Calvin, Jean – An Francesco d´ Enzinas in Basel.

Calvin, Jean – An Francesco d´ Enzinas in Basel.

Francesco d´ Enzinas (Dryander) von Burgos in Spanien gab 1543 eine spanische Übersetzung des neuen Testaments heraus, wurde dann mehr als ein Jahr zu Antwerpen gefangen gehalten, floh dann aber nach Straßburg; bei der Übergabe Straßburgs an den Kaiser wandte er sich mit vielen andern Refugianten nach Basel.

Über die Schwierigkeit einer Beurteilung der gegenwärtigen Weltlage.

Wenn du mich bittest, ich möchte dir mein Urteil über die gegenwärtige Verwirrung aller Verhältnisse schreiben, so ist dazu gar kein langer Brief nötig, weil ich bei so unklarer Lage nicht nur kein festes Urteil habe, sondern sogar nicht einmal nachzudenken wage, was der Ausgang sein wird. Denn so oft ich anfing, das zu tun, lag vor mir so dichte Finsternis, dass ich nichts für besser hielt, als die Augen zu schließen für diese Welt und auf Gott allein zu schauen. Ich rede da nur von mir persönlich. Hätte mich Gott dahin gestellt, wo gewisse andere Leute stehen, so müsste ichs anders machen. Dazu kommt, dass ich bei der Zurückgezogenheit, in der ich hier lebe wie in einer Höhle, nicht alles übersehe, was nötig ist, um sich ein Urteil zu bilden. Wird mir einmal etwas berichtet, so geschieht es erst spät. Weiter kann ja nichts sicher festgestellt werden, wenn nicht vorher alles Material dazu gesammelt wird. Nun sind mir aber die geheimen Pläne, auf die sich hauptsächlich das Urteil gründen müsste, durchaus unbekannt. Wie töricht wäre es also, so dunkle Verhältnisse hin und her zu überlegen und mich damit erfolglos zu ermüden? Du fragst: Ja, wie? So willst du allein beim Zusammenbruch der Kirche sichere Ruhe behalten? Nein, sondern Tag und Nacht seufze ich voll Angst, aber alle überflüssigen Gedanken, die zuweilen an mich heranschleichen, weise ich ab, so gut ich kann; zwar kann ichs nicht, wie ich wollte; aber es ist doch schon etwas, dass ich dem zukunftslüsternen Geist nicht nachgebe. Dagegen übe ich mich drin, zu betrachten, was schon geschehen ist, und verbinde damit, was täglich Neues geschieht. Diese Betrachtung gibt mir nun, ich wills gestehen, manchen Stoff zu Furcht und Hoffnung. Weil mir aber, wie gesagt, wieder viele Gründe im Wege stehen, so halte ich zeitig an, damit ich nicht zu kühn und zu viel weiterdenke. Die Hoffnung aber, die du in deinem Briefe aussprichst, wird uns gewiss nicht täuschen, auch wenn Himmel und Erde durcheinander gerät; nämlich, Gott werde für seine Kirche sorgen, dass sie erhalten bleibt im allgemeinen Weltuntergang sogar. Verzeih, dass ich so kurz schreibe, weil ich erst kurz vor dem Abendessen von der Abreise des Boten hörte. Mein Bruder sagte mir vormittags, er sei schon reisefertig. Da wollte ich nicht so in der Eile schreiben. Nach drei Uhr kam dann aber der Bote nochmals; so kams, dass mir nun noch weniger Zeit blieb. Lebwohl, der Herr leite dich mit seinem Geist und erhalte dich gesund.

Genf, 18. Mai 1547.
Dein
Johannes Calvin.

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