Calvin, Jean – An Johann Boner von Balitze in Krakau.

Calvin, Jean – An Johann Boner von Balitze in Krakau.

Nr. 476 (C. R. – 2365)

Von Lismanino erhielt Calvin die Adressen einer Reihe polnischer Großen, die der Reformation günstig gesinnt waren; Boner von Balitze bezeichnete Lismanino als den einflussreichsten Mann in Krakau.

Aufforderung zur Förderung der polnischen Bibelübersetzung.

Um keine lange Vorrede darüber zu machen, wieso du, erlauchtester Herr, von einem dir Fremden und Unbekannten einen Brief erhältst, so vernimmt in Kürze: als mir unser bester Bruder Franz Lismanino von deinen Vorzügen berichtete, da gefiel mir eines vor vielem andern und, wie ich denke, mit Recht, und das gibt mir nun Anlass, dir zu schreiben und macht mir zugleich Mut dazu. Er sagte mir nämlich, eine gute, getreue Übersetzung der heiligen Schrift ins Polnische sei dir ein so ernstliches Anliegen, dass du keine Kosten scheuen wolltest und auf alle Weise danach trachtest, dass irgendein tüchtiger Mann, der Erfahrung in Übersetzungsarbeiten hat, das Werk übernehme. Er hat mir auch von dem edeln Herrn Andreas Tricez gesprochen, und dessen Begabung, Frömmigkeit und Gelehrsamkeit sehr hervorgehoben. Ich zweifle nicht daran, hochberühmter Herr, dass du in deiner außerordentlichen Urteilsfähigkeit ihn vor andern mit Umsicht auswählen wirst zur Leitung eines so herrlichen Unternehmens. Da schon das Gerücht von diesem Vorsatz dir das Herz aller Frommen, die dich nie gesehen haben, gewinnt, und zweifellos Gott ein noch weit angenehmerer Dienst ist, was soll ich dich, den ich schon freiwillig ganz geneigt dazu sehe, mit einer weitern Mahnrede antreiben? Doch wirst du es verzeihen, wenn sich deiner Tatenlust mein Eifer beigesellt, dessen Bezeugung zwar vielleicht unnötig, aber doch, denke ich, dir nicht unlieb sein wird. Übrigens, weil das ein so herrlicher Beweis einer wahren, treuen Frömmigkeit ist, so bilde ich danach auch mein Urteil über dein sonstiges Tun. Denn wer so eifrig um die Ausbreitung des Wortes Gottes besorgt ist, der muss sich auch als aufrichtiger, energischer Verfechter eines reinen Gottesdienstes erweisen. Denn wozu dient das Lesen der heiligen Schrift, wenn nicht dazu, dass das Dunkel des Aberglaubens vertrieben werde und die reine Wahrheit Gottes aufleuchte und die wahre Religion mächtig werde? Dass du tatsächlich nicht anders kannst, verstehst du, ohne dass ich es dir sage. Dass du dem durchlauchtigsten König, dessen Geschäfte du zu leiten hast, treue Hilfe leistest und dir das angelegen sein lässest, davon bin ich fest überzeugt. Das schönste Lob trüge dein Eifer aber dann dir ein, wenn du auch dem himmlischen König deine Hilfe nicht fehlen ließest, nicht um die Rechte eines Reiches von dieser Welt zu verfechten, sondern zur Wahrung der ewigen Ehre des Vaters, die all unsere Sorge, unsern Eifer und unser Streben an sich ziehen soll. Damit dir nicht ein zu langes und ausführliches Gerede misstrauischen Verdacht weckt, schließe ich mit der Bitte an Gott, wie er dich mit außerordentlicher Klugheit begabt hat, so möge er dich auch mit dem Geist unbezwingbarer Tapferkeit ausrüsten und dich mit seiner Hand leiten durch dein ganzes Leben bis ans Ziel.

Genf, 29. Dezember 1555.

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