Calvin, Jean – An Johann von Glauburg in Frankfurt am Main.

Calvin, Jean – An Johann von Glauburg in Frankfurt am Main.

Nr. 501 (C. R. – 2484)

Glauburg hatte versucht, zwischen den streitenden Parteien in der französischen Gemeinde zu vermitteln. Zu den Auseinandersetzungen über die Taufe vgl. 113. Weggelassen ist eine ähnliche, längere Darstellung der Frage. Die Minderheit der französischen Gemeinde in Frankfurt war schon mit Valerand Poulain als ihrem Pfarrer aus England nach Frankfurt gekommen; die Mehrheit hatte sich aus Frankreich dazu gesammelt. Augustin Legrand, Hauptgegner Poulains.

Von den Frankfurter Angelegenheiten.

Da du, erlauchter Mann und hoher Herr, dir soviel Mühe gabst, den Zwist in der kleinen französischen Gemeinde, die in Frankfurt unter deinem Vertrauen erweckenden Schutze steht, zu schlichten, und dabei soviel Verdrießlichkeiten einfach hinnahmst, so tut es mir herzlich leid, dass dein Wirken nicht den Erfolg hatte, der zu wünschen gewesen wäre, und den auch ich erhofft hatte. Das wäre ein schöner Lohn für dich gewesen, eine heilige Eintracht bei denen zu sehen, die sich vorher gegenseitig zankend heruntergemacht hatten; zu sehen, dass die Gemeinde im Frieden bleibe, die ihre innern Händel hundertmal zu Grunde gerichtet hätten, wenn nicht der Herr sie wunderbar behütet hätte. Nun aber, da noch gehässiges Zanken herrscht, da das Geflüster und bösartige Geschwätz nicht verstummt, da schließlich wieder neuer giftiger Hader ausbricht und kein Ende der Händel abzusehen ist, denke ich, ist dieses Schauspiel für dich ebenso traurig und ärgerlich, wie mich der Mangel an Anstand bei den Leuten kränkt, die sich dir hätten gefällig erweisen sollen, und wie mich nicht weniger die Angst vor einem unheilvollen Ende des Streites quält. Und doch, – um nichts zu verhehlen – ich fürchte, Valerand und seine Presbyter, durch den ihnen zugesprochenen Sieg aufgeblasen, werden die Gegenpartei, die schon so wie so genug zum Streit neigt, noch mehr erbittern. Ja, auch das will ich dir offen bekennen: in deinem Schiedsspruch, dessen Kopie mir zugesandt worden ist, hätte ich einen Punkt lieber nicht erwähnt gesehen, den dir jedenfalls Valerand eingegeben hat. Denn von selbst wäre es dir doch nicht in den Sinn gekommen, seine frühere englische Amtsstellung auch als dauerndes Recht für Frankfurt gelten zu lassen, als ob in England alles noch beim Alten wäre. Nichts hat vielleicht von Anfang an mehr dazu beigetragen, Händel zu verursachen, oder wenigstens Eifersucht zu wecken und dann daraus Hader zu entzünden, als diese seine ehrgeizige Berufung [auf ein früheres Amt], durch die sich die Mehrheit der Gemeinde auf einen niedrigern Rang herabgedrückt und schmählich aus dem Gemeindeganzen ausgeschlossen glaubte, indem dann die Gemeinde, die in Frankfurt Gastrecht gefunden, ihre Gesetze von einer [bereits früher organisierten] Gruppe hätte annehmen müssen. So wäre es besser gewesen, diesen Punkt zu verschweigen und Valerand als Pfarrer zu betrachten von dem Moment an, da er auf Ersuchen der noch nicht organisierten Gemeinde seine Stellung in Frankfurt erhielt und das des Pfarramts waltete. Wie trotzig Augustin alle seine Ansprüche festhält, weiß ich, doch hätte man auch denen Rechnung tragen dürfen, bei denen man auf mehr Nachgiebigkeit hoffen durfte.

Ich wollte das flüchtig berühren, nicht um deinen Schiedsspruch zu tadeln, sondern nur, um es deiner Klugheit zu erwägen zu geben, ob die Befürchtungen, die mir nicht wenig zu schaffen machen, wirklich grundlos sind. Denn du siehst, dass Valerand nicht nur den hartnäckigen und eigensinnigen, sondern auch rechtschaffenen und schlichten Leuten verhasst oder wenigstens nicht recht lieb ist, weil er sich so ungleich gibt und nicht stets mit gleichem Maße misst. Wiewohl er auch mit ungerechter Gehässigkeit belastet wird, so weiß ich doch auch, dass ihm ein großer Teil der Gemeinde entfremdet ist, und dass, wenn dieser nicht ausgesöhnt wird, eine traurige Spaltung droht; auch sehe ich kein anderes Mittel, als dass er selbst diese Leute wieder milder stimmt, wie er es auch zu tun versprochen hat; viele behaupten jedoch, er tue es nicht. Du kannst an Ort und Stelle selbst am besten sehen, wie es damit steht, edelster Herr. Ist schließlich das Ärgernis nicht wieder gut zu machen, so wäre es besser, Valerand anderswohin zu versetzen, als dass er seiner Gemeinde verächtlich wird und beständigen Verleumdungen ausgesetzt ist, nicht ohne Schmach und Schande für sein Amt. Den Bösen wollte ich das nicht zugeben, dass der Pfarrer ihrem Übermut wiche, weil das ein böses Beispiel gäbe und ein solches Entgegenkommen ihre tolle Frechheit nur vermehrte; wenn aber eine Gemeinde in ihrer Mehrheit ihres Pfarrers so überdrüssig ist, dass sie ihn kaum mehr hört, so bleibt, selbst angenommen, es sei eine ganz blinde, grundlose Verachtung für ihn, wenn alles andere umsonst versucht worden ist, als letzter Ausweg, was ich eben berührt habe. Wenn sich aber nur allmählich die Stimmung mildern ließe, so dass ihn die behalten möchten, die jetzt so gar nichts von ihm wollen!

