Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (266).

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (266).

 

Calvin hatte durch persönliche Verhandlung in Zürich einen Vergleich über die Abendmahlsfrage, den so genannten Consensus Tigurinus zustande gebracht. Zu dem aufgestellten Bekenntnis macht er nun noch einige Bemerkungen, von denen zwei unwichtigere weggelassen sind. Über Lelio Sozzini siehe auch Nr. 268.

 

Über Abschluss und Veröffentlichung des Consensus Tigurinus.

 

Bei meiner Heimkehr fand ich weder von dir noch von Lelio einen Brief vor. Doch kam der von Lelio bald darauf. Deinen brachte mir erst am 17. Juni einer der französischen Gesandten und zwar mit geöffnetem Siegel. Er sagte, auf Grund unserer alten Freundschaft habe er sich diese Freiheit genommen. Ich hielt mich über diese Handlungsweise, so schmählich sie ist, nicht auf. Indessen müssen wir uns doch in acht nehmen, dass unsere Briefe nicht in solche Hände kommen. Das Schriftstück, das wir von Zürich heimbrachten, las ich den Brüdern vor, und sie beglückwünschten uns alle dazu. Bei der Reise durch Lausanne las ich es Viret und seinen Kollegen nicht nur vor, sondern ließ sie auch eine Abschrift davon nehmen. Alle waren hocherfreut und wetteiferten im Lobpreis Gottes. Einige bemerkten aber, falls es veröffentlicht werden solle, so sei noch einiges wenige zu wünschen übrig; wenn man das noch beifüge, so werde es noch klarer und leichter annehmbar.

 

– – Nach Kapitel 18, wo wir die Worte, das ist mein Leib, das ist mein Blut, bildlich erklären, dürfte es meines Erachtens nicht unpassend sein, dem Bedenken gewisser Leute entgegenzutreten. Es wird nämlich zweifellos gute Leute geben, denen es leid tut, dass bei der Nennung des Sinnbilds die versinnbildlichte Sache selbst nicht erwähnt wird, besonders da in der ganzen Schrift kein Wort vom Essen des Fleisches steht. Wie wir nun aber nicht vorsichtig genug sein können darin, dass unser Wortlaut nicht nach etwas riecht, was der krassen Auffassung des Abendmahl verwandt ist, so müssen wir andrerseits darauf bedacht sein, dass gemäßigte und recht denkende Leute nicht weniger ausgedrückt finden, als nötig wäre. Nun wäre es nicht schwer, sie zufrieden zu stellen, wenn etwa folgende Erklärung beigefügt würde: „Wenn Christus durch das Essen seines Fleisches und das Trinken seines Blutes, das hier bildlich gebraucht wird, unsere Seele weidet durch die Kraft seines Geistes, so ist das nicht so zu verstehen, als ob irgendeine substantielle Mischung oder Durchdringung stattfände, sondern so, dass wir aus dem einmal zum Opfer gebrachten Fleisch und dem zu unserer Versöhnung vergossenen Blut Leben schöpfen.“

 

Darin liegt, glaube ich, nichts, was Euch missfallen, oder andern verdächtig sein, oder zu irgendwelcher Verleumdung Anlass bieten könnte. Wird’s weggelassen, so wird man von mancher Seite die Klage hören, es sei übergangen, was am allermeisten Bezug habe auf die Streitfrage. Es wird auch nicht an solchen fehlen, die behaupten werden, das sei in der Absicht, zu täuschen, geschehen. Weniger Feindselige und Bösartige werden es so auslegen, als schwiegen wir mit Absicht darüber, weil wir darin nicht übereinstimmten. So wird in manchen Herzen ein Bedenken über die Art und Weise des Essens beim Abendmahl zurückbleiben. Mit der Entschuldigung, es sei eben schnell gegangen, wird niemand zufrieden sein, weil in einer so wichtigen Sache jedermann reifliche Überlegung fordert und man niemand davon wird überzeugen können, dass wir so schnell gemacht haben.

 

Ich bringe das deshalb vertraulich bei dir vor, damit du, solange die Sache noch unentschieden ist, mit unsern Brüdern beraten kannst, was besser ist. Meint Ihr indessen, es sei nichts mehr zu ändern, oder beizufügen, so verspreche ich, dass wir mit der Unterschrift nicht zögern werden. Freilich handelt es sich gegenwärtig noch nicht so sehr darum, da unsere Brüder in Bern von einer Veröffentlichung nichts wissen wollen, wenn sie sich nicht schließlich durch das Beispiel der andern bewegen lassen, ihrer Meinung beizupflichten. Die Gründe, die sie abhalten, scheinen mir recht schwach. Denn weder bekennen wir damit, dass bisher Uneinigkeit geherrscht habe, noch geben wir den Bösen Anlass zur Lästerung, als wollten wir aus Furcht von den gegenwärtigen Wirren einen bösen Verdacht von uns abwälzen. Nichts davon wird behauptet werden können; vielmehr wird eher der Geist aller Guten durch unsere Einigung aufgerichtet zur Überwindung der Bösen. Unsere Standhaftigkeit und unser Freimut in diesen unruhigen Zeiten wird großen Eindruck machen. Dass wir fromm und rechtgläubig denken, werden selbst solche sehen, die bisher vom Gegenteil überzeugt waren. Sehr viele, die heute noch im Ungewissen sind, werden etwas haben zur Beruhigung; Fremde, die in Ländern fern von Euch wohnen, werden Euch, hoffe ich, bald die Hand reichen. Schließlich, komme was will, so hat die Nachwelt ein Zeugnis unseres Glaubens, wie sie es aus den an Händeln reichen Disputationsakten nie hätte zusammenfinden können. Doch das will ich der Leitung Gottes überlassen, dessen Gnade ich dich samt deiner Familie und Eure ganze Gemeinde empfehle. Lebwohl, du hochberühmter Mann und im Herrn verehrter Bruder. Grüße, bitte, die Herren Theodor, Pellikan, Gwalther und die übrigen Kollegen angelegentlich. Dir und ihnen auch viele Grüße von meinen Brüdern.

 

Genf, 26. Juni 1549.
Dein Johannes Calvin.

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