Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Nr. 754 (C. R. – 4074)

Francisco Porto von Kreta, Professor des Griechischen in Genf, hatte auf einer Reise die Herzogin besucht. Der ermordete Herzog de Guise war der Schwiegersohn der Herzogin gewesen, (vgl. 699, 704) und sie hatte sich über das scharfe Urteil der reformierten Pfarrer beschwert. Zum Weiteren vgl. 731, 753.

Über den Herzog de Guise und falsche und rechte Feindesliebe.

Madame, durch Ihren letzten Brief habe ich vernommen, dass, als Sie damals Messer Francisco auftrugen, ich möchte doch die, die sich als Christen bekennten, auch zur Liebe ermahnen, sich dies auf einige Pfarrer bezog, die Sie in ihrem Urteil recht lieblos fanden. Indessen kann ich annehmen, dass dieses Urteil den verstorbenen Herrn Herzog de Guise anging, sofern man ihn als zu schroff verdammte. Nun, Madame, bevor ich näher auf die Frage selbst eingehe, bitte ich Sie im Namen Gottes, wohl daran zu denken, dass Sie auch Ihrerseits Maß halten müssen; denn man kann nicht bloß im abschätzigen Urteil zu weit gehen. Und ohne mich an anderer Leute Bericht zu halten, merke ich aus Ihrem Briefe selbst, dass Ihre persönliche Neigung Sie vergessen ließ, was Sie sonst wohl wussten. Nämlich auf meine Bemerkung, David lehre uns durch sein Beispiel, die Feinde Gottes hassen [Ps. 31, 7; 101, 3], sagen Sie, das sei zu der Zeit gewesen, da es unter dem Gesetz der Strenge noch erlaubt gewesen sei, die Feinde zu hassen. Nun, Madame, eine solche Auslegung könnte die ganze Schrift umstürzen, und deshalb müssen wir sie meiden wie tödliches Gift. Denn man kann wohl sehen, dass David an Güte den besten Menschen übertraf, den man heute finden könnte. Denn wenn er sagt, dass er weinte und viele Tränen vergoss in seinem Herzen für die, die ihm nach dem Leben stellten [Ps. 38, 9 – 13], dass er einen Sack anzog und um sie Trauer trug und ihnen Böses mit Gutem vergalt [Ps. 35, 12 – 14], so sehen wir, dass er so herzensgut war, wie man es nur wünschen kann. Wenn er aber dann doch sagt, gegen die Verworfenen hege er einen tödlichen Hass, so rühmt er sich zweifellos seines rechten, reinen Eifers, der ganz in Ordnung ist, wenn folgende drei Bedingungen erfüllt sind: erstens, dass wir nicht uns und unser persönliches Interesse in Betracht ziehen, zweitens dass wir Klugheit und Vorsicht walten lassen und nicht leichtsinnig urteilen, schließlich, dass wir Maß halten und nicht über das hinausgehen, wozu wir berufen sind. Das können Sie an mehreren Stellen meines Kommentars zu den Psalmen noch weiter ausgeführt lesen, wenn Sie geruhen, sich die Mühe zu nehmen und dort nachzuschlagen. Eben darum hat uns sogar der heilige Geist den David gegeben, als Schutzpatron sozusagen, dass wir darin seinem Beispiel folgen sollen. Es ist uns ja auch tatsächlich gesagt, dass er in diesem Eifer ein Vorbild unseres Herrn Jesu Christi war [Ps. 69, 10; Joh. 2, 17]. Wollten wir nun den, der der Quell alles Mitleids und aller Barmherzigkeit war, an Milde und Freundlichkeit übertreffen, dann wehe uns! Um alle Auseinandersetzung abzuschneiden: wir wollen uns doch damit zufrieden geben, dass St. Paulus gerade diesen Spruch auf alle Gläubigen anwendet, dass der Eifer um Gottes Haus sie verzehren soll usw. [Ps. 69, 10; Röm. 15, 3]. Deshalb hat auch unser Herr Jesus, als er die Jünger tadelte, weil sie gewünscht hatten, es möge Feuer vom Himmel fallen auf die, die ihn verwarfen, wie Elias tat [Luk. 9, 54. 55], nicht gesagt, man sei nicht mehr unter dem Gesetz der Strenge, sondern nur sie gewarnt, sich nicht von einer solchen Leidenschaft hinreißen zu lassen wie der Prophet. Ja sogar St. Johannes, von dem Sie nur das Wort der Liebe behalten haben, zeigt uns deutlich, dass wir nicht unter dem Vorwand der Menschenliebe kalt werden sollen in unserer Pflicht gegenüber der Ehre Gottes und der Erhaltung seiner Kirche. Denn er verbietet uns sogar, die zu grüßen, die uns auf irgendeine Weise von der reinen Lehre abwendig machen wollen [2. Joh. 10]. Und nun, Madame, bitte ich Sie, mir zu verzeihen, wenn ich Ihnen ganz freimütig sage, dass Sie meines Erachtens das Gleichnis vom Bogen, den man auf die andere Seite biegt, wenn er sich zu stark nach einer Seite gekrümmt hat, anders aufgefasst haben als der, der es brauchte. Denn jedenfalls wollte er damit nur sagen, dass er, da er Sie übertreiben sah, dadurch gezwungen wurde, auch heftiger zu reden, und nicht, dass er die Schrift fälsche oder die Wahrheit verhülle.

