Calvin, Jean – An die französische Gemeinde zu Frankfurt am Main.

Calvin, Jean – An die französische Gemeinde zu Frankfurt am Main.

Nr. 502 (C. R. – 2486)

Begleitschreiben für den neuen Pfarrer Houbraque.

Empfehlung des neuen Pfarrers. Mahnung zur Eintracht.

Die Liebe Gottes, unseres Vaters und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei allezeit mit Euch durch die Gemeinschaft des heiligen Geistes.

Sehr liebe Herren und Brüder, wiewohl es recht gut gewesen wäre, wenn Ihr nach dem Tode unseres lieben Bruders Richard Vauville vom ersten Tag an mit einem andern Pfarrer versorgt gewesen wäret, besonders der Unruhen und Zwistigkeiten wegen, die damals unter Euch waren, und wiewohl Euch das lange Warten recht unangenehm war, so hoffe ich doch, dass, so Gott will, die Ankunft unseres Bruders, Mag. Guillaume Houbraque, solche Frucht bringen werde, dass das alles wieder gut gemacht wird, so dass Ihr zufrieden sein könnt und es Euch schließlich nicht mehr leid tut, eine Zeitlang haben warten zu müssen, da das besser ist, als wenn Ihr durch übereiltes Handeln einen bekommen hättet, der nicht so gut gepasst hätte. Denn Houbraque ist wohl erfahren in der Schrift und von hohem, aufrichtigem Eifer erfüllt, die Kirche zu erbauen. Einige von Euch kennen ihn bereits, und wir haben ihn bei uns als so tüchtig befunden, dass wir ihn, hätten wir nicht auf Euch Rücksicht genommen, gerne hier in unserm Genfer Pfarrkollegium behalten hätten. Wie er also sich Mühe geben wird, die ihm von Gott verliehenen Gnadengaben zu Eurem Heil und Nutzen zu gebrauchen, so seht auch Ihr darauf, sie recht zu benutzen; denn wenn Ihr ihn freundlich aufnehmt und Euch in aller Sanftmut in die Lehre fügt, die er Euch bringt, so ermutigt Ihr ihn dadurch, umso treuer seine Pflicht zu erfüllen. Zweifellos wird er seinerseits kein anderes Bestreben haben, als Frieden und Eintracht zu pflegen und, falls etwa noch etwas von den früheren Händeln und Zwistigkeiten herrschen sollte, solche nach Kräften zu schlichten. Ich bitte Euch um Gotteswillen, Euch beiderseits dem anzupassen, was dazu dient, die Einigkeit unter Euch wieder herzustellen; denn es genügt nicht, dass Eure Zwistigkeiten beigelegt sich und Ihr nicht mehr in Parteien gespalten seid, wie im offenen Kampf, sondern die Hauptsache ist, dass Ihr untereinander verbunden seid in herzlichem Verlangen, Gott zu dienen einträchtig alle zusammen. Dazu ist es aber nötig, dass Ihr alles Geschehene vergesst; denn ich sehe wohl, die Erinnerung daran nährt in einigen unter Euch immer noch einen bittern Groll, der von Tag zu Tag neue Bitterkeiten hervorbringt, wenn er nicht ganz ausgefegt wird. Ich will dafür nur ein Beispiel anführen, von dem ich erfahren habe. Ihr wisst, als man Euch erklärte, ein gewisser Gisberg von Geldern sei ein Mensch mit bösen, gefährlichen Ansichten, und jedermann müsse sich vor ihm hüten und ihn meiden als einen, der sich selbst aus der Kirche ausgeschlossen habe, da erhob sich ein Glied Eurer Gemeinde und widersprach dem. Selbst angenommen, er hätte irgendwie Grund dazu gehabt, so wäre doch die Art des Vorgehens weder gut noch christlich gewesen. Wie ist es aber vollends zu entschuldigen, wenn ein Mensch auf seine Lehre geprüft worden ist von den dazu von der Kirche Beauftragten, unter denen unser verehrter Bruder, Herr von Laski, war, und ist als verdorben und in seinem Irrtum verstockt erfunden worden, und dann ein Schreiner von Beruf allein sich zum Richter aufwirft und alles verwirft, was gesagt worden ist? Aber das kommt davon, wenn die Herzen vom Hass vergiftet sind; dann muss der Argwohn herrschen und alles ins Schlimme ziehen, was die tun, die wir nicht gern haben, so dass wir ihnen zu leid das Weiße schwarz nennen. Wenn man so fortfährt, so werdet Ihr Euch stets fort neue Wunden schlagen, und schließlich wird sich das Übel entzünden und alles verzehren. Daher tut es Not, die Leidenschaften besser zu bändigen, damit sie beherrscht und gemäßigt werden, und nicht nur das, sondern einer soll den andern in aller Milde und Freundlichkeit ertragen und den bisher Entzweiten Anlass bieten zur Einigung. So bitte ich Euch, liebe Brüder, im Namen Gottes, handelt mehr nach dem Spruche St. Pauli: Nichts tut durch Zank und eitle Ehre, [Phil. 2, 3], das will nach dem Wort, das er braucht, sagen, aus der Sucht, Recht zu behalten; denn solange jeder nur darauf bedacht ist, seine Sache zu verteidigen, so lange gibt’s immer wieder Streit. Vielmehr soll jeder seine Fehler erkennen, und die, die gefehlt haben, sollen sich von selbst wieder fügen, und dann soll man alles weitere Nachforschen lassen, das zu nichts dient als zu neuer Verletzung. Denn wenn wir nichts ertragen können, was uns nicht behagt, so müsste jeder eine Welt für sich haben, und wenn deshalb St. Paulus die Epheser mahnen will, zu halten die Einigkeit im Geiste durch das Band des Friedens [4, 3], so leitet er sie ausdrücklich an zur Demut, Sanftmut und Geduld [4, 32], damit sie sich in Liebe ertragen lernen sollen. So vergesst denn auch Ihr, liebe Brüder, dass Ihr gewonnen habt im Streite, damit Ihr den Kampf wider den Satan gewinnet, der nichts lieber möchte, als er könnte Euch getrennt halten, weil er wohl weiß, dass Euer Heil in rechter, frommer Eintracht läge. Wenn ich so spreche, so meine ich damit nicht, dass Ihr mit allen Fehlern sollet Nachsicht haben, aber dass, wenn noch Widersprüche bestehen in Dingen, die die Religion nichts angehen, die begraben sein sollen und man nicht Formfehler oder Irrtümer aus Unachtsamkeit und derartige Schwächen weiter behandeln soll, als wären es unerträgliche, todeswürdige Verbrechen; vor allem soll man sich nicht darauf versteifen, eine arme Gemeinde auseinanderzusprengen, d. h. ganz zu Grunde zu richten. So rede ich nicht einzelnen Persönlichkeiten zu lieb, oder weil ich schlecht unterrichtet wäre, denn ich liebe Euch alle und wünsche deshalb Eure Unvollkommenheiten gebessert zu sehen wie die meinen, und die Sorge um Euer Wohlergehen macht, dass ich Euren Zustand kenne, als ob ich ihn aus nächster Nähe sähe. Im übrigen, liebe Brüder, lasst nun unsern lieben Bruder Houbraque, wenn er zu Euch kommt, als Arzt an denen wirken, die bisher zu heftig ihren Leidenschaften fröhnten, und zeigt, dass Ihr eine heilige Eintracht unter Euch erstrebt dadurch, dass ein jeder sich bestrebt, gerade dem sich zu nähern, dem er besonders feind war.

Damit will ich schließen und den lieben Gott bitten, er möge Euch stets in seiner heiligen Gut halten, Euch leiten in aller Klugheit und Aufrichtigkeit, Euch wandeln lassen einträchtig in seinem Dienst und Euch mit allen seinen Segnungen reichlich bedenken.

Ich empfehle mich Eurer Fürbitte.

Genf, 24. Juni 1556.
Euer ergebener Bruder
Johannes Calvin.

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