Calvin, Jean – An die Gefangenen in Lyon.

Calvin, Jean – An die Gefangenen in Lyon.

Am 1. April wurden fünf südfranzösische Studenten, die in Lausanne evangelische Theologie studiert hatten, Marcial Alba, Pierre Ecrivain, Bernard Seguin, Pierre Navieres und Charles Favre, auf der Heimreise in Lyon als Ketzer verhaftet und eingekerkert; dazu kamen später noch der in Genf wohnende Pastetenbäcker Pierre Bergier und der Student Louis Corbeil. Weggelassen ist eine theologische Erörterung über eine Frage, die sie an Calvin gerichtet hatten.

Lob der Treue und Festigkeit.

Meine lieben Brüder, ich schob es bisher auf, Euch zu schreiben, da ich fürchtete, wenn mein Brief in böse Hände käme, so könnte das den Feinden neuen Anlass bieten, Euch noch härter zu bedrücken. Auch war ich davon unterrichtet, dass Gott durch seine Gnade so an Euch wirkte, dass Ihr meines Schreibens gar nicht sehr bedurftet. Doch haben wir Euch nicht vergessen, weder ich noch all die andern Brüder hier, so wenig wir im Ganzen für Euch tun konnten. Sobald Ihr gefangen genommen waret, erhielten wir Nachricht davon und erfuhren, in welcher Weise es geschehen ist. Wir sorgten dafür, dass man Euch rasch zu Hilfe kam und warten nun auf Antwort, ob dadurch etwas erreicht worden ist. Die, die etwas vermögen bei dem Fürsten, in dessen Hände Gott Euer Leben gegeben hat, haben sich redlich Mühe darum gegeben; aber wir wissen noch nicht, wie viel ihr Vorgehen genützt hat. Doch beten alle Kinder Gottes für Euch, wie es ihre Pflicht ist, sowohl um des gegenseitigen Mitleidens willen, das bestehen muss unter Gliedern eines Leibes, als auch weil sie wissen, dass Ihr für sie leidet, indem Ihr die Sache ihrer Seligkeit verfechtet. Wie es auch sei, wir hoffen, dass Gott Eurer Gefangenschaft einen glücklichen Ausgang gibt, so dass wir uns darüber freuen können. Ihr seht, wozu er Euch berufen hat; zweifelt nicht daran, dass er Euch, wie er Euch brauchen will, so auch Kraft geben wird, sein Werk zu vollenden, denn er hat es versprochen. Und wir haben es genugsam erfahren, dass er noch nie die im Stich gelassen hat, die sich von ihm leiten ließen; ja Ihr habt dafür schon Gewähr an Euch. Denn darin hat er seine Kraft gezeigt, dass er Euch solche Standhaftigkeit gegeben hat, den ersten Angriffen zu widerstehen. Vertraut ihm also, dass er das Werk seiner Hand nicht unvollendet lassen wird. Ihr wisst, was uns die Schrift vorhält, um uns Mut zu machen, den Kampf des Sohnes Gottes zu kämpfen; denkt an das, was Ihr davon früher gehört und gesehen habt und setzt es jetzt in die Tat um. Denn alles, was ich Euch sagen könnte, nützte Euch nichts, wenns nicht geschöpft wäre aus diesem Quell. Es braucht ja tatsächlich viel mehr als Menschenhilfe, um uns siegen zu lassen über so starke Feinde wie Teufel, Tod und Welt es sind; aber die Festigkeit, die in Jesu Christo ist, genügt dagegen und gegen alles, was uns erschüttern könnte, wenn wir nicht in ihm gegründet wären. Da Ihr nun wisst, an wen Ihr geglaubt habt, so zeigt nun, welche Ehrfurcht er verdient.

Weil ich hoffe, Euch später wieder schreiben zu können, so will ich jetzt meinen Brief nicht länger werden lassen. Ich will nur kurz auf die Punkte antworten, auf die Bruder Bernard meinen Bescheid verlangt. Was die Gelübde angeht, so ist unsere Regel die, dass man Gott nichts geloben darf, als was er selbst billigt. Nun ists aber so, dass die Mönchsgelübde auf eine Befleckung seines Dienstes hinauslaufen. Zweitens müssen wir es für eine teuflische Anmaßung halten, wenn ein Mensch mehr gelobt, als wozu er berufen ist. Die Schrift erklärt uns aber, dass die Virginität eine besondere Gnadengabe ist, sowohl im 19. Kapitel des Matthäus-Evangeliums, als im 7. des ersten Korintherbriefes. Daraus folgt, dass die, die sich diesen Zwang und die Pflicht, lebenslänglich auf die Ehe zu verzichten, auferlegen, von Vermessenheit nicht freigesprochen werden können, und Gott versuchen, wenn sie es tun. Der Gegenstand könnte noch viel weiter ausgeführt werden, indem man sagt, es sei zu beachten der Empfänger des Gelübdes, der Inhalt des Gelübdes und drittens der Gelobende selbst. Denn Gott ist ein zu großer Meister, als dass er seiner spotten ließe, und der Mensch muss erwägen, ob er fähig ist; denn Opfer zu bringen ohne Gehorsam ist nichts als Befleckung. Doch kann Euch schon der eine Punkt genügen, nachzuweisen, dass es eine besondere Gnadengabe ist, keusch bleiben zu können, und zwar so besonderer Art, dass sie für manchen nur zeitweilig gilt. Wer sie also wie Isaak gehabt hat bis zum dreißigsten Jahr, hat sie vielleicht für sein übriges Leben nicht mehr. Daraus könnt Ihr schließen, dass die Mönche mit ihrem Gelübde ewiger Ehelosigkeit ohne Glauben versuchen, zu geloben, was ihnen nicht gegeben ist. Was ihre Armut betrifft, so ist sie ganz verschieden von der, die unser Herr Jesus den Seinen gebot. – – – –

So will ich schließen und bitte unsern lieben Gott, er möge Euch in jeder Weise spüren lassen, was sein Schutz über die Seinen vermag, er möge Euch erfüllen mit seinem heiligen Geist, der Euch Klugheit und Tapferkeit gebe und Frieden, Freude und Ruhe bringe, dass der Name unseres Herrn Jesus verherrlicht werde durch Euch zur Erbauung seiner Kirche.

Genf, 10. Juni 1552.

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