Nun komme ich auf die Tatsache selbst, die ich, um Sie, Madame, nicht durch allzu große Weitschweifigkeit zu belästigen, nur kurz berühren will. Sie haben nicht allein die große Not und Bitterkeit der entsetzlichen Wirren [der letzten Jahre] gespürt. Freilich, das Übel konnte Sie umso schwerer verletzen, als Sie das Königshaus, aus dem sie stammen, in solchem Wirrsal sahen. Aber doch war die Trauer darüber allen Kindern Gottes gemeinsam, und wiewohl wir sagen konnten: Weh dem, durch welchen das Ärgernis gekommen ist [Matth. 18, 7], so hatten wir doch auch Grund genug, zu seufzen und zu weinen, denn eine gute Sache ist sehr schlecht geführt worden. Da nun die böse Geschichte alle recht denkenden Leute betrübte, so konnte Herr de Guise, der das Feuer angezündet, nicht geschont werden. Auch ich habe zwar immer gebetet, Gott wolle ihm gnädig sein, aber doch auch oft gewünscht, Gott wolle Hand an ihn legen und die Kirche von ihm befreien, wenn er sich nicht bekehren wolle. Jedenfalls kann ich behaupten, dass es nur an mir lag, dass nicht schon vor dem Krieg Männer der Tat und entschlossenen Handelns ihn aus der Welt schafften; denn nur meine Mahnung hielt sie zurück. Indessen ihn geradezu verdammt zu nennen, ist zu weit gegangen, wenn man nicht ein sicheres, untrügliches Merkmal für seine Verwerfung nennen kann, und da muss man sich wohl vor Anmaßung und Unüberlegtheit hüten. Denn es ist nur ein Richter, vor dessen Stuhl wir alle Rechenschaft abzulegen haben.

