Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (707)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (707)

Nr. 707 (C. R. – 3802)

Graf d´ Eu, Herzog de Nevers, war Generallieutenant des hugenottischen Heeres; der Herzog d´ Aumale, ein jüngerer Bruder Francois de Guise, war Gouverneur von Burgund; über de Bourbon-Montpensier vgl. 668. Hartmann von Hallwyl war politischer Agent und Werber der Hugenotten in Deutschland und der Schweiz. Die in der Nachschrift erwähnte Gesandtschaft war wohl eine von Calvin durch Bude (vgl. 704) bewirkte Vermittlungsgesandtschaft der deutschen Fürsten, von der Bullinger lutherische Intrigen befürchtete.

Kriegsnachrichten. Calvin als Werber und Diplomat.

Ich wollte in diesen Tagen nicht schreiben, da aus Frankreich nur verworrene Alarmbotschaften kamen; denn Trauer und Scham hielten mich zurück. Jetzt ists aber notwendig, dir zu schreiben; doch bevor ich zur Hauptsache komme, will ich dir kurz die gegenwärtige Lage schildern. Man glaubt bestimmt, die Unsern hätten sich nicht weit von den Feinden verschanzt, und darin soll ihr ganzer Sieg liegen. Hätten sie doch besser standgehalten! Doch lassen wir die Vergangenheit; wenn nur das Sprichwort gelten wird: früh genug, wenns gut genug ist. Die Picardie halten die Gegner besetzt; in der Champagne hält der Herzog de Nevers seine Truppen bereit. Die Normandie ist ganz unser, und der Herzog d´ Aumale, ein Bruder von de Guise, ist mit Schimpf und Schande daraus vertrieben. Das Tal der Loire halten wir besetzt bis Angers, das auch in unsern Händen war, sich aber schmählich übergab, während ein Ersatzheer ganz in der Nähe stand. Doch brauchten sie eine lobenswerte Kriegslist; denn beim Verlassen der Stadt besetzten sie die Burg ihres Feindes de Montpensier, der ein Neffe Bourbons ist; dadurch nötigten sie ihn, die Stadt zu schonen. In Bourges fand man eine ziemlich große Geldsumme, die unser Heer erhält, ohne dass Privatleute geschädigt werden müssen. Die Herzogin von Ferrara ist nach Paris gekommen, um zu zeigen, wie fern sie ihrem Schwiegersohn [de Guise] steht. In der Gascogne tobt der Krieg; doch haben dort die Unsern bei weitem die Oberhand. Bordeaux wird heute wohl in unserer Gewalt sein; wenn ich die Stadt nenne, so meine ich die beiden Burgen, die auf beiden Seiten sie überragen. Toulouse ist und durch eines Mannes Treulosigkeit entrissen worden. Von den Unsern zogen zweitausend Mann bewaffnet ab; die Feinde, die heimlich eingedrungen waren, unterließen keine Rohheit. Der Stadtrichter und ein paar Ratsherren wurden enthauptet, mehrere von den vornehmsten Bürgern gehenkt. Als sie die öffentlichen Gebäude in Brand stecken wollten, breitete ein plötzlich sich erhebender Wind das Feuer aus und vierhundert Häuser sind niedergebrannt. Die Häuser aller Evangelischen sind geplündert worden; es muss eine fürchterliche Verwüstung gewesen sein. Dann zogen sie nach Gaillac, einem Nachbarstädtchen, und erwürgten dort alle Evangelischen. Dieses Blutbad übersteigt alles, was bisher geschehen ist. Doch haben sie vielleicht ihre Grausamkeit bereits schwer gebüßt; denn von allen Seiten rückten Truppen heran, um den Unsern Hilfe zu bringen. Was auch geschehen sein mag, – aus dem blutigen Sieg, – denn einen solchen muss es meiner Ahnung nach geben, – wird nicht viel Erfreuliches hervorgehen. Das sind die Früchte unseres Zauderns. In der Provence sind wir noch im Nachteil, aber ohne Verluste. Doch hofft man auf einen Umschwung in wenigen Tagen, und bereits kommen erfreuliche Nachrichten. In Chalons haben wir kürzlich einen schweren Schaden erlitten; der dorthin gesandte Offizier tat, wie wenn er der Allertapferste wäre, und verließ dann doch gleich ohne Grund seinen Posten; die Stadt liegt dazu noch an dem Fluss, auf dem fast alles Getreide für Lyon transportiert wird.

