgezahlt wurde, kann ich eidlich versichern, und es ist mir zuzuschreiben, dass er unsere Armenpfleger nicht auch betrog. Denn Vernou bat in seinem Namen, so dass ich gegen ihn hitzig wurde, weil er sich töricht einem Schwindler zu Diensten stelle. Als er dann bei mir persönlich die Hoffnung aufgab, von den Brüdern gemeinsam Hilfe erbat und wider meinen Willen in unsere Versammlung eindrang, da gab ich ihm in unserm Konvent kurz Bescheid, die Brüder könnten nicht nur seinen Bitten nicht willfahren, sondern sie wollten nicht einmal darüber beraten, da es sehr hässlich und unbillig wäre, seinen Gegner durch unser Eintreten für ihn zu verurteilen, so lang der Ausgang des Prozesses noch zweifelhaft sei und die Sache noch in Verhandlung schwebe. Ich habe mehr als zehn gute Zeugen dafür, die sagen können, dass ihm mit meiner Einwilligung kein Heller geliehen wurde. Ich habe es auch nicht heuchlerisch vor dir bezeugt, als du hier warest, es könne mich nichts dazu bringen, ihm mit einer Empfehlung zu helfen und dadurch gute Leute anzuführen. Ja, du erinnerst dich, ich habe damals etwas scharf gesprochen. Wenn ich nicht einmal mehr so falschen Vorwürfen ausweichen kann, was soll ich denn tun? Ich kann nur durch Geduld meinen Schmerz bezwingen. Damit mühe ich mich auch ab, komme aber nicht so weit, wie ich möchte. Denn es ist kein Leichtes für mich zu sehen, wie alle beifällig aufgenommen wird, was den Bösen beliebt, an Verleumdungen über mich auszustreuen. Auch hierin werden falsche Gerüchte über mich ausgestreut, nicht ohne einigen Schein der Wahrheit, weil man allgemein annimmt, ein so leichtsinniger, nichtsnutziger Mensch hätte ohne meine Zustimmung nicht dreißig oder mehr Gulden bekommen können. Gravier aber scheut sich nicht, zu prahlen, unser Rat habe ihm Amtsdiener zur Verfügung gestellt, zu einer Haussuchung bei mir. Da ist mirs gewiss schwer, gegen einen solchen Menschen, der mehr Geschrei macht als recht ist, nicht aufzubrausen. Doch hat mich bis jetzt niemand Lärm schlagen hören. Aber die Hauptsache ist, ich brauche solche Zuchtruten Gottes, damit ich zur wahren Demut erzogen werde. Noch notwendiger ist es mir, durch freiwillige Mahnungen der Brüder gezüchtigt zu werden. Darin fehlt mir aber eben dein Liebesdienst. Nicht einmal schüchtern mahnst du mich, sondern du liebkosest mich geradezu und tust, als ob dir mir gegenüber nicht mehr erlaubt wäre, als was dir auf dein Bitten gestattet würde. Ich sehe wohl, wohin du zielst. Du meinst, man müsse meine Grämlichkeit, die ich in den beständigen Schwierigkeiten bekommen habe, schonen. So angenehm mir auch diese freundliche Rücksicht ist, die aus der Liebe stammt, so schäme ich mich doch, dass du fürchtest, mich durch freie Aussprache zu beleidigen. Lebwohl, bester Bruder. Der Herr mache dich von Tag zu Tag reicher an seinen Gaben und segne dein frommes Wirken. Grüße die Brüder und Freunde von mir. Meine Kollegen und viele Brüder lassen dich vielmals grüßen.

Genf, 15. Februar 1553.
In Wahrheit Dein
Johannes Calvin.

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