Zwingli, Huldrych – An Balthasar Stapfer, Landschreiber zu Schweitz

Zwingli, Huldrych – An Balthasar Stapfer, Landschreiber zu Schweitz

Lieber, Geehrter, Getreuer! Ich freute mich sehr über Eure in Eurem Schreiben ausgesprochene Gesinnung. Bleibet bei derselben! denn dieß ist der einige Weg zur Seligkeit. Daß Ihr mir aber solchen Dank wegen der Euch einst erwiesenen unbedeutenden Wohlthaten sagtet, war nicht nöthig; doch verräth es ein gutes Gemüth. Denn nichts ist schändlicher als ein undankbares Herz. Das aber, wessen ich von boshaften Menschen beschuldigt werde, würde ich nicht zum Mindesten beachten, wenn es nicht zum Nachtheil des göttlichen Worts vorgebracht und verbreitet würde. Denn das habe ich nun durch Gottes Gnade gelernt, daß die Lügen, welche mich allein berühren, mich nicht kümmern, und ich sie jederzeit zu übersehen pflegte. Wenn man sie aber so häuft, nur die Wahrheit zu unterdrücken, so schütze ich mit Einer Arbeit meinen Ruf und den Glauben oder die Achtung des göttlichen Worts. Weil Ihr aber so ängstlich Abwehrung der Anklagen begehrt, die nur deßhalb wider mich vorgebracht werden, damit das untrügliche Wort Gottes nicht Statt noch Glauben finde, so vernehmet erstlich, daß ich nie irgend aus einem Hasse gestritten, geschweige das heilsame Gotteswort gepredigt habe. Mein ganzes Leben bezeugt mir dieß. Denn bei meinen Herren in Glarus erging ich mich so friedlich und freundlich, daß nie ein Zwist obwaltete, und zog von ihnen mit einer solchen Gunst fort, daß sie mir die Pfründe noch 2 Jahre ließen in der Hoffnung, ich werde wieder zu ihnen kommen, was auch geschehen wäre, wenn ich nicht nach Zürch gekommen wäre; und bei meinem Abzug schenkten sie mir 20 fl. wegen der Kosten, die ich der Pfründe halber erlitt, welche mich weit über 100 fl. gekostet hatte. Zu Einsiedel aber stehe ich noch jetzt in Gunst und Liebe bei dem Herrn und dem Volk. Was Alles beweist, daß ich kein schädlicher Mensch bin: denn schädliche Menschen hadern, rechten, streiten, dergleichen ich nichts that. Wo Haß ist, da besteht keine Sorge für Andere. Wenn ich nun dem wankenden Regiment und gemeinen Besten der Eidgenossenschaft zu Hülfe zu kommen suche, so zeigt sich hierin wahrlich nicht Haß, sondern die Liebe, welche ich, ich rufe Gott zum Zeugen an, von Kindheit an jederzeit so groß und stark gegen die ehrsame Eidgenossenschaft hegte, daß ich mich als Jüngling desto fleißiger in jeder Kunst und Wissenschaft übte zu dem Zweck rc. (Hier ist der Brief abgebrochen.)

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

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