Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (653)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (653)

Nr. 653 (C. R. – 3332)

Weggelassen einige Nachrichten aus Polen. Der von den Guisen verdrängte Connetable de Montmorency (vgl. 596, 648) wurde von Katharina wieder zur Regierung berufen, er war indessen, wenn schon Gegner der Guisen, doch fanatischer Katholik. Posidonius (der Meerbeherrscher) ist der Übername des Admirals Coligny. Der „Nachbar“ ist hier Philipp Emanuel von Savoyen, „jene andern“ sind die katholischen Eidgenossen; im Glarner Handel ließ sich jetzt gerichtliche Entscheidung voraussehen.

Die Lage in Frankreich; Genf von Savoyen bedroht, von Frankreich aufgefordert, die evangelische Propaganda einzustellen.

Nachdem wir lange umsonst darauf gewartet, ob sich uns etwa ein Bote antrüge, scheint es uns jetzt doch besser, unsere Briefe bereit zu machen, um sie dann mit der ersten Gelegenheit schicken zu können. Beza wird dir ausführlich über die allgemeine Lage in Frankreich berichten. Unsere Hoffnung wächst von Tag zu Tag, weil Navarra mehr wagt als zu Beginn und das Ungestüm der Königin-Mutter sich etwas mildert. Wenn auch ihre Verstellungskunst den Guten etwas verdächtig ist, weil sie sie schon mehrmals schlauer Weise durch Schmeicheln betrogen hat, so scheinen doch die ihr jetzt durch ihre Notlage abgerungenen Zugeständnisse wirkliche Folgen nach sich zu ziehen. Hält sie, was sie versprochen hat, so wird sich die Kirche in kurzer Zeit weit und breit ausdehnen. Indessen festigen sich die Macht und das Ansehen Navarras und des Connetable; die Kräfte des Hauses Guise bröckeln allmählich ab. Aber glaube mir, unter den führenden Politikern ists allein Posidonius, der sich mutig benimmt. Die andern sind teils offene Gegner, teils solche, die hinterlistig die Guten mit Schmeicheleien hinhalten, teils Gleichgültige und Feiglinge. Doch sind die Feinde in der Mehrheit. – –

Unser Nachbar macht kein Hehl daraus, dass er über uns herfallen will, sobald jene andern sich rühren. Auf das Salz hat er eine Abgabe gelegt, die seinen Preis verdoppelt; die Weizenzufuhr hindert er; dabei ist aber den armen Bauern streng verboten, Hafer zu mahlen, obwohl sie sonst nichts zu essen haben. Indem er so, um uns zu schrecken, die Art seiner zukünftigen Kriegsführung zeigt, richtet er seine eigenen Untertanen durch Hunger zu Grunde. Doch hat man in Genf keine Angst, wiewohl wir auf der Hut sind, sondern wir haben gute Hoffnung, weil wir uns darauf verlassen, dass wir auch in der größten Gefahr in Gottes Schutz sind.

Die Widerlegung des Heßhus lies durch, wenn du Zeit hast. Beza wird noch eine beifügen, gegen die du meinige, so gepfeffert sie ist, für pure Schmeichelei halten wirst. Lebwohl, hochberühmter Mann, von Herzen verehrter Bruder, samt Herrn Pietro, deinem Schwiegersohn, Herrn Gwalther, Wolf und den andern Kollegen.

Während der Brief auf einen Boten wartete, kommt mit einem Mal eine schöne Bescherung aus Frankreich. Der König beklagt sich im Einverständnis mit dem Kronrat, er habe bei der Nachforschung nach der Ursache der Unruhen und Aufstände erfahren, dass Genf der Quell aller dieser Dinge sei, und zeigt in drohendem Tone an, falls unser Rat nicht sofort alle Prädikanten aus ganz Frankreich zurückberufe, so werde er als Feind sich rächen. Der Rat antwortete der Wahrheit gemäß, es sei kein Prädikant auf sein Geheiß oder auch nur mit seinem Wissen gereist. Wir wurden vorgeladen; unbedenklich gestanden wir offen ein, die Leute, die überall die reine evangelische Lehre ausbreiteten, seien allerdings durch unsere Aufforderung dazu veranlasst worden, aber die Schuld an den entstandenen Aufständen werde uns ganz mit Unrecht zugeschrieben; wir hätten diese vielmehr mit allem Fleiß zu verhindern und nach ihrem Ausbruch zu beschwichtigen gesucht. Wenn man uns anhören wolle, so seien wir bereit, Rechenschaft zu geben. Nun ists wohl unbillig, wenn die, die sich freiwillig zum Erweis ihrer Unschuld erbieten, ungehört verworfen und verurteilt werden. Wir erwarten mit ängstlicher Spannung, wie die Entscheidung ausfällt.

Fröhlicheres meldet Euch das Gerücht, Eure Gegner seien endlich soweit gebracht, dass die Sache rechtlich entschieden werden kann. Wir hoffen, dass nach Schlichtung dieses Handels auch unser Nachbar ruhiger wird, der jetzt noch ganz fürchterlich Feuer und Flamme speit, wie es heißt. Nochmals lebwohl, berühmtester Mann und bester Bruder.

Genf, 1. Februar 1561.

Ich erinnere mich nicht, dass je eine so lange Zeit hingegangen ist, ohne dass jemand von Genf nach Zürich reiste. So musste ich aus Ärger über die Verzögerung den Gesandten bitten, dieses Briefbündel dir senden zu lassen.

Dein

Johannes Calvin.

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