Calvin, Jean – An den Rat von Genf.

Calvin, Jean – An den Rat von Genf.

Nach der am 22. Dezember 1551 erfolgten Verurteilung Bolsecs zu ewiger Verbannung bei Strafe der Stäupung widmete Calvin im Namen aller seiner Kollegen der Obrigkeit die gegen Pighio und den Sizilianer Georg gerichtete Schrift über die Prädestination, die als Consensus Genevensis den Charakter einer Bekenntnisschrift erhielt. Weggelassen ist eine Charakterisierung der Lehre Bolsecs, die in den folgenden Briefen wörtlich wiederholt wird.

Der Genfer Rat als Beschützer der Prädestinationslehre.

Derselbe Grund, der uns zur Abfassung dieser Schrift bewog, bringt uns auch dazu, sie Euch, edelste Herren, zu widmen, damit sie unter Eurem Namen und Ansehen ausgehe. Die Gnadenwahl Gottes, durch die er aus dem verlorenen und verdammten Menschengeschlecht zu Kindern annimmt, welche er will, ist bisher nicht weniger ehrfurchtsvoll und besonnen, als ehrlich und ungeschminkt von uns in Genf gelehrt und vom Volk ruhig angenommen worden; erst jetzt hat der Vater aller Unruhen, Satan, einen wandernden Marktschreier angestiftet, er solle versuchen, unsere Lehre, die aus dem reinen Worte Gottes genommen ist, zu zerstören und den Glauben des ganzen Volkes ins Wanken zu bringen. Weil aber dieser Hungerleider, der nach einem kleinen Rühmlein trachtete, durch seine Brandstiftung am Tempel Gottes nur bekannt werden wollte, so soll er nun auch diesen Preis seiner freveln Frechheit, den er möchte, nicht erhalten, und sein Name von uns mit Schweigen begraben werden. Im Übrigen ist es, da die Unannehmlichkeit, die er uns bereiten wollte, Euch ebenso sehr angeht, nur billig, dass auch Ihr einige Frucht davon erntet, und da wir Euch kennen lernten als energische, beherzte Verteidiger der guten Sache, so halten wir es für unsere Pflicht, Euch unsrerseits unsere Dankbarkeit zu bezeugen. Auch wird dadurch offen bekannt gemacht, welcher Art der Lehre Ihr Euren Schutz angedeihen ließet. Denn wenn es sich auch weder für die edeln Leiter eines freien Staates, noch für die Diener Christi ziemt, sich ängstlich vom Gerede abhängig zu machen, sondern vielmehr beide die vielen übeln Nachreden, die schon durch ihr heiseres Geschrei allmählich zunichte werden, getrost und wohlgemut verachten dürfen, so liegt doch sehr viel daran, dass eine Zusammenfassung des Sachverhalts, gleichsam an öffentlicher Stelle angeschlagen, vor den Augen und in den Händen der Menschen ist, die die unwahren Reden der Törichten, Leichtfertigen oder Bösen verstummen macht, und zugleich das leichtfertige Getuschel des Volkes unterdrückt. Ging doch manchen Orts das Gerücht, er liege in harter Haft, als er täglich noch über den offenen Markt laufen konnte. Wie boshaft auch die Erfindung giftiger Leute ist, wir wollten seine Todesstrafe, dafür seid Ihr uns die besten Zeugen. Solche Verleumdungen nur durch Verachtung und ruhige Größe der Gesinnung zu widerlegen, bis sie von selbst vergehen, ist die Pflicht des Ernstes und der Klugheit. Damit aber auch viele Leute, denen man doch Rechnung tragen muss, nicht im Ungewissen bleiben, ist ebenso nützlich als pflichtgemäß, den Sachverhalt allen offen darzulegen. Wie ein Krebs frisst um sich die Gottlosigkeit, sagt Paulus [2. Tim. 2, 17], wenn man ihr nicht entgegentritt. Diese Verteidigungsschrift nun, die wir unter Eurem Namen allen Frommen darbieten, wird hoffentlich zur Heilung der noch Heilbaren eine ebenso kräftige, wirksame Arznei, wie ein heilsames Vorbeugungsmittel für die noch Gesunden und Unberührten sein. Auch ists der Stoff wohl wert, dass Gottes Kinder ihren Eifer darauf richten, damit sie ihrer himmlischen Abstammung nicht vergessen. Denn töricht ist es, wenn einige die Gnadenwahl bestreiten, weil das Evangelium eine Gotteskraft genannt wird, selig zu machen alle, die daran glauben [Röm. 1, 16]. Es müsste ihnen doch in den Sinn kommen, woher der Glaube entsteht. Nun spricht es aber die Schrift überall aus, dass Gott seinem Sohne gibt, die sein waren, dass er beruft, die er erwählt hat, und durch seinen Geist wiedergeboren werden lässt, die er als seine Kinder angenommen hat; schließlich, dass die Menschen glauben, die er selbst innerlich gelehrt hat und hat ihnen die Macht seines Armes offenbart. Jeder nun, der festhält, dass der Glaube ein Angeld und Pfandder Annahme aus Gnaden ist, der bekennt auch, dass er aus dem Quell der ewigen Erwählung fließt. Und doch brauchen wir unsere Heilsgewissheit nicht in dem verborgenen Ratschluss Gottes zu suchen. In Christo ist uns ein Leben vor Augen gestellt, das sich im Evangelium nicht nur offenbart, sondern sich uns zum Genusse bietet. Auf diesen Spiegel sei der Blick des Glaubens gerichtet und begehre nicht dahin zu dringen, wohin kein Zugang ist. Das ist der Weg, den Gottes Kinder wandeln sollen, damit sie höher fliegen, als recht ist, noch in ein Labyrinth geraten, das tiefer ist, als mans wünscht. Und wie nun keine andere Tür zum Himmelreich führt als der Glaube an Christum, der zufrieden ist mit den klaren Verheißungen des Evangeliums, so ists allzu grobe Unempfänglichkeit, wenn wir nicht erkennen, dass Gott es ist, der uns die Augen aufgetan hat, weil er uns auserwählt hat, Gläubige zu sein, ehe wir im Mutterschoß empfangen waren. Dass es nun dieses unreinen, windigen Menschen Vorsatz war, nicht nur die Heilsgewissheit aus den Menschenherzen zu tilgen, sondern auch ihre Wirksamkeit ganz aufzuheben, das erhellt klar aus seinen Wahnideen, die Ihr von seiner Hand aufgeschrieben in den Akten habt. – – –