Bisher war man noch im Zweifel, ob man fremde Hilfstruppen ins Land rufen solle. Ich war stets dafür, die Unsern sollten nicht den Anfang damit machen; denn ich möchte nicht, dass man die Unverschämtheit der Gegenpartei, die auch das Schlimmste nicht scheut, nachahmte. Jetzt aber, da sie Büchsen-Reiter aus Deutschland angeworben haben, können wir uns gut entschuldigen. Doch ist die Sache noch nicht reif, bis die Gegner diese Truppen ins Feld rücken lassen. Indessen ist es nötig, dass wir uns bereithalten, so dass jeden Augenblick unsere Hilfsvölker einrücken können, die wir zu zwei Dingen brauchen. Das erste wäre, dass schon das Gerücht von ihrem Vorhandensein den Gegnern einen Schrecken einjagte. Sie müssten sich dann in Lyon und Umgegend den Feinden entgegen werfen, wenn etwa die Unsern ihnen nicht gewachsen sind an Truppenzahl. Der Bote wird in Bern die Stimmung prüfen, ob er etwa erwirken kann, dass man aus Gefälligkeit den Durchmarsch der Truppen gestattet. Von Euch wünschen wir nichts anderes, als dass Freiwillige aus Euerm Gebiet sich den andern in der Schar beimischen. Das Neuchateller Gebiet kann mit Leichtigkeit fünfhundert stellen. Dreitausend genügen uns und noch einige Walliser. Zwar haben uns schon vor einem halben Jahr zwei Hauptleute dort versprochen, fünf bis sechs Fähnlein brächten sie schon vollständig zusammen. Doch gefiel mir dieser Plan nicht; denn die Sache ist schwierig, und ich wollte auch dieses wilde Volk nicht ins Land kommen heißen. Ich möchte, du strengtest dich mit allen Kräften an, dass auch Euer Gebiet uns eine kleine Hilfstruppe stellt. Es genügt, wenn sie sich bereithalten. Zehrgeld ist schon vorhanden, mit dem sie bis Lyon kämen, und um guten Sold sollen sie auch nicht betrogen werden. Wenn uns jetzt Herr von Hallwil noch hundert bis zweihundert Reiter aufbringen könnte, so wäre es das Allerbeste und eine seiner ganz würdige Tat. So bitte und beschwöre ich dich inständigst, gib dir ernstlich Mühe, ihn dazu zu bewegen. Es ist nicht an uns, Bedingungen zu machen; aber sobald ich seine Forderungen weiß, verspreche ich dir alles, und er wird erfahren, dass mein Versprechen gilt. Lebwohl, berühmtester Mann, verehrter Bruder, samt Herrn Martire, Gwalther und den übrigen Freunden. Der Herr erhalte Euch gesund; er stärke Euch und mache dich reich an seiner Gnade und allen Gütern.

Genf, 9. Juni 1562.

Dein

Johannes Calvin.

Über das Resulat der Gesandtschaft brauchst du dich durchaus nicht zu sorgen; ich habe in der Sache eine List angewendet. Ich wusste von Anfang an, dass gar keine Möglichkeit einer Verhandlung bestehe, und dass der Fürst gar nicht frei handeln könne. Die Lutheraner mögen tun, was sie wollen; das Augsburgische Bekenntnis wird stets abgelehnt werden. Aber ich hoffte auf etwas anderes und habe darin auch etwas erreicht, glaube ich, nämlich dass, wenn von Euch und von den Deutschen Gesandte abgeschickt würden, dann wenigstens die Soldaten zu Hause blieben. Da ich es nicht erreichen konnte, dass die Unsern zur rechten Zeit weiterkämen, so suchte ich wenigstens so für eine Art Waffenstillstand zu sorgen. Wie dem auch sei, – von aller Sorge wegen des Augsburgischen Bekenntnisses kann ich dich befreien, und wenn Beza in seinem Briefe sagt: wenn die Unsern ihre Meinung nicht ändern, so bezieht sich das keineswegs auf die Lehre, die uns die Gegner in ihren Verhandlungen durchaus berührt lassen. Eine andere Gefahr war zu befürchten, nämlich dass sie uns wieder unbewehrt überfielen; aber auch dem Übelstand ist bereits begegnet.

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