Calvin, Jean – An Pierre Bigot in Bourges.

Calvin, Jean – An Pierre Bigot in Bourges.

Nr. 515 (C. R. – 2568)

Dieser Jugendfreund Calvins ist sonst durchaus unbekannt.

Gegen die Furcht vor einem offenen Bekenntnis.

Als du mir einst durch trauten Freundesverkehr, ja durch Zimmergenossenschaft, verbunden warest, lieber Pierre, hätte ich nie gedacht, es könne mir einmal schwere Verlegenheit machen, dir zu schreiben. Aber weil du dann, von den Lockungen der Welt umgarnt, wider mein Erwarten und zu meinem großen Schmerz dich von uns trenntest, als ob ich einen gefährlichen Weg ginge, da brach ich unsern Briefwechsel ab. Vielleicht rascher als nötig war; aber ich fürchtete eben, wenn ich dir wider deinen Willen meine Briefe aufdrängte, so könntest du meines Eifers spotten, und so wollte ich nicht weiter schreiben, bis du wieder etwas besseres von dir hören ließest. Doch hielt ich die Liebe, die ich einmal zu dir und deinem Bruder gefasst hatte, im Herzen fest, auch wenn ich sie nicht mit äußern Zeichen bezeugen konnte, und daraus ist sie bis heute weder gewichen noch verdrängt worden. Als dann deine Brüder nach Genf kamen, hätte das ja scheinbar neue Gelegenheit zum Schreiben geboten, und doch machte es mich noch zurückhaltender, eben weil sie Euch beide nicht durch ihr Beispiel mitgerissen hatten, Euch, von denen ich gehofft hatte, Ihr würdet ihnen vorangehen. Tatsächlich, diese unerwartete Vertauschung der Rollen hat mich nicht nur überrascht, sondern ganz starr gemacht vor Staunen: früher hatten dir diese Brüder im Wege gestanden, und oft hast du geklagt, sie seien es allein, die dich zurückhielten, und nun bieten sie dir die Hand und wollen dich bei der Auswanderung unterstützen und begleiten, und doch bleibst du in der süßen Ruhe deines Nestes festsitzen. Doch geben wir beiderseits dem Klagen den Abschied und reden ruhig miteinander! Was soll diese Schwäche, mein lieber Pierre, oder besser diese Feigheit, oder wie kannst du sie entschuldigen? Ich brauche dir ja keine Abhandlung darüber zu schreiben, dass man dem papistischen Aberglauben aus dem Wege gehen muss, und dass es dir besser wäre, das Leben zu lassen, weil du ihn hassest und verabscheust, als dich aus Liebe zur Heimat damit so zu beflecken. Denn auch wenn ich davon schweige, so überzeugt dich dein Gewissen mehr als zur Genüge davon, dass kein Tag vergeht, an dem du nicht Gott um seinen rechten Dienst und die ihm gebührende Ehrerbietung betrügst. Ja, ist diese Heuchelei, durch die du bei den Gottlosen in Gunst bleiben willst, etwas anderes als ein indirekter Abfall von dem Bekenntnis, das als wichtigstes Opfer von allen Kindern Gottes verlangt wird? Hundertmal besser wäre es zu sterben, als so täglich Gottes Zorn zu reizen, und wenn du deinesteils in mehr als knechtischer Furcht das Licht, das Gott dir einst im Herzen anzündete, zu verbergen suchst, so sieh wohl zu, dass nicht der gleiche Gott selbst es auslöscht bis auf das letzte Fünklein, das noch davon in dir zurückblieb, wenn du bis zuletzt dich deiner Trägheit hingibst. Wache vielmehr einmal auf, damit nicht die rechte Zeit verstreicht, in der man den Herrn suchen soll, solange er zu finden ist, wie der Prophet sagt [Jes. 55, 6]. Ich schäme und gräme mich nicht nur über dein Zögern, sondern mir macht die strenge Drohung Christi Angst, dass, wenn einmal die Tür verschlossen ist, umsonst klopfen werden, die die rechte Zeit versäumt haben [Matth. 25, 10 – 12]. Ich muss schärfer mit dir reden, als ich möchte; aber ich darf dich nicht schonen, damit Gott dich schonen kann. Erkenne wenigstens, dass, was ich sage, aus der Sorge einer echten Bruderliebe quillt, und sei dann nicht so eigensinnig, es zu verschmähen. Lebwohl, trefflichster Mann; der Herr leite dich mit dem Geiste der Klugheit und Geradheit und rüste dich aus mit frommer Standhaftigkeit und behüte dich mit seiner Kraft.

[Genf], 28. Dezember 1556.

 

Kommentare sind geschlossen.