Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (561)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (561)

Nr. 561 (C. R. – 2873)

Lelio Sozzini kam auf einer Reise nach Italien über Genf; da Bullinger wusste, dass er Calvin verdächtig sei (vgl. 332 ), hatte er ihm ein Zeugnis der Orthodoxie mitgegeben. Die Verurteilung der Reformierten in Worms (vgl. 550 ) schrieb Calvin der Weigerung der Zürcher zu, sich auf ein Religionsgespräch einzulassen.

Vom gescheiterten Plan eines Religionsgesprächs.

Es hätte genügt, hochberühmter Mann und von Herzen verehrter Bruder, wenn du mir nur mit einem Wörtlein bezeugt hättest, dass Lelio, nun vernünftig geworden, sich mit dem Glauben, den wir bekennen, zufrieden gebe, so hätte ich ihm schon alles Ärgernis verziehen und ihn freundlich aufgenommen; deine Empfehlung machte mich sogar bereit, ihm jeden gewünschten Dienst zu leisten.

Dass der Brief, dessen Kopie du mir nun sandtest, durch einen Verräter in die Hände derer gekommen ist, die über unsere Uneinigkeit umsonst triumphieren, tut mir leid. Das Thema, das unsere Herzen, so oft man davon redet, hüben und drüben erbittert, wollte ich eigentlich in Zukunft gar nicht mehr berühren. Ich sehe, jede Zusammenkunft [mit den Lutheranern] wäre Euch verhasst, und doch wäre das meines Erachtens das einzige Mittel gegen die Übelstände, die auch Euch so kränken. Denn hätten die Fürsten hoffen dürfen, wir seien einer freundschaftlichen Zusammenkunft geneigt, so hätten sie nicht geduldet, dass man uns so verdammte oder auch nur hart von uns rede. Jetzt aber, da durch Euer Schweigen und Eure indirekte Weigerung alle Hoffnung auf einen Friedensschluss dahin war, gaben Melanchthon und die andern, die mit ihm uns günstig gesinnt waren, leicht der Härte der andern nach. Hättet Ihr Euch doch entschließen können, etwas entgegen zu kommen, als man Euch freundlich die Hand bot. Denn was deine Antwort, das stehe nicht in Eurer Macht, sondern hänge vom Ermessen Eures hochweisen Rates ab, bedeuten soll, verstehe ich nicht, außer etwa, dass du sagen willst, die abschlägige Antwort stamme nicht offenkundig von Euch Pfarrern. Denn ich bin überzeugt – hätte Euch die Sache am Herzen gelegen, so hätte die Obrigkeit keine Schwierigkeiten gemacht. Das Haupthindernis einer Zusammenkunft seht Ihr, soviel mir scheint, in dem festen Entschluss auch der gemäßigtsten Elemente der Gegenpartei, auch keinen Deut vom Augsburgischen Bekenntnis zu weichen. Nun betonen sie das freilich, aber nur den Papisten gegenüber, und erlauben andrerseits auch uns das Gleiche, wenn wir ein einheitliches öffentliches Bekenntnis hätten. Dazu kommt, dass sie, von Anfang an durch diese Formel gebunden, keinen anderen Standpunkt einnehmen können, auch wenn sie anders wollten. Indessen laden sie uns nicht unter der Bedingung zu sich ein, dass wir einfach unterschreiben müssten, was sie beschlossen haben; ja wenn man genauer zusieht, machen sie einer neuen Untersuchung der Frage Bahn, als ob sie einer gewissen Erweichung ihrer Anschauungen nicht abgeneigt wären. Tatsächlich ist ja Melanchthons Nachgiebigkeit jedermann bekannt, und so wäre es, da er sich selbst kennt, sein höchster Wunsch, uns an einer geordneten Zusammenkunft als Helfer zu haben. Ich weiß genau, was ich früher mit ihm erlebt habe, und ich nehme an, dass jetzt nichts schädlicher war, als dass er die Hoffnung auf ein Gespräch, dem er geneigt gewesen wäre, in nichts zerfließen sah. Wenn du meinst, das ungerechte, vorschnelle Urteil, mit dem sie uns nun in Worms so unfreundlich bedacht haben, rege mich nicht auf, so täuschest du dich sehr; wie tief es mich verletzt hat, das wissen sie selbst aus meinen Berichten wohl, in denen ich mich den Verhältnissen entsprechend frei heraus über ihr Vorgehen beklagt habe. Doch ist es unsre Pflicht, zu erwägen, ob nicht ein Teil der Schuld auch auf uns liegt, da wir den Freunden die Unterstützung, die sie wünschten, in mir unverständlichem Eigensinn verweigerten. Deine Mahnung, dafür die Eintracht unter uns recht zu pflegen, nehme ich gerne an, und von mir aus liegt die Gefahr nicht vor, dass die Eintracht je leide. Würden wir etwa zu einem Religionsgespräch eingeladen, so will ich zwar, wie ich es dir früher schon sagte, auch heute kein Hehl daraus machen, dass ich hinginge, aber nicht um Euch zu verlassen und neue Freunde zu suchen, sondern um, wenn es irgend möglich ist, die für uns zu gewinnen, die jetzt noch andrer Meinung sind als wir; ich halte mich wirklich durch kein rechtliches Band für verpflichtet, weil andere ausweichen, auch nicht dahinzugehen, wohin mich mein Gewissen zieht. Wohin ich aber reise, – ich werde nicht nur darauf bedacht sein, nichts anzunehmen, was nicht zu meinem Glauben passt, sondern auch unsern Consensus mit der festen Treue, die unter uns stets in Kraft bleiben soll, gewissenhaft zu verteidigen. Freilich jetzt, da alle Hoffnung auf ein Religionsgespräch zerstört ist, sind das ja wohl törichte Phantasien. Ich will nur einfach sagen, ich habe meine persönliche Freiheit nicht so weit vergessen, dass ich selbst Ratschläge, die, soviel ich sehe oder wenigstens meine, die gute Sache zu Grunde richten müssen, Gehorsam leistete. Durch Drohungen lasse ich mich nicht erschrecken; da mir ja nichts lieber sein kann, als sobald wie möglich aus dieser Welt abzuscheiden, geschweige denn meinen Posten in Genf verlassen zu dürfen. Was ich will mit meinen Plänen, das überlege dir genauer, wenn du noch nicht siehst, wohin Euer bisheriges Verhalten führt. Was nun auch geschieht, so wird die Erfahrung zeigen, dass Ihr mich zu Unrecht im Verdacht hattet, wenn ich zuweilen schärfer sprach, als gut schien. Davon sei überzeugt: ich habe nur die Schmerzen, die mich drückten, deinem brüderlichen Herzen kund tun wollen.

Leb recht wohl, hochberühmter Mann und verehrter Bruder, samt den übrigen Kollegen, die ich vielmals grüßen lasse. Der Herr sei mit Euch allen; er leite und behüte Euch. Meine Kollegen lassen Euch grüßen.

Genf, 22. Mai 1558.
Dein
Johannes Calvin.

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