Calvin, Jean – An die Pfarrer von Lyon.

Calvin, Jean – An die Pfarrer von Lyon.

Nr. 706 (C. R. – 3785)

In Lyon hatten sich nach Ausbruch des Bürgerkrieges die Evangelischen unter Führung des Pfarrers Jacques Ruffi am 30. April der Stadt bemächtigt; dabei kam es zur Plünderung der Kirche St. Jean. Der Gouverneur von Lyon war Francois d´ Agoult, Graf de Sault. Am 5. Mai übernahm dann Baron Francois des Adrets, der General des hugenottischen Fußvolks, im Auftrag des Prinzen de Conde das Kommando in Lyon; an ihn wendete sich Calvin in einem Briefe gleichen Inhalts.

Strafbrief wegen der revolutionären Ausschreitungen.

Sehr liebe Brüder, schon lange warten wir auf einen Brief von Euch, damit wir bei seiner Beantwortung Gelegenheit hätten, uns dessen zu entlasten, was uns drückend auf dem Herzen liegt. Aber seit dem in Lyon eingetretenen Umschwung haben wir kein Wort erhalten, weder von Euch, noch vom Kollegium der Ältesten. So denken wir, es müsse ein großes Durcheinander sein bei Euch, da wir von einigen aufgefordert worden sind, Eurer Kirche zu Hilfe zu kommen, und Ihr doch nicht dergleichen tut, als wäre etwas vorgefallen. Selbst Herr Jerome des Gouttes, der kürzlich hier durchreiste und doch abgesandt war, damit man Euch Pfarrer zur Hilfe sende, erklärte, man habe ihm keinen Brief mitgegeben. Indessen hören wir Neuigkeiten, die uns große Angst machen. Wir wissen wohl, in so aufgeregten Zeiten ist es schwer, sich so zu mäßigen, dass keine Ausschreitungen vorkommen, und wir würden es leicht entschuldigen, wenn Ihr den Zügel nicht so straff angezogen hättet, wie es wünschenswert gewesen wäre. Aber es liegen doch ganz unerträgliche Dinge vor, deretwegen wir Euch strenger schreiben müssen, als wir möchten. Es wäre Verrat an Gott, an Euch und an der ganzen Christenheit, wenn wir verschweigen wollten, was Ihr jetzt zu unserm großen Leidwesen von uns hören müsst. Es ist kein Tun, das einem Pfarrer ziemt, wenn er sich zum Soldaten oder Hauptmann macht; aber noch viel schlimmer ists, wenn einer von der Kanzel steigt und zu den Waffen greift. Der Gipfel aber der Unziemlichkeit war es, mit der Pistole in der Hand zum Gouverneur der Stadt zu kommen und ihn mit dem prahlerischen Hinweis auf Macht und Gewalt zu bedrohen. Denn man hat uns berichtet, und wir haben von glaubwürdigen Zeugen vernommen, Ihr habet ihm gesagt: Monsieur, Sie müssen es tun; denn wir haben die Gewalt in unserer Hand! Solche Worte, das sagen wir Euch gerade heraus, sind uns abscheulich wie eine Missgeburt. Wir verabscheuen auch die Proklamation, die der Gouverneur und die Pfarrer erlassen haben. Ins gleiche Gebiet gehört das Ausstellen von Pässen und dergleichen Dinge; solche Ungeheuerlichkeiten haben vielen das Evangelium verekelt und verleidet und haben alle frommen, bescheidenen Leute verwirrt und verdrossen. Es war noch nicht genug: es musste noch das Land durchzogen und Beute gemacht werden; Kühe und anderes Vieh wurde zusammengetrieben, und das nach der Ankunft des bevollmächtigten Herrn Barons des Adrets, der solche unverschämten Übergriffe nicht gebilligt hat, während solche, die sich rühmen, Diener am Worte Gottes zu sein, sich nicht schämen, damit sich abzugeben. Und nun sind diese alten Wunden wieder frisch aufgebrochen, als wir hörten, das aus der Kirche St. Jean Geraubte sei jedem, der ein Angebot macht, zum Kaufe feilgeboten und für 1200 Taler veräußert worden; ja man habe den Soldaten versprochen, jedem seinen Anteil daran auszuzahlen. Freilich, es ist nur Herr Ruffi, dem all das zur Last gelegt wird; aber uns scheint, Ihr seid zum Teil auch daran Schuld, da Ihr es nicht unterdrückt habt, obwohl Ihr die Freiheit und Macht dazu gehabt hättet; denn wenn er sich Eurer Mahnung nicht unterwerfen will, so mag er sich anderswo eine Kirche suchen oder bauen. Wir können Euch nicht mild zurechtweisen über die Dinge, die wir nicht ohne große Beschämung und Herzensbitterkeit hören können. Wiewohl es nun zu spät ist zur Abhilfe, so können wir doch nicht anders, als Euch im Namen Gottes bitten und mahnen, soviel wir können: gebt Euch Mühe, die begangenen Fehler wieder gut zu machen und vor allem tut all den Raub und Diebstahl von Euch. Es wäre besser, sich von Leuten, die so vorgehen, zu trennen und sie zu verlassen, als durch die Verbindung mit ihnen das Evangelium solcher Schmach auszusetzen. Schon die Bilderstürmereien in den Kirchen geschahen aus recht unbedachtem Eifer; aber was man in der ersten Hitze und in einem gewissen frommen Drang tat, werden gottesfürchtige Leute nicht allzu streng beurteilen. Doch was soll man zu diesen Beutezügen sagen? Mit welchem Recht ist es erlaubt, zu rauben, was nicht einmal einem einzelnen gehörte? Sind Straßenräuber strafbar, so ist es doppeltes Verbrechen, das Gemeinwohl zu bestehlen. Wollt Ihr deshalb nicht von allen rechtschaffenen Leuten gehasst und verabscheut werden, so sorgt dafür, dass das Ärgernis wieder gut gemacht wird. Denn zögert Ihr länger damit, so kommt Ihr, fürchten wir, nie mehr dazu. Deshalb bitten wir Gott, er wolle Euch leiten mit dem Geiste der Klugheit, Euch führen in aller Gerechtigkeit und Rechtschaffenheit, Euch stärken mit Festigkeit und Kraft, damit Eure Mühe nicht umsonst sei, sondern Eure Predigt Frucht bringe zur Verherrlichung seines Namens.

Genf, 13. Mai [1562].

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