Calvin, Jean – An Melanchthon in Worms (531)

Calvin, Jean – An Melanchthon in Worms (531)

Nr. 531 (C. R. – 2677)

Melanchthon befand sich am Religionsgespräch zu Worms; er und seine Anhänger, die Philippisten, wurden von den strengern Lutheranern im Herzogtum Sachsen stark angefeindet. Calvin sandte ihm mit diesem Briefe seine letzte Schrift gegen Westphal.

Melanchthon soll für ein Religionsgespräch wirken.

Wie es kommt, dass du nun schon ganze drei Jahre lang keinen meiner Briefe beantwortet hast, weiß ich nicht; da ich aber aus deinem langen Schweigen mit Recht den Schluss ziehen musste, mein Schreiben sei dir nicht angenehm und meinen Freundschaftseifer um dich verschmähest du, so hätte ich gar nicht gewagt, dir nun wieder zu schreiben, wenn mir nicht der gute, alte Herr, der dir dies bringt, berichtet hätte, du seiest mir stets noch gleich freundlich gesinnt, was sonst schwer zu glauben war. Das gab mir neues Zutrauen, und weil ich annehme, du seiest diesen Monat in Worms, wo dich mein Brief sicherer und bälder erreicht, so will ich diese Gelegenheit nicht vorbeigehen lassen. Ich wollte nur, ich hätte etwas Fröhlicheres zu schreiben, und doch, wenn du auch nur etwas von deiner früheren Liebe zu mir übrig hast, so wirst du die Verdrießlichkeit gern auf dich nehmen, wenn ich dir vertraulich meine Sorgen und Schmerzen ans Herz lege. Dass deine Nachbarn dich so maßlos wütend bekämpfen, ist dir jedenfalls bei deiner maßvollen, freundlichen Art sehr unangenehm, ja da sie damit nicht allein dich persönlich, sondern alle Frommen, nicht eines Mannes persönliche Anschauung, sondern den allgemeinen Glauben bekriegen, so muss dir die gemeinsame Sache nicht wenig Kummer machen. Übrigens da es einem, der einmal in diesen Kampf hineingezogen ist, nicht mehr frei steht, den Fuß rasch wieder zurückzuziehen, und da es widersinnig wäre, diese wilden Bestien menschlich zu behandeln, so musst du meine Heftigkeit verzeihen, die ich solchen Schmähungen gegenüber nicht bemeistern konnte. Wenn dich persönlich etwas ärgert, so brauche ich mich deswegen nicht lang zu entschuldigen. Weil ich sah, dass die Gegner zuweilen mit deinem Namen Missbrauch treiben, um Unkundige zu täuschen, so habe ich mich mehrmals unbedenklich auf dein Zeugnis berufen, um nicht den Schein zu erwecken, ich wolle in einer so klaren Frage Ausflüchte suchen, was ganz unehrlich gewesen wäre. Ich sehe darin keine Schuld, deretwegen ich mich zu verteidigen nötig hätte; vielmehr könnte ich mich mit allem Recht über deine Zaghaftigkeit beschweren; denn wenn du auch den Lärm des Kampfes scheust, so weißt du doch, was Paulus durch sein Beispiel allen Knechten Christi zur Pflicht macht. Mehr als man es an ihm sah, darfst du auch das Lob maßvollen Verhaltens nicht beanspruchen wollen; wenn er, so mild er war, durch allen Aufruhr unerschrocken schritt, so dürfen wir heute uns nicht über die gleiche Schwierigkeit ärgern. Und du vor allem musst zur rechten Zeit drauf achten, dass dir nicht dein hartnäckiges Schweigenwollen bei der Nachwelt zur Schande gereicht. Wenn du, während diese Rosszentauren uns von allen Seiten mit ihren Pfeilen überschütten, immer noch zuwartest, so ist zu befürchten, dass dein Bekenntnis, das dir erst eine solche Notlage abgedrängt hat, als zu spät gekommen beurteilt wird. Und wie erst, wenn der Tod dazwischen tritt? Werden sie dann nicht schreien, du seiest von knechtischer Furcht gewesen, um dir alles Ansehen zu nehmen und alle Glaubwürdigkeit zu rauben? Ich brauche dich gar nicht mit vielen Worten zu mahnen, diese Schmach eilends von dir zu tun. Sucht man ein Mittel, Frieden zu stiften, so ist die einzige Hoffnung ein Religionsgespräch. Dass du zwar auch ein solches wünschest, daran zweifle ich nicht, nur möchte ich, du fordertest es noch mutiger. Denn wenn du siehst, dass die Fürsten nicht nur zögern, sondern von ihren Theologen geradezu zu der Gegenpartei gezogen werden, so kannst du daraus den sichern Schluss ziehen, dass uns alle Türen versperrt sind, wenn dein Ansehen nicht die einen zurückhält, die andern antreibt. Neulich hörte ich, der Herzog von Württemberg sei von selbst ganz geneigt; ja, wäre auch unsrerseits die freundliche Gesinnung, die sich geziemt hätte, vorhanden gewesen, so wäre die Sache, die wir stets wünschten, zustande gekommen. Aber viele tragen eben den falschen Verdacht im Herzen, die Fürsten seien uns zu sehr entfremdet, als dass sie uns ruhig anhören könnten, und deshalb fürchten sie jede Zusammenkunft. Sie meinen auch, außer dir kämen von Eurer Seite nur ganz verstockte Leute, die herrisch darauf drängen, dass man von ihren Ansichten ja nicht wiche. Doch ist der Eigensinn derer, die so reden, nicht so groß, dass sie nicht doch gerne kämen, wenn sie eingeladen würden, und das musst nun wohl du als deine Aufgabe ansehen, die Fürsten dazu zu überreden, dass sie die unsern zu einem Religionsgespräch einladen. Straßburg, Tübingen, Heidelberg oder auch Frankfurt wären passende Orte dazu; wenn du nur erreichst, dass beide Parteien bereit sind, sich zu einer freundlichen Auseinandersetzung herbeizulassen, so hoffe ich auf einen bessern Ausgang, als viele argwöhnische Menschen vorauszusehen glauben. Kehrst du aber nach Sachsen zurück, ohne in dieser Sache etwas ausgerichtet zu haben, so wird es dich, fürchte ich, später reuen, in diesen verderblichen Wirren nicht Abhilfe geschafft zu haben. Aber freilich, du musst bedenken, dass es nun nicht bloß zu wünschen gilt, sondern energisch zu handeln, und deshalb dich vielleicht etwas hitziger ins Zeug legen, als es deine Art ist. Sind aber die Fürsten nicht so leicht zu bewegen, so darfst du nicht außer acht lassen, was du voriges Jahr einigen Freunden geschrieben hast, nämlich, du wollest dir Mühe geben, selbst einmal mit frommen, rechtschaffenen und maßvollen Männern unserer Partei zusammenzukommen. Hältst du mich für einen solchen, so ist das mein Hauptwunsch, was sonst auch die Pflicht von mir verlangt, noch einmal, ehe uns der Herr in sein Himmelreich holt, gerade um freudiger sterben zu können, ein recht schönes Zusammensein mit dir auf Erden genießen zu dürfen, und die Übel, die wir dann nicht heilen können, doch weniger hart zu spüren, weil ich mich bei dir darüber aussprechen konnte. Lebwohl, edler, mir stets von Herzen verehrter Mann. Der Herr leite dich mit seinem Geiste; er behüte dich und rüste dich zu dieser Tätigkeit aus mit heiliger Klugheit und unbezwinglicher Stärke und segne dein frommes Wirken.

Genf, 3. August 1557.

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