Calvin, Jean – An Jean de Salignac in Paris.

Calvin, Jean – An Jean de Salignac in Paris.

Nr. 691 (C. R. – 3615)

Jean de Salignac, Professor des Hebräischen zu Limoges, hielt nach dem Gespräch von Poissy mit Beza weitere Unterredungen ab; er stand dem evangelischen Glauben sehr nahe und trat später völlig über.

Weckruf zum Übertritt.

Dass ich dir, hochberühmter und in Christo verehrter Mann, durch fremde Hand schreiben lasse, wird hoffentlich meinen Brief an dich nicht in seinem Werte beeinträchtigen; denn du wirst merken, dass er aus innerstem Herzen heraus diktiert ist. Es ist tatsächlich so, und ich hätte nie gewagt, dir so vertraulich zu nahen, hätte mir nicht dein Wohlwollen gegen mich Mut gemacht, dazu auch meine Sorge um dein Seelenheil, die mich nicht nur bekümmert machte, sondern lange schon geradezu mich ängstigte, so oft ich an deine Lage dachte. Denn ich wusste, dass du zu denen gehörtest, die Gott schon vor dreißig Jahren des Lichtes seines Evangeliums gewürdigt hat. Das ist eine ungewöhnliche Ehre, dass du unter den ersten sein durftest, zu denen eine freiere Lehre und eine richtige Kenntnis der heiligen Schrift kam. Und nun beurteile lieber selbst, wie unwürdig der unvergleichliche Schatz, den Gott dir anvertraut hat, begraben lag, als dass du wartest, bis du vor dem himmlischen Richter Rechenschaft ablegen musst über dein Nichtstun. Was sage ich Nichtstun? Nicht nur lagen so herrliche Talente unfruchtbar, sondern in Schmutz versunken blieben sie untätig, zu Schmach und Schande des wahren Glaubens. So lobenswert auch dein untadeliges, reines Leben ist, so weißt du doch, dass alle frommen, beherzten Leute nur mit dem größten Schmerze sahen, wie die Gottlosen und die Frevler über dich triumphierten, als du von Furcht befangen stumm bliebest. Eine allzu lange Zeit ist verstrichen, in der diese ebenso klägliche als schmähliche Knechtschaft deine Geisteskraft danieder hielt. Doch mag ein Übel, das so allgemein verbreitet war, Verzeihung finden; denn als von allen Seiten Ängste drohten, wagten es ja nur wenige, sich offen als Jünger Christi zu bekennen. Jetzt aber, da die Kinder Gottes auf bessere Verhältnisse hoffen dürfen, in denen ihre Freiheit von keiner Gefahr bedroht ist, muss ich rufen: Wie lange noch willst du durch allerlei Ausflüchte Christum um sein Recht auf dich betrügen? Bisher hat dich Gott noch nachsichtig geschont und hat das Licht der wahren Erkenntnis, das du durch dein Zögern fast erstickt hast, noch nicht ganz auslöschen lassen. Doch ich beschwöre dich bei dieser Nachsicht Gottes, die dich bis heute erhalten hat: jetzt, da so viele Tausende sich um seine Fahne scharen und dich damit einladen, ein Gleiches zu tun, überlege dirs gut, welch kostbares Opfer vor Gott ein reines Bekenntnis zu ihm ist, so dass dein Lebensrest ganz Christo geweiht sei und dadurch die Säumigkeit früherer Zeiten wieder gutmache. Es könnte mir nichts angenehmeres geschehen, als wenn ich hören dürfte, du habest deine Schwachheit abgeschüttelt, deine Furchtsamkeit überwunden und offen und ehrlich Christo die Ehre gegeben. Doch verlange ich nicht, dass du das für mich persönlich tuest, sondern um alle die Gemeinden, die Gott in Frankreich so wunderbar hat entstehen lassen, zu erfreuen; sie werden kaum wissen, ob sie dir oder sich mehr gratulieren sollen, wenn du aus dem Lager ihrer Gegner zur Herde Christi übergehst. Auch eine große Zahl derer, die noch schwanken, wird sich gleich rüsten, dir zu folgen, und wenn du recht erwägst, wie viele von dir abhängen und wie vieler Augen auf dich gerichtet sind, so erkennst du leicht, dass zwar die Unentschlossenheit der andern sich entschuldigen lässt, dein Zögern aber unverzeihlich ist. Vielleicht findet dich mein Brief schon so willig, dass meine Mahnung überflüssig ist; doch wollte ich meine Pflicht nicht versäumen. Lebwohl, edelster, herzlich verehrter Mann. Der Herr leite dich mit seinem Geiste; er rüste dich aus mit Stärke und erhalte dich gesund.

19. November 1561.

Dein

Johannes Calvin.

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