Dass wir ihn nun bei Seite ließen, und uns mit zwei andern, Alberto Pighio und Georg, dem Sizilianer, auseinandersetzen, schien uns aus einem doppelten Grunde nützlich. Denn da dieser ungelehrte Schwätzer nichts vorbrachte, was nicht aus diesen beiden Pfützen geschöpft war, und nur, was hier schon schlecht dargestellt war, noch geringer machte, so wäre der Kampf mit ihm doch gar zu gering. Ein Beispiel genüge dem Leser. Mit welchen Wortklaubereien Pighio und Georg das erste Kapitel im Epheserbrief verdunkeln, ist an seinem Ort gezeigt. Sind nun sie schon recht abgeschmackt, so ist doch die Dummheit des Menschen noch stinkender, der nicht errötete, in Eurem Ratsaal und vor so Ehrfurcht gebietender Versammlung zu behaupten und, was er frech behauptet, hartnäckig festzuhalten, es handele sich da nicht um die Seligkeit aller Gläubigen, sondern nur um die Erwählung Pauli und seiner Genossen zum Apostelamt. Ihr besinnt Euch noch, wie schnell wir bereit waren, ein so nichtiges Geschwätz zu widerlegen. Wir sagten: Wer sich einem solchem Lehrer als Schüler anschließe, lerne eine unglückliche Theologie, die uns alle der Zuversicht auf ewige Seligkeit beraube, da ja dann nur die Apostel teilhaft wären der Gotteskindschaft, nur sie mit Gott durch Christum versöhnt, gesegnet und zur Gemeinschaft der Heiligen berufen [Eph. 1, 5 – 14]. Solche Widerlegung war im Augenblick selbst am Platz, aber durch ein eignes Buch eine solche unvernünftige Kreatur zu widerlegen, dass würde sich nicht wohl passen. Es ist uns auch nicht verborgen, wie selbstgefällig er ist, und es ist auch nicht verwunderlich, dass einer, der gleich, nachdem er die Mönchskutte abgeworfen, die Maske eines Arztes anzog, so frech ist; aber um seinetwillen zum Ärger vieler auch uns zu Narren zu machen, dazu sind wir wirklich zu bescheiden. Ferner, da jene zwei Schriftsteller bekannte, offene Feinde des Evangeliums sind, der eine von ihnen den Calvin auch mit Namensnennung angegriffen und uns und der Genfer Kirche den Krieg erklärt hat, schien es uns ratsamer, das öffentlich in gedruckten Büchern verbreitete Gift der falschen Lehre auszufegen, als durch die Veröffentlichung trauriger Geschichten, die besser verborgen bleiben, die Ohren der Leute zu belästigen und zu ermüden, die schon genügend mit unnötigen Händeln geplagt sind.

Gott der Herr gebe, dass Ihr, großmächtige, edle Herren, wie Ihr bisher löblicher Weise tatet, auch fernerhin unermüdet bis ans Ende die reine evangelische Lehre, die von der feindseligen Leidenschaft der Welt vertrieben wird überall, mit treuem Schutze schirmet und nicht aufhöret, alle Frommen, die sich in Euren Schutz begeben, in Eure Gemeinschaft aufzunehmen, dass so Eure Stadt in all den furchtbaren Wirren ein starkes Heiligtum Gottes und ein sicherer Zufluchtsort für alle Glieder Christi sei. Dann wird’s auch geschehen, dass Ihr ihn als den ständigen Schirmherrn Eures Heils spürt, und das Gemeinwesen, das ihm ein heiliger Wohnsitz ist, wird sicher durch seine Kraft nie wanken.

1. Januar 1552.

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