Calvin, Jean – An Wolfgang Müslin, Pfarrer in Augsburg (194)

Calvin, Jean – An Wolfgang Müslin, Pfarrer in Augsburg (194)

Über Müslin (Musculus) vgl. 69. Die Begegnung mit Bernardino Occhino geschah in Zürich auf Calvins Reise im Januar. Augsburg war in der Gewalt des Kaisers.

Teilnahme im Unglück der Augsburger Gemeinde.

Wollte ich in diesem Brief alles durchnehmen, was unsere Zeit und die gegenwärtige Weltlage an Stoff bietet, ich fände kein Ende. Auch steht mir sonst allerlei im Weg, diesen so sehr dornigen Wald von Ereignissen auch nur zu betreten. Doch möchte ich den jungen Mann, der sich mir als Boten antrug, nicht ganz ohne Brief fort senden, sondern dir wenigstens melden, dass ich bei der unglückseligen Lage Eurer Kirche, wie es sich bei unsrer Freundschaft ziemt, stets an dich gedacht habe. Ja, gleich als die ersten Gerüchte kamen, hat mich in allererster Linie die Gefahr, in der du warst, geängstigt. Als mich dann unsere ohnmächtige Teilnahme bis nach Zürich führte und ich Bernardino begegnete, der kaum eine halbe Stunde von unserm Zusammentreffen angekommen war, da vergaß ich die Begrüßung und alles andere und begann gleich nach meinem lieben Müslin zu fragen. Freilich, ich muss gestehen, ich war nur soweit um dein persönliches Wohlergehen besorgt, als ich zugleich lebhaft fürchtete, du möchtest deine Gemeinde verlassen in der Not, wie es etwa geschieht, wenn alles hoffnungslos verloren ist, oder eher, du möchtest von deiner Herde verlassen dich anders wohin begeben. Denn es ist schwer, in so dichter Finsternis zu sehen, was am besten ist. Weil jetzt aber der Herr trotz der harten Prüfung dich und deine Kollegen erleuchtet hat mit dem Geist der Klugheit und des Rats und Euren Mut erhalten hat durch den Geist der Kraft, so freue ich mich, soweit es in diesen bösen Zeiten möglich ist. Auch danke ich Gott, dass er Euch gestattet hat, unter etwas gemilderten Verhältnissen wieder aufzuatmen, bis wieder ein völlig ruhiger, klarer Himmel über Euch strahlt. Unterdessen müssen wir eben durch die Erfahrung lernen, was alle Zeit so war, dass Gott wunderbar ohne menschliche Hilfe seine Kirche schützt. Gestützt auf dieses Vertrauen wollen wir also versuchen, durchzudringen durch alle Schwierigkeiten, und wollen den Mut nie verlieren, auch wenn uns alles verlässt. Lebwohl, trefflichster Bruder und von Herzen geliebter Freund, samt deinen Kollegen, die ich alle freundlich zu grüßen bitte. Der Herr Jesus sei mit Euch, leite Euch mit seinem Geist und segne Euer frommes Wirken. Sage auch deiner Familie meinen besten Gruß.

Genf, 21. April 1547.
Dein
Johannes Calvin.

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