Calvin, Jean – An Beza in Paris (692)

Calvin, Jean – An Beza in Paris (692)

Nr. 692 (C. R. – 3617)

 

Vgl. 691. Antonio Caraccioli, Bischof von Troyes, wollte evangelisch werden und fragte bei dem evangelischen Presbyterium seiner Stadt an, ob sie ihn als evangelischen Bischof annehmen wollten; Calvin, in der Sache befragt, gab sein Gutachten dahin ab, dass übertretende Priester und Bischöfe nur dann an der Spitze der Gemeinde bleiben könnten, wenn sie zum Predigtamt tauglich seien und die Unrechtmäßigkeit ihres bisherigen Wirkens einsähen. Beza hatte vom Hof ein Edikt erwirkt, das den Evangelischen Versammlungsfreiheit zugestand bis zur Regelung der Religionsfrage durch eine Versammlung von Abgeordneten der verschiedenen Provinzial-Parlamente; doch waren viele Evangelische damit noch nicht zufrieden. Mit dem Geschäftsmann, der die deutschen Waren, d. h. Theologen, nach Paris gebracht hatte, meint Calvin Baudouin; der Heidelberger Professor Bouquin (vgl. 457, 458, 643) war unter ihnen. De Normandie war in Familienangelegenheiten nach Frankreich gereist. Der Genfer Pfarrer Bourgoing war nach Troyes gesandt worden. Jacques de Savoie, Herzog de Nemours, hatte mit den Guisen eine Entführung des jüngern Bruders des Königs von Frankreich nach Spanien geplant, um von dort aus in seinem Namen die hugenottenfreundliche Regierung zu bekriegen; die Verschwörung wurde entdeckt und de Nemours musste fliehen.

Persönliche und politische Nachrichten.

Gestern ritt ich zum Nachtessen und fand dort einen überheizten Ofen; gleich beim Eintreten gab man mir deinen ersten Brief, und während ich dran war, ihn zu lesen, schlug mir der heiße Dunst aufs Gesicht; zwar legte sich beim Essen das Niesen wieder, aber als ich heimkam, merkte ich, dass das Übel zunahm. Kurz darauf erhielt ich deinen zweiten Brief. Du siehst, was ich an Salignac geschrieben habe; lies den Brief durch und je nachdem vernichte ihn oder lass ihn besorgen. Ich glaubte, mit ihm nicht milder reden zu dürfen; denn seine Unentschlossenheit ist in dieser langen Zeit fast zum Todesschlummer geworden. Wenn er nur jetzt aufwacht und durch einen raschen Entschluss den Makel seiner bisherigen Feigheit von sich abzuwaschen sucht! Die Sache des Bischofs von Troyes habe ich, wie du wünschest, allgemein behandelt; verzeih aber meine Kürze, zu der mich jetzt die Not zwang, wenn schon sie mir auch sonst angeboren ist. Dazu kommt, dass ich in dieser Frage gerne zurückhalte, damit es nicht aussieht, als wolle ich gleichsam Besiegten Gesetze auferlegen.

Was du von dem verkehrten Übereifer der Unsern schreibst, ist sehr wahr, und doch haben wir kein Mittel, ihn zu mäßigen; denn gutem Rate folgen sie einfach nicht. Ich verkündige überall, wenn ich Richter wäre, strafte ich diese tollen Verstöße nicht minder streng, als es der König in seinen Edikten befiehlt. Nichts ist billiger als der Erlass, den du erwirkt hast; aber die andern werden durch ihre Maßlosigkeit diese große Wohltat um ihre Wirkung bringen. Doch müssen wir nichtsdestoweniger fortfahren in unserm Bemühen, denn Gott will, dass wir auch Schuldner der Unweisen seien [Röm. 1. 14]. Seit ich durch deinen Brief von der Ausschreibung einer neuen Versammlung erfahren habe, habe ich, wie du wohl von vornherein weißt, meine Ansicht über deine Rückkehr geändert. Du musst jedenfalls bleiben, wenn wir nicht unsere Sache verraten und verderben wollen, was jetzt auf dem entscheidenden Punkte steht. Vor allem freut es mich, dass die Königin-Mutter es so sehr wünscht; denn daraus glaube ich schließen zu dürfen, dass sie nicht bloß hinterlistig handeln will. Wenn aber von dir ein Entschuldigungsschreiben wegen dieser Verzögerung kommt, so wird es viele Befürchtungen und Bedenken heben; denn du glaubst nicht, von welcher Angst unser Rat gequält wird, weil man glaubt, dich nicht mehr zurückerhalten zu können. Wenn nichts von andrer Seite kommt, so ist es deine Pflicht, ihnen wieder etwas Mut und Hoffnung zu machen. Dein bisheriges Schweigen kannst du auf mich schieben und sagen, ich habe die Aufgabe übernommen, dich zu entschuldigen.

Der Geschäftsmann, der uns mit seinen deutschen Waren Konkurrenz machen wollte, hat nun den Lohn für seine Treulosigkeit; doch wunderts mich, dass er die Scham so völlig abgelegt hat und nicht einmal irgendetwas anderes vorgibt. Will man Hotman glauben, so ist Bouquin ganz andern Sinnes als Baudouin. Unserm de Normandie gratuliere ich zu dem freundlichen Empfang; wenns nur nicht bloß höfisches Wesen war; doch hoffe ich das Beste, denn auch Leute, denen ich zutraue, dass sie es ernst meinen, haben ihm von selbst ihre Hilfe angeboten. Lebwohl, bester, allerliebster Bruder. Der Herr sei stets mit dir; er leite dich und erhalte dich gesund; alle Unsern lassen dich angelegentlich grüßen.

Bourgoing mussten wir wegen seiner Unvorsichtigkeit fort senden. Ihr werdet wohl schon wissen, dass der Herzog de Nemours in sein savoyisches Nest geflohen ist. Es hätte wenig gefehlt, so hätte der Landvogt von Gex Hand an ihn gelegt, obschon er ihn nicht kannte. Doch entkam er dort und traf nachts in Chancy ein; seine Begleiter fragten hier ängstlich, ob sie auf Genfer oder Berner Gebiet seien, nahmen einen Führer und ritten nach Leluiset, wo sie von ihren zwölf Pferden drei halbtot vor Müdigkeit zurückließen. An des Gallars, und wen du sonst noch weißt, viele Grüße. Bitte sorge für deine Gesundheit und lass dich nicht mit unangenehmen Geschäften überhäufen; denn es wäre mir sehr traurig, zu hören, du seiest angegriffen.

Nochmals lebwohl.

19. November 1561.

Dein

Carolus Passelius.

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