Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Calvin, Jean – An Renata von Ferrara in Montargis.

Nr. 753 (C. R. – 4067)

Die Herzogin von Ferrara war in Paris gewesen; da auch andere Evangelische ihre Hausgottesdienste besuchten, so hatten deswegen Unruhen stattgefunden, und sie hatte Paris verlassen und war wieder nach Montargis gezogen. Calvins Bote war Jean Bude, Sieur de Verace (vgl. 538, 741). Die Münze, die Calvin der Herzogin sandte, war ein Goldstück, das ihr Vater, Ludwig XII. hatte prägen lassen, als er mit Papst Julius II. im Streite lag, und das die Umschrift trug: Ich will den Namen Babylons ausrotten. Vgl. 731. Über de Morel vgl. 499, 600, 695.

Über Notwendigkeit der Kirchenzucht. Ein Neujahrsgeschenk.

Madame, ich denke, meinen letzten Brief werden Sie erhalten haben; ich warte Ihre Antwort darauf noch ab, um mich dann meiner Pflicht noch zu entledigen in Bezug auf das, was Sie mir zu schreiben geruhten. Indessen wollte ich die Gelegenheit nicht vorbei gehen lassen, diesen Boten auch zu Ihnen zu senden, damit Sie von ihm vernehmen, wie es hier steht; denn es ist besser, ihm das zur mündlichen Bestellung aufzutragen, als damit das Papier zu belasten, da er einer meiner vertrautesten Freunde ist und ein durchaus zuverlässiger Mann, dem man bis aufs kleinste glauben kann. Es ist der Sohn des verstorbenen Herrn Bude, königlichen Bittschriften-Vorstehers, der durch sein Wissen berühmt war. Übrigens, Madame, haben Sie ja schon durch die Tat bewiesen, dass Ihnen das Wohnen in Paris nicht gefiel. Freilich wäre es ja wünschenswert, dass Sie stets bei Hofe wären zur Unterstützung der armen Kirchen. Aber es wundert mich nicht, dass Sie einen ruhigeren Ort aufgesucht haben.

Jetzt, da Gott Sie zurückgebracht hat in Ihre Stadt, müssen Sie sich doppelte Mühe geben, sowohl Ihre Untertanen als auch Ihr Hauswesen in guter Ordnung zu halten. Ich weiß wohl, Madame, wie widerspenstig das Volk ist, und wie Sie bisher an seiner Bekehrung gearbeitet haben, ohne großen Erfolg. Wie dem auch sei, ich bitte Sie, führen Sie dabei die Mahnung St. Pauli durch: Lasset uns Gutes tun und nicht müde werden [Gal. 6, 9], welche Bosheit Sie auch kühl machen will darin. Vor allem Ihr Haus soll ein Vorbild sein, den irgendwie Belehrbaren zum Beispiel und den Unverbesserlichen und ganz Verstockten zur Beschämung. Dazu, Madame, zeigen Sie, bitte, feste Hand, so gut Sie können, damit gute Zucht herrsche zur Unterdrückung aller Laster und Ärgernisse. Ich meine das nicht nur in Bezug auf Ihre weltliche Gerichtsbarkeit, sondern auch in Bezug auf das kirchliche Sittengericht; die Leute, die beauftragt sind, ein Auge zu haben auf die Sitten, sollen gottesfürchtig sein, von heiligem Leben und solcher Lauterkeit und Schlichtheit, dass nichts sie hindert, ihre Pflicht zu tun; auch von solchem Eifer, wie er nötig ist, um Gottes Ehre ganz zu wahren. Auch soll sich niemand, – er möge sein, von welchem Rang und Stand er wolle, und Ihr Vertrauen und Ihre Hochschätzung noch so sehr besitzen, – schämen, sich der Ordnung zu unterwerfen, die Gottes Sohn selbst eingesetzt hat, und den Hals unter sein Joch zu bringen. Denn ich versichere Sie, Madame, ohne dieses Mittel gäbe es eine zügellose Freiheit, die zu entsetzlichem Durcheinander führen müsste. Die, die sich irgendwie zum Christentum bekennen, würden dann jedenfalls ganz auseinander gerissen. Kurz, es gäbe ein haltloses, ganz verzerrtes Evangelium; denn man sieht wohl, wie jeder sich schmeichelt und sich die Erlaubnis erteilt, seinem Gelüste zu folgen. Es ist verwunderlich, dass dieselben Leute, die sich willig der Tyrannei des Papstes unterwarfen, nicht leiden wollen, dass Jesus Christus in aller Milde zu ihrem Heil über sie herrsche. Aber wirklich, der Teufel braucht diesen Kunstgriff, um die Wahrheit Gottes zu Schanden zu machen, den reinen Glauben zum Gespött und den heiligen Namen unseres Erlösers zur Lästerung. So ist, Madame, zu einer richtigen Kirchenreformation mehr als notwendig, dass Leute da sind, die die Aufsicht führen über eines jeden Leben. Damit aber niemand sich gekränkt fühle, Rechenschaft abzulegen vor den dazu bestellten Ältesten, so sollen diese von der Gemeinde gewählt werden, weil aller Grund besteht, diese Freiheit festzuhalten, und auch, weil dies dazu dient, mit größerer Sorgfalt die passenden und tauglichen und als solche von der Gesamtheit anerkannten Leute auszuwählen.

