Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (453).

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (453).

Zwischen Zürich und den katholischen Orten war die Formel des zu erneuernden Bundesschwurs („bei Gott und allen Heiligen“) Gegenstand eines heftigen Streites. Nikolaus Hahn war Pfarrer in Regensburg. Über den Aufruhr vgl. 451. Für die nach Zürich ausgewanderten evangelischen Locarner hatte der Zürcher Rat Bernardino Occhino (vgl. 93) als Pfarrer berufen.

Ausführlicher Bericht über die Genfer Verschwörung.

Wiewohl klar ist, dass Eure Nachbarn nicht nur einen glühenden Hass gegen Euch hegen, sondern sogar an Frechheit noch zugenommen haben, ja von einer Art Tollwut getrieben werden, jede Gelegenheit, Euch zu schaden, hervor zu reißen, so hoffe ich doch, dass der Herr auch jetzt wieder ihren Angriff abschlagen wird. Lässt sich ihre Bosheit und Schlechtigkeit nicht erweichen, so wird doch der, der im Himmel des menschlichen Übermutes lacht, [Ps. 2, 4] ihre bösen Anschläge vernichten und machen, dass Euer Rat weder seine fromme Festigkeit noch seine Freundlichkeit [in der Verhandlung] zu bereuen hat. Denn ich habe das feste Vertrauen, dass Ihr trotz aller Drohungen der feindlichen Bundesgenossen fest auf Eurer Forderung beharrt habt, den Namen Gottes nicht durch eine unevangelische Eidesformel zu entweihen. Ich bin sehr gespannt auf den Beschluss des nächsten Badener Tages.

Ein Buchhändler, der kürzlich aus Sachsen zurückgekehrt ist, berichtete, und Melanchthon bestätigt es in seinem Briefe, die Lutheraner würden jedenfalls in Bälde in ihrem Wahnwitz schwere Händel anfangen. Philippus selbst verspricht, sobald das Buch eines gewissen Nikolaus Hahn erscheine, das, wie er höre, schon unter der Presse sei, werde er offen und unzweideutig antworten, und er anerkennt, dass er das der Kirche Gottes schuldig ist. Denn ich hatte ihn wieder einmal scharf gemahnt, nicht stets die Welt durch seine unentschiedene, unklare Ausdrucksweise in Spannung zu halten. Obschon nun vier oder fünf ihr Geschrei erheben und die andern in ihren Drecklöchern versteckt bleiben, wird doch der Brand schon auf der nächsten Messe ausbrechen. Doch halte ich das geradezu für günstig, dass sie damit ihre Dummheit dem allgemeinen Gespött preisgeben; denn da es geradezu unglaublich ist, wie krass ihre Wahnideen sind, so ists besser, sie verraten es durch ihr eigenes Bekenntnis, als dass wir es erst darstellen müssten. Da es bei ihnen also schon feststand, uns den Krieg zu erklären, auch wenn wir schwiegen, so ist es sehr günstig, dass die Verteidigung unsrer Lehre jetzt gerade erscheint, die mancher törichten Verleumdung von vornherein den Boden entzieht. Dem Philippus und seinen Anhängern wird sie sicher gut tun, so dass sie sich uns mit mehr Vertrauen anschließen; nimm noch dazu, dass selbst auf der gegnerischen Seite viele anfangen, sich uns zuzuwenden. Ich will zufrieden sein, wenn ich so viel erreicht habe, dass sie merken, unsere Lehre sei fortan nicht gar so leicht mit ihren Vorwürfen zu treffen. Denn das machte sie so wütend, dass das Gebiet, auf dem sich ihr verleumderisches Geschwätz bisher so frech tummelte, nun bedeutend eingeschränkt worden ist. So wünschenswert der Friede wäre, Philippus musste doch in den Kampf gezogen werden, da ihm sehr viele gerne folgen; es musste ihnen auch entrissen werden, was ihnen am meisten Beifall eintrug und womit sie stets den Unkundigen einen Dunst vormachten. Brenz, den ich für in gewisser Hinsicht milder geworden hielt, soll von noch verstockterer Härte sein als vorher, wie mir ein tüchtiger, wahrheitsliebender Freund aus Tübingen schrieb. Doch will ich probieren, wie es damit steht.

