Calvin, Jean – An Antoine de Bourbon, König von Navarra.

Calvin, Jean – An Antoine de Bourbon, König von Navarra.

Nr. 694 (C. R. – 3664)

Um seine spanischen Besitzungen wiederzuerhalten, hatte der König einen Gesandten, Francois d´ Escars, nach Rom gesandt und dem Papste angeboten, wenn er ihm dazu verhelfe, so wolle er in Frankreich den Katholizismus verteidigen, sonst werde er offen zum Protestantismus übergehen.

Scharfe Strafrede über seine Politik.

Sire, die Furcht, Sie zu belästigen, hält uns ab, Ihnen so oft zu schreiben, wie wir möchten und es vielleicht gut wäre. Aber wenn uns das das Schreiben schwer machte, so hat uns der Brief der Königin, Ihrer Gemahlin, nicht nur dazu ermutigt, sondern uns auch jede Ausrede eines Aufschubs genommen. Denn da Gott sie ganz erfasst hat, so genügt es ihr nicht, ihm auf dem guten Weg zu folgen und dahin zu gehen, wohin er sie ruft, sondern sie hat uns auch ermahnt, und zwar dringend, unser Möglichstes zu tun, um auch in Ihnen den Mut und den hohen Sinn, den Sie an den Tag legen sollten, zu steigern. Da ihr Wunsch lobenswert ist, muss er uns auch ein guter Ansporn sein. Sie nämlich, Sire, sind doch das Haupt Ihrer Gemahlin und sollten ihr ein Beispiel geben, so dass die Übereinstimmung mit Ihnen in einer so heiligen Sache sie immer mehr zur Ehre Gottes anzutreiben vermöchte. Sie haben ja wirklich schon Grund zur Freude und zum Lob Gottes, weil er Ihre Gemahlin so geführt hat, dass sie nicht mehr, wie bisher, wo sie Ihre Leitung entbehren musste, Ihnen auch keine Hilfe sein konnte, sondern sich aufrichtig bemüht, Ihnen beizustehen, wie es ihre Pflicht ist. Indessen, wie Ihre Gemahlin nun fest entschlossen ist, ihre Schuldigkeit gegen Gott zu erfüllen und die Versäumnisse der Vergangenheit wieder gut zu machen, so ist es auch Ihre Pflicht, Sire, nun rasch vorwärts zu gehen, Ihrem Stand und Rang entsprechend. Denn das ist das herrlichste aller Ihrer Vorrechte, dass Sie sich so mannhaft halten dürfen, dass die Frau, die Ihnen zu gefallen trachtet, sich doppelt freuen kann, wenn ihr Gehorsam gegen Sie, ihren Ehemann, zugleich zu Gottes Verherrlichung dient. Aber selbst wenn das alles nicht so wäre, Sire, so wären Sie Ihrer Pflicht gegen Gott nicht ledig. Aber ein solcher Vorzug verdient wohl, dass Sie ihn geltend machen und sich deswegen besonders anstrengen, wie er es andrerseits unentschuldbar macht, wenn Sie lässig vorgehen. Verzeihen Sie uns nun, Sire, wenn wir nicht verhehlen können, dass Sie bisher, was Gott mit gutem Recht von Ihnen fordert, nicht ganz erfüllt haben. Nicht etwa, dass wir die Schwierigkeiten, die Sie, Sire, von allen Seiten umgeben, nicht genug in Betracht zögen, aber wenn Sie bedenken, dass wir Sachwalter Gottes sind, so müssen Sie es in Ihrer Frömmigkeit eben leiden, dass wir, um Gottes Rechte zu verteidigen, Ihnen nicht schmeicheln. Vor allem bitten wir Sie, die Lehren des 119. Psalms recht zu beherzigen, in dem der Prophet bittet: „Nimmt ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit [Ps. 119, 43]. Damit scheut er sich erstens nicht, offen zu bekennen, dass er sich nicht stets ganz so freimütig benommen hat, wie er es zur Verteidigung der Ehre Gottes hätte tun sollen, obwohl er im gleichen Psalm [119, 16] sich einen Prediger des Gesetzes vor Königen und Fürsten nennt. Aber er weiß wohl: in einer so großen, wichtigen Sache ist auch noch schuldig, wer das Beste geleistet hat. So missfällt ihm seine Schwachheit, und er will erst zufrieden sein, wenn er noch weiter gekommen ist. Da er also zeitweilig nicht eifrig genug war, die Sache Gottes zu verfechten, so sucht er dazu Hilfe, wo wir sie allein finden können, nämlich bei Gott, der uns stärken kann durch die Kraft seines Geistes. Wie dem auch sei, jedenfalls schläft er nicht ein in seiner Gleichgültigkeit, sondern bricht mit allem Zögern als ob er nicht früh genug an das Ziel kommen könnte, nach dem er strebt. Deshalb wünscht er, Gott wolle ihn nicht in der Schwachheit lassen, die er bisher an sich kannte. Und wie er es deutlich ausspricht, dass der Glaube nicht begraben liegen darf, ohne sich vor den Menschen wirksam zu erweisen, so setzt er auch keinen Zweifel darein, dass der Glaube auch den ganzen Gottesdienst nach außen hin umfasse. Nun ists an Ihnen, Sire, zu betrachten, wir wollen nicht sagen, ob Sie auch so freimütig, wie es sich gehört hätte, Zeugnis abgelegt haben von Ihrem Glauben, sondern nur, ob Sie auch nur halbwegs dahin gekommen sind. So ists höchste Zeit zu eilen, damit nicht die Nacht komme und Sie überfalle. Überhaupt, Sire, wie viel fehlt noch, bis Sie die Sache Jesu Christi vertreten nach Ihrem Stand und Ihrer Würde, die Sie zu viel mehr verpflichten als irgendeinen Privatmann! Wenn irgendein armer Mensch niederen Standes dergleichen tut, als lasse er ruhig den Namen Gottes lästern, den Glauben schmähen, die arme Kirche mit Füßen treten, so muss er ja über sich das Urteil fällen, dass das Wort der Wahrheit nicht in seinem Munde war. Und wie steht es nun, danach gemessen, mit Ihnen, Sire, in all Ihrer Macht, Ehre und hohen Stellung, wenn Sie sich einmal, ohne sich schmeicheln zu wollen, auf eine Abrechnung mit dem einlassen, von dem Sie alles haben?