Der zweite Punkt scheint mir noch ungeheuerlicher, nämlich den König von Navarra ins Paradies zu setzen und Herrn de Guise in die Hölle. Denn wenn man beide vergleicht, so war der eine ein Abtrünniger, der andere stets ein offener Feind der Wahrheit des Evangeliums. So möchte ich in diesem Punkte größere Mäßigung und Nüchternheit gewahrt wissen. Indessen muss ich Sie doch bitten, Madame, sich nicht zu sehr zu ärgern über das Wort, für einen solchen Mann dürfe man nicht beten. Sondern lernen Sie erst unterscheiden, um welche Form und Art des Gebetes es sich hier handelt. Denn wenn ich auch für jemandes Seelenheil bete, so heißt das doch nicht, dass ich ihn in allem und überall [Gott] empfehle, wie wenn er ein Glied der Kirche wäre. Wir bitten Gott, dass er die, die dem Verderben zueilen, auf den guten Weg zurückbringe, aber damit setzen wir sie noch nicht unsern Brüdern gleich im Rang und wünschen ihnen nicht im Allgemeinen alles Gute. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen, Madame, etwas von der Königin von Navarra erzählen, das gut hier her passt. Als der König, ihr Gemahl, sich aufgelehnt hatte [wider Gott], hörte ihr Hofprediger auf, seiner im Kirchengebet zu erwähnen. Dadurch erzürnt, machte sie ihm Vorwürfe und meinte, schon im Hinblick auf die Untertanen dürfe er das [Gebet für den König] nicht unterlassen. Der Prediger entschuldigte sich und erklärte, er habe den König überhaupt nicht mehr genannt, weil er die Unehre und Schande ihres Gemahls habe schonend verdecken wollen; denn er hätte von Gott wahrhaftig nichts anderes erbitten können als seine Bekehrung, und damit wäre sein Fall ja aufgedeckt worden; denn einfach zu bitten, Gott wolle ihn im Glück erhalten, wäre Gespött und Entweihung des Gebets gewesen. Als sie diese Antwort vernommen, blieb sie ruhig, bis sie auch andere um Rat gefragt hatte, und als sie fand, dass diese gleicher Meinung seien, gab sie sich einfach damit zufrieden. Madame, ich weiß, dass diese gute Fürstin bereit wäre, von Ihnen zu lernen, wie Ihr Alter es mit sich brächte und Ihre Tugenden es verdienen, so bitte ich jetzt Sie, sich nicht zu schämen, es ihr in diesem Punkte nachzutun. Ihr Gatte stand ihr näher, als Ihr Schwiegersohn Ihnen gestanden hat. Trotzdem hat sie ihre persönliche Neigung überwunden, um nicht zu einer Entweihung des Namens Gottes Anlass zu geben, was wir täten, wenn unser Gebet entweder erheuchelt wäre oder der Ruhe der Kirche zuwiderliefe. Und um dieses Thema zu schließen mit einem Wort von der Liebe: erwägen Sie bitte, Madame, ob das recht wäre, wenn wir einem Menschen zu lieb hunderttausend andern nicht Rechnung trügen, und wenn unsre Liebe sich auf den einen beschränkte, der alles durcheinander zu bringen suchte, und seinetwegen die Kinder Gottes zurücktreten müssten. Das Mittel dagegen ist: Das Böse hassen, aber uns nicht an die Personen halten, sondern jeden seinem Richter überlassen. Erwiese mir Gott die Wohltat, dass ich mit Ihnen sprechen könnte, so könnte ich Sie hoffentlich ganz zufrieden stellen. Indessen, Madame, bitte ich Sie, wohl zu erwägen, was ich hier angedeutet habe, damit Sie sich nicht betrüben und Ihren Geist sich bekümmern lassen wegen einiger Worte, die man wohl unter die Füße treten kann.

Man fordert Sie auf, die Kaufläden der Papisten brandschatzen und plündern zu lassen. Ich kann das nicht billigen, wer es auch sonst täte; vielmehr muss ich Ihre Tapferkeit und Hochherzigkeit loben, die sich mit einer so ungerechten Forderung nicht zufrieden gab. Ebenso bei den andern Exzessen, von denen Sie berichten. Was den Streit betrifft, der in Ihrem Hause zwischen den beiden von Ihnen genannten Personen entstanden ist, so weiß ich nicht, welcher Grund vorlag, gegen die Frau zu reden. Ich bin ja dessen, was Sie, Madame, darüber sagen, sicher, aber ich weiß nicht, ob einige böse Anzeichen vorlagen, die Herrn de Collonges zwangen, die Ermahnung als vorbeugendes Mittel zu brauchen, oder ob er zu weit gegangen ist und unbedacht gehandelt hat. Jedenfalls hat der Gatte sich viel zu viel erlaubt, da man ihm doch Genugtuung anbot, und auch die Antwort und Weigerung des Herrn de Collonges verrät mehr Ehrgeiz und weltliche Eitelkeit, als die Bescheidenheit eines Vertreters unseres Standes erlaubte, was mich recht betrübt. Denn er hat sich dabei zu sehr vergessen. Wenn die Parteien übereinkommen, ihre Sache zu regeln, so will ich mein Möglichstes tun, das Übel zu heilen, auf welcher Seite es sich befinde. In diesem Punkt, Madame, gebe ich zu, dass zu befürchten ist, Gott werde uns die Güter, die er uns gegeben, nicht lange mehr genießen lassen, da ein jeder so sich selbst ergeben ist, dass wir unsern Nächsten nicht in Demut und Milde zu tragen wissen. Und weit entfernt, unsere Feinde zu lieben, indem wir versuchten, das Böse mit Gutem zu überwinden, haben wir nicht einmal soviel Liebe, brüderlichen Verkehr mit denen zu halten, die sich rühmen, Christen zu sein. Jedoch möchte ich Sie wiederum bitten, Madame, sich nicht bei der irrtümlichen Unterscheidung aufzuhalten, als sei es unter dem [alttestamentlichen] Gesetz erlaubt gewesen, sich zu rächen, wenn es auch heißt: Auge um Auge [3. Mose 24, 20]. Denn die Rache war damals so gut verboten wie unter dem Evangelium, da doch sogar geboten ist, dem Tier des Feindes wohlzutun [2. Mose 23, 4. 5]. Aber was den Richtern galt, nahm dann jeder Einzelne für sich in Anspruch, und so blieb es dann bei dem Missbrauch, den unser Herr Jesus Christus tadelt [Matth. 5, 38 ff.]. Wie dem auch sei, darin sind wir einig: wollen wir als Gottes Kinder anerkannt sein, so müssen wir seinem Vorbild gleich werden und versuchen, auch denen Gutes zu tun, die es nicht verdienen, wie er seine Sonne leuchten lässt über die Bösen und über die Guten [Matth. 5, 45]. So sind Hass und Christentum zwei Dinge, die sich nicht miteinander vertragen. Ich meine den Hass, der der Liebe zuwider ist, die wir unsern Mitmenschen schulden: nämlich ihr Wohl zu wünschen und zu erstreben und das eifrige Bemühen, soweit es geht, Eintracht und Frieden zu halten mit jedermann. Wenn die, deren Aufgabe es sein sollte, Feindschaft und Hader niederzuschlagen, Feinde zu versöhnen, zur Geduld zu ermahnen, alles Gelüsten nach Rache zu bekämpfen, selbst Händelstifter sind, so ist es umso schlimmer und umso weniger entschuldbar. Jedenfalls, Madame, sollen aber die Fehler, die Ihnen missfallen, Sie nicht kühl machen oder hindern, Ihrem schönen Beginnen entsprechend fortzufahren. Ich weiß, Gott hat Sie mit solcher Kraft gewappnet, dass es nicht nötig ist, Sie weiter anzutreiben. Deshalb verlasse ich mich darauf, dass Sie durch Ihr Beispiel denen, die nicht wissen, was Liebe ist, es zeigen, und durch Ihre Lauterkeit und Geradheit die beschämen, die Ihnen gegenüber zu Heuchelei und Verstellung greifen. Andrerseits danke ich Gott, dass er Sie hat erfahren lassen, welch ein Mann der Herr Admiral ist, so dass Sie an seiner Redlichkeit Gefallen gefunden haben. Wie es ihm gefällt, wird er auch für das Übrige sorgen. – – –

[24. Januar 1564].

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