Ich zweifle nicht daran, Madame, dass, wenn Sie aus Ihrer Machtvollkommenheit solche Ordnung einführen, Sie an unserm Bruder [Morel] de Collonges eine gute Hilfe haben werden. Da ich aber weiß, welcher Korruption die Fürstenhöfe ausgesetzt sind, so scheint mir eine Ermahnung, ihn dabei zu schützen, nicht unangebracht. Ja, es ist vielleicht gut, Sie auf das eine aufmerksam zu machen, dass der Teufel sich allezeit bemüht hat, die Diener des Evangeliums durch falsche Berichte und Verleumdungen verächtlich oder verhasst und unbeliebt zu machen. Deshalb müssen sich alle Gläubigen vor solcher List hüten. Denn wirklich, wenn einem die Weide zur Seligkeit verleidet ist, so heißt das nicht nur seinen Leib schädigen; denn es handelt sich dabei um das Leben der Seelen. Wie dem auch sei, Madame, wenn es Leute gibt, die versuchen, wenn auch nur indirekt, Sie von der Fortführung des so schön Begonnenen abzubringen, so müssen Sie diese Leute fliehen wie tödliches Gift, denn sie sind tatsächlich vom Teufel aufgestiftet, um Sie unversehens abzuziehen von Gott, der doch anerkannt sein will in seinen Dienern.

Vor allem, Madame, lassen Sie sich nie dazu bringen, etwas am Wesen der Kirche, wie es der Sohn Gottes durch sein Blut geheiligt hat, zu ändern. Denn er ists, vor dem sich alle Knie beugen müssen [Phil. 2, 10]. Wenn jemand, um Ihnen schön zu tun, sagt, Ihr königliches Haus müsse aber doch sein Vorrecht haben, so denken Sie daran, dass man Ihrem Hause keine größere Unehre antun könnte, als es vom Leib der Kirche zu trennen, und wie im Gegenteil es für Sie die größte Ehre ist, wenn Ihr Haus gereinigt wird von allem Schmutz. Ich bitte Sie, Madame, wo braucht man eher Arznei als da, wo die Krankheiten im Schwange gehen? Nun urteilen Sie selbst, ob ein Hof nicht leichter über das Erlaubte hinausgeht als eine kleine, bürgerliche Haushaltung, wenn man nicht etwas dagegen tut. Ich sage nicht, dass, wenn Ärgernis gegeben wird unter Ihren Leuten, man nicht Sie, das Hauptglied der Gemeinde, darauf aufmerksam mache, um einmütig eine Züchtigung ins Auge zu fassen, sondern ich meine nur, Ihr Recht im eignen Hause soll das Eingreifen der Kirchenzucht nicht hindern; denn wollte man Ihre Hofleute schonen, so zerflösse aller Respekt vor dem Sittengericht wie Wasser.

Nun zu etwas anderem, Madame: schon lange habe ich die Absicht gehabt, Ihnen eine Goldmünze zu verehren. Halten Sie das wohl für allzu kühn? Da ich aber im Zweifel war, ob Sie ein solches Stück nicht schon besäßen, habe ich es bis jetzt unterlassen; denn es hat nur Wert für Sie, wenn es Ihnen neu ist. Schließlich habe ich die Münze nun dem Überbringer anvertraut, er möge Sie Ihnen zeigen, und wenn Sie diese Prägung noch nicht kennen und geruhen wollen, sie zu behalten, so ists das schönste Neujahrsgeschenk, das ich Ihnen geben kann.

Madame, indem ich mich Ihrer Gewogenheit ganz ergebenst empfehle, bitte ich den lieben Gott, er wolle Sie in seiner heiligen Hut halten und Sie zunehmen lassen in allem Guten und Glücklichen.

8. Januar 1564.

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