Doch jetzt zu den Verhältnissen unserer Stadt. Was du in deinem Briefe wünschtest, nämlich, ich solle dir die Geschichte des letzten Aufruhrs offen und ausführlich erzählen, das tue ich umso lieber, als es für uns von großem Interesse ist, dass man die Sache bei Euch und Euern Nachbarn genau kennt. Denn es ist nur zu sehr bekannt, dass böse Gerüchte über uns verbreitet werden, und zwar durch die, die uns zu ihrem Vorteil überall recht verhasst machen wollen. Du tust uns also einen guten Freundschaftsdienst, wenn du dafür sorgst, dass der Hauptinhalt dieses meines Schreibens Eurem erlauchten Rate vorgelesen wird. Ja ich möchte, wenn es dir nicht zu viel ist, du ließest diesen Teil meines Briefes auch unsern Brüdern, den Pfarrern von Schaffhausen, in Abschrift zukommen, damit auch sie bei ihrer Obrigkeit unsre Stadt von falscher Verlästerung frei machen.

Die Sache verhält sich nun durchaus so. Es saßen in unserm Rate zwei schlimme und bis zur Unverschämtheit verwegene Gesellen, beide auch heruntergekommen und Hungerleider. Der eine hieß Perrin, der andere Vandel. Perrin hatte als Stadthauptmann eine Masse böser Leute dadurch, dass er ihnen Straflosigkeit für ihre Untaten versprach, für sich gewonnen. Denn wenn je etwas Nichtsnutziges, Übermütiges oder Leichtsinniges geschah, so warf er sich gleich zum Verteidiger dafür auf, um nicht die gesetzlichen Strafen in Kraft treten zu lassen. Vandel war dabei in allem sein treuer Helfer. Einen Teil des Rates hielten sie durch Schmeichelei gefangen; einige dunkle Existenzen, die ihren Rang nur durch Perrins und Vandels Gunst behaupten konnten, zwangen sie durch Einschüchterung zum Gehorsam. Ihre Verwandten wussten sie sich durch den Familiensinn verpflichtet. So war im kleinen Rat ihre Macht so groß geworden, dass kaum jemand ihrer Willkür entgegenzutreten wagte. Tatsächlich standen die Entscheide mehrere Jahre hindurch in ihrer Macht, und der Handel, den sie damit trieben, war ein offenes Geheimnis. Nicht nur die Bürgerschaft sah das, sondern selbst bei den Nachbarn und auswärts mussten wir um ihretwillen schlimme Dinge hören. Sehr viele, die öfters durch furchtbare Beschimpfungen gereizt und verletzt waren, schwiegen auch gar nicht. Wenn aber ein geringerer Mann ihre Untaten aufdeckte, war ihre Rache schnell bei der Hand; was freilich von ihresgleichen gesprochen wurde, schluckten sie leicht herunter. Indessen waren doch schon viele ganz unempfindlich geworden in dieser Sklaverei; alle Edikte standen bloß auf dem Papier; vor dem Gesetz hatte man keine Furcht noch Achtung mehr, wenn man nur ihrer Gunst gewiss war. Denn auch die Richter samt dem städtischen Oberrichter wurden Jahr für Jahr nur nach ihrem Wunsch gewählt; schließlich war ihr Mutwille soweit gediehen, dass das Volk selbst, nachdem es in seinen Wahlversammlungen irgendein paar Nullen, jedenfalls schimpflich dunkle Existenzen, gewählt hatte, die Schmach schaudernd empfand. Wenigstens war letztes Jahr das die öffentliche Meinung; wenn man den Feinden der Stadt die Wahl überlassen hätte, sie hätten zum Hohn der Stadt keine nichtsnutzigeren Menschen an die städtischen Ehrenstellen berufen können. Und wenn früher bei einem Fehler des kleinen Rats der Rat der Zweihundert den Missgriff und Irrtum wieder gut gemacht hatte, so hatten sie in diesen viele aus der Hefe des Volkes hineingebracht, teils lärm- und händelsüchtige junge Leute, teils solche von schändlichem, losem Lebenswandel. Damit es ihnen nicht an einer überwiegenden Mehrheit fehle, hatten sie ohne Rücksicht auf die gesetzliche Zahl Mitglieder jeden hineingebracht, von dem sie sich Beistand versprachen. Schließlich kam die Verwirrung in diesem Recht so weit, dass Leute ins Rathaus eindrangen, die nicht einmal von ihnen gewählt waren. Das war die Partei, die, weil sie sah, nur die kirchliche Gerichtsbarkeit stehe ihr im Wege, allem zügellosen Lasterleben Straflosigkeit zu gewähren, mit uns den Kampf um das Recht des Ausschlusses vom Abendmahl begann, um keinen Rest von Zucht mehr bestehen zu lassen, und nicht aufhörte, das Unterste zu oberst zu kehren, bis wir in heißem Kampf erreichten, dass wenigstens Gutachten von den Schweizer Kirchen eingeholt würden.