Dass du, hochgeachteter, verehrter Mann, Euern [deutschen] Predigern meinen Brief durch Euern hochweisen Bürgermeister hast übergeben lassen, war klug. Wenn du meinst, ich solle von einer Reise nach Frankfurt absehen, so billige ich deinen Rat und nehme ihn an. Ich hatte gar nicht im Sinne, besonders darauf zu dringen; sondern ich wollte mit meinem Vorschlag nur zeigen, dass mir der Eifer, den Frieden zwischen uns zu erhalten, nicht fehle, damit, wenn ein Streit entstünde, die Schuld auf sie fallen müsste, die mein Angebot nicht annahmen. Sie haben ja auch ganz freundlich bezeugt, sie wollten Ruhe halten; obwohl sie nicht verhehlen, dass sie in der Lehre von mir abweichen, so versprechen sie doch, sich Mühe geben zu wollen, dass die Kirchen nicht durch Zänkerei beunruhigt würden. Da sie mich nun so als treuen und um die Kirche wohlverdienten Knecht Christi anerkennen, hat es mich umso mehr verwundert, dass sie mich in gehässiger Weise in den Kampf hineinzogen, als sie vor kurzem die Behauptung aufstellten, es sei besser, Kinder zu Hause und von Frauen taufen zu lassen, als dass sie ohne Taufe stürben. Hätten sie nur meine Lehre getadelt, so wäre das ja zu ertragen; wenn sie aber in die Welt schleudern, die Franzosen wollten nach meinem Beispiel den andern Gesetze auferlegen, und beifügen, ich führe ja auch in Genf ein tyrannisches Regiment, so entspricht das dem brüderlichen Wohlwollen gar nicht, das sie mir brieflich zusagten. Wie faul die Nachrede von meiner Tyrannei ist, das kann ich ruhig von meinen Brüdern und Kollegen beurteilen lassen, die sich gewiss noch nie über meine drückende Herrschaft beklagt haben. Oft haben sie mir sogar vorgeworfen, ich sei zu ängstlich und brauche meine Machtstellung, die sie alle billigten, im Notfall nicht offen genug. Wenn meine Gegner nur sähen, in wie schweren Verhältnissen ich mein Lehramt ausübe und dabei doch nichts für mich beanspruche, sie müssten sich selbst ihres leichtsinnigen Geredes schämen. Wenn ich mich auch damit bescheide, dem beißenden Geschwätz böser Zungen nicht entgehen zu können, so genügt nicht nur das Zeugnis meines Gewissens, sondern auch das der Tatsachen und deutlichen Erfahrungen reichlich, alles zurück zu weisen, was böswillige Leute mir aus der Ferne vorwerfen. Ich möchte von ihnen, denen meine Macht auf solche Distanz unangenehm ist, selbst hören, was ich denn so Tyrannisches an mir habe. Etwa dass ich mich angeboten habe, ihnen Rechenschaft abzulegen? dass ich mich ihnen zu lieb zu einer langen, beschwerlichen Reise bereit erklärt habe und, ohne dass mich jemand von ihnen darum mit einem Wörtlein begrüßt hätte, so zuvorkommend gewesen bin? Scheint das etwa Herrschsucht zu sein? Sie sind wirklich zu reizbar, wenn sie ein so freundschaftliches Angebot nicht nur schnöde ablehnen, sondern sogar noch darüber erbittert sind. Doch wird mich ihre Unfreundlichkeit nicht dazu bringen, je zu bereuen, dass ich diese Pflicht übernommen habe, aber es tut mir doch weh, dass sie über einen Bruder so unbesonnen herfallen und sich nicht einmal davor hüten, ihm grobes Unrecht zu tun. – – –

– – Lebwohl, edler, verehrter Herr. Christus erhalte dich samt deinem Hause gesund; er unterstütze dich mit seiner Kraft; er leite dich mit seinem Geiste und mache dich reich an allen seinen Segnungen.

Genf, 24. Juni 1556.

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