Es wäre auch feig von uns, wollten wir das Vorgehen mit Schweigen übergehen, das bei Großen und Kleinen so besonders großes Ärgernis erregt hat, nämlich die unglückselige Verhandlung, die in Rom mit Ihrem Namen geführt worden ist. Das hat ja alle guten Eiferer um Gottes Ehre und um den guten Ruf Ew. Majestät zum Erröten, Weinen und Klagen gebracht, ja vor Ärger fast bersten lassen. Sie können sich wahrlich gar nicht genug anstrengen und mühen, Sire, um diesen Fehler vor Gott und Menschen wieder gut zu machen. Wir wollen gar nicht von dem reden, den man brauchte, um dabei das Wort zu führen, denn ein guter Mensch hätte sich ja nicht gefunden, eine solche Aufgabe zu übernehmen. Aber es scheint fast, als ob er und Ihre Feinde über Sie einen Triumph der Lästerung hätten davontragen wollen, wie es ja auch geschah, indem sie eine solche Schändlichkeit noch drucken ließen, die nur schon allzu weit herum bekannt geworden war. Wir sehen wohl, Sire, was Sie dazu gebracht hat; aber sei es, dass die Verlegenheiten, in denen Sie sich momentan befanden, Sie nachgiebiger machten, als Sie selber wollten, oder sei es, dass Sie auf Ihre persönliche Sicherheit Rücksicht nehmen wollten, um den Ränken Ihrer Feinde zu entgehen, oder sei es schließlich, dass nur die Hoffnung auf Wiedererlangung Ihres Besitzes Sie angezogen hat, so gilt doch alles das, Sire, nicht vor Gott, um Sie los zu sprechen. Tatsächlich, was wäre es auch, wenn man Ihnen sagte, man wolle Ihnen die ganze Welt geben, aber Sie müssten dem huldigen, der nichts kann, als Böses tun? Verzeihen Sie der Notwendigkeit, Sire, die uns zwingt, so mit Ihnen zu reden; denn wir sind um Ihr Wohl besorgt, ja um noch etwas viel Größeres und Wichtigeres, nämlich um die Ehre Gottes und die Förderung des Reiches Jesu Christi, auf dem Ihr und aller Menschen Wohl beruht. Ja, Sire, wenn wir Sie bitten, fortan tapfer aufzutreten mit einem ehrlichen, lauteren Bekenntnis des wahren Christentums, so tun wir das nicht, weil wir all die Kämpfe und Schwierigkeiten, die man Ihnen fortwährend bereiten wird, nicht sähen. Auf den Bann müssen Sie sich mindestens gefasst machen. Aber man hat ja doch allen Grund, im Dienst dessen, dem man alles schuldet, nichts zu sparen. Freilich, Sie können nie zu dem festen Entschluss kommen, zu wandeln, wie Gott Sie ruft, bis Sie gelernt haben, sich auf seine Verheißung zu stützen; aber doch hält er Ihnen schon vorher die Hand hin, um Sie auf allerlei Weise zu unterstützen. Denn stehen auf der einen Seite Drohungen, Gefahren und Schrecken, so sind dafür auch gute Mittel da, die Ihnen sofort zu Gebote stehen, wenn Sie sie annehmen wollen. Selbst wenn Ihnen alles verschlossen wäre, Sire, so müssten Sie doch nach dem Worte Davids handeln, dass Gott den Seinen Füße gibt gleich den Hirschen, damit sie über hohe Mauern springen können [2. Sam. 22, 30, 34]. Wenn Ihnen aber Gott entgegenkommt und Ihnen Türen zeigt, so bitten wir Sie, Sire, versäumen Sie nicht einzutreten und benutzen Sie die Gelegenheit, die man sich auch nach dem allerweltlichsten Sprichwort nicht entwischen lassen darf. Denn wiewohl die weltliche Politik weite Umwege macht, – Gott will, dass man in der Verteidigung seiner Sache offener vorgeht, und die Methode des Zauderns, die Sie bisher befolgt haben, Sire, gilt in seiner Werkstatt nie für die rechte.

Das soll Sie nun aber nicht zu überstürztem Handeln verleiten. In einzelnen ist sogar ein unbedachter Übereifer, den wir nicht billigen und den wir gerne dämpfen möchten, wenn wir könnten. Da wir aber dazu nichts tun können, so bitten wir Ew. Majestät, ihn auch ertragen zu wollen. Ja, wir meinen, Gott habe, um die Trägheit der Großen zu bestrafen, die Kleinen so vorwärts dringen lassen, dass es heute sehr schwer wäre, sie zum Zurückweichen zu bringen. Hat es ihm nun gefallen, so zu wirken, und das umso mehr, als die Bösen ihm zu widerstreben suchen, so sollte das Sie, Sire, umso mehr anspornen, die schwachen Werkzeuge, in denen schließlich doch die Kraft des heiligen Geistes zutage tritt, nützlich zu verwerten. Wir haben wirklich alles getan, dass man sich mit nichtöffentlicher Predigt in den Häusern begnüge; wenn wir nun sehen, dass es doch anders gekommen ist, so setzt uns das zwar in Erstaunen, aber wir können nicht umhin, zu glauben, Gott habe sein Wort ohne menschliche Hilfe Besitz ergreifen lassen wollen, damit der königliche Rat es nicht sonderbar finde, etwas bereits Bestehendes zu erlauben und zu dulden. Wie dem auch sei, Sire, da Sie durchaus loyal denken und so vollkommen, wie man es nur wünschen kann, für Glück und Ruhe des Königs und das Gemeinwohl Frankreichs besorgt sind, so ersuchen wir Sie, mit Eifer und warmem Herzen dahin zu wirken, dass Gott verherrlicht werde, indem Sie selbst offen allem Aberglauben und Götzendienst absagen und sich so als Beschützer der armen Kirche zeigen, damit sie nicht mehr so hart verfolgt werde. Denn wenn auch Teufel und Welt vor Wut schäumen, – diese Freiheit, welche die Gläubigen bekommen werden, Gott zu dienen, wird bei ihm erwirken, dass der König friedlich über alle seine Untertanen herrschen kann und auch Sie Ihre Stellung behaupten werden, sowohl in der Regierung Frankreichs, wie als Vorsitzender des Kronrats, wie auch als König Ihres eigenen Gebiets. Indem wir uns damit, Sire, der Gewogenheit Ew. Majestät untertänigst empfohlen halten, bitten wir den lieben Gott, er wolle Sie in seiner heiligen Hut halten, Sie stärken mit unüberwindlicher Kraft, Ihnen Klugheit und Geschick geben zu jedem Vorgehen und Sie mehr und mehr in seiner Gnade wachsen lassen.

[24. Dezember 1561.]

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