Calvin, Jean – An Pietro Martire Vermigli in Zürich (562)

Calvin, Jean – An Pietro Martire Vermigli in Zürich (562)

Nr. 562 (C. R. – 2874)

Weggelassen sind einige Bemerkungen über Lelio Sozzini wie im vorigen Brief. Über Gribaldo vgl. 452, 524. Martinengo, der Pfarrer der italienischen Gemeinde in Genf, war 1557 gestorben. Lactanzio Ragnoni war sein Nachfolger.

Über die Antitrinitarier in Genf.

– – In diesen Tagen gab es in unserer italienischen Gemeinde einige Unruhen. Gribaldo hatte den Samen seiner Irrlehren ausgestreut, die im Großen und Ganzen sich dahin zusammenfassen lassen: es sei ein einiger Gott, der Vater Christi, und allein bei ihm, dem Vater, liege die Weltherrschaft; Christus aber komme erst in zweiter Linie, sozusagen als der Erstgeborene unter vielen Göttern. Das bemerkten freilich die einfältigen Leute nicht, begannen aber trotzdem, einmal in solche Grundsätze verstrickt, hartnäckig zu verteidigen, was sie gar nie begriffen hatten, und Dinge abzulehnen, die unter den Frommen gar nicht strittig sind. Noch zu Lebzeiten unseres liebsten Bruders Martinengo wucherten solche Zwistigkeiten empor. Auf seinem Sterbebett bat er deshalb mich und meine Kollegen auf dringendste, auf solche Übelstände vorbeugend und abhelfend zu achten. Mich nannte er dabei drei- oder viermal beim Namen und sagte: „Du warst mir und meiner Herde bisher ein Vater, lass nun auch die Herde, die ihren Hirten verloren hat, deiner treuen Pflege empfohlen sein, und wenn du die Krankheiten an ihr wahrnimmst, von denen ihr die größte Gefahr droht, so wende rechtzeitig die Gegenmittel an und wache eifrig darüber.“ Nach seinem Tode hatten Lactanzio und ich viel zu tun, einige unruhige Leute zur Ruhe zu bringen, die unter dem Vorwand, sie seien über manches im Unklaren, die andern mit ihren Wahnideen ansteckten. Als ich alles in Ordnung glaubte, stellte sich plötzlich heraus, dass durch ihre heimlichen Umtriebe eine ganze Anzahl verführt war. Dagegen gab es nun kein anderes Mittel, als alle ein bestimmtes Glaubensbekenntnis unterschreiben zu lassen, bei dessen Vorlegung es jedem freistand, dagegen vorzubringen, was ihn drückte. So habe ich alle Gewissensbedenken zerstreut und alle Knoten gelöst, so dass ich mich jetzt bestimmt darauf verlassen darf, dass die Gemeinde jetzt wieder zu heiliger Eintracht gediehen ist. Ich wollte dir das berichten, damit, wenn das Gerücht davon zu Euch dringt, du dir nicht etwa Sorge machst, als ob der Ausgang noch ungewiss wäre. Lebwohl, hochberühmter Mann und verehrter Bruder; der Herr erhalte dich für sich und seine Kirche noch lange gesund; er leite dich mit seinem Geiste und segne dich.

Genf, 22. Mai 1558.
Dein
Johannes Calvin.

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