Weil nun Eure Antwort die Bösen in ihrem Hoffen und Wünschen enttäuschte, traten etwas ruhigere Verhältnisse ein, doch nur so, dass sie gespannt darauf warteten, bei einem neuen Anlass ohne Scham alle Fesseln abzuwerfen. Da es uns übrigens verleidet war, stets im Ungewissen zu sein, wagten wir es schließlich, sie zu reizen, um sie zu einem bestimmten Entscheid zu nötigen. Dabei hat sie nun der Herr wunderbarer Weise um den Erfolg gebracht. Denn in der aus Gut und Böse zusammenströmenden Masse bekamen wir bei der Abstimmung die Mehrheit. Kurz darauf fanden die Wahlen der Syndics statt, bei der der unerwartete Wechsel zutage trat. Die Bösen zeigten nun ihre Wut offen, weil sie sahen, dass sie nun zur Ordnung gezwungen waren; so begannen sie frech, allerlei zu probieren, um den gegenwärtigen Zustand zu Fall zu bringen. Unsere Partei war stets damit zufrieden, ihre Anschläge ohne großen Lärm zu unterdrücken oder doch unschädlich zu machen. Weil jedoch offenkundig war, dass sie in maßloser Weise auf Umsturz dachten, beschloss der Rat, gegen ihr Gelüsten das beste Mittel anzuwenden. Von den französischen Refugianten, die schon lange hier wohnten und deren gute Gesinnung bekannt war, nahm der Rat eine Anzahl ins Bürgerrecht auf, vielleicht etwa fünfzig. Die Bösen merkten wohl, wie die Macht der Guten durch solche Schützer gefestigt werde, daher glaubten sie, alles ins Werk setzen zu müssen, damit dieser Beschluss aufgehoben werde. Die Sache wurde von ihnen auf allen Gassen und in den Schenken öffentlich und in ihren Häusern heimlich verhandelt. Nachdem sie eine Anzahl Leute zu ihrer Meinung herübergezogen hatten, begannen sie nicht mehr mit bloßem Murren, sondern mit offenen Drohungen sich aufzulehnen. Der städtische Oberrichter wurde angestiftet; er kam mit großem, aber geringem, abscheulichem Gefolge aufs Rathaus und sagte dem Rat, es drohe Gefahr, wenn man so fortfahre. Die Menge war in der Mehrzahl aus Schiffsleuten, Fischern, Kneipwirten, Garköchen und ähnlichem Adel zusammengesetzt, viele Beisassen darunter, als ob die Bürgerschaft nicht ohne solche Beschützer ihr Recht wahren könnte. Der Rat antwortete würdig, er habe keine Neuerung eingeführt, sondern nur getan, was seit ältesten Zeiten in der Stadt herkömmlich sei; es wäre Unrecht, jetzt zugleich die alte Genfer Sitte zu durchbrechen, Leute vom Bürgerrecht auszuschließen, die lange Zeit ehrbar hier gelebt hätten, und schließlich sich eine Machtbefugnis entreißen zu lassen, die seit Menschengedenken ohne Unterbrechung in des Rates Händen gelegen habe. Weil jedoch der Rat nichts mit Gewalt tun wollte, verzieh er für jetzt der offenen Verschwörung noch einmal; nur der Oberrichter erhielt einen Tadel, weil er sich in einer bösen Sache frechen Leuten zur Verfügung gestellt hatte. Zugleich aber wurde beschlossen, die Zweihundert einzuberufen, die, als die Sache vor sie kam, die Machtbefugnis des kleinen Rates bestätigten und ihn ermächtigten, auch fernerhin nach seinem Ermessen aus den französischen Refugianten Bürger aufzunehmen.

Doch bevor die Zweihundert diesen letzten Beschluss gefasst hatten, brach plötzlich die Wut der Gegner noch mehr hervor, die, wie Verzweifelte zu tun pflegen, beschlossen hatten, nun das Äußerste zu wagen. Durch einen nächtlichen Auflauf wurde die Bürgerschaft fast ins größte Verderben hineingezogen. Am Tage vorher wurde vielen losen Leuten unentgeltlich ein Mittagessen gegeben. Die Führer schmausten anderswo; von ihnen trug der eine, den ich nannte, Vandel, die Kosten des Mittagessens, Perrin die des Nachtessens. Boten gingen indessen hin und her; allerlei schlimme Zeichen wurden bemerkt; die Guten waren nicht ohne Grund in Furcht. Nun besteht die Sitte, dass, wenn die Wachen an den Toren aufgestellt sind, der Kommandant der Wache die Runde macht und die Posten inspiziert; dieses Amt geht der Reihe nach bei den einzelnen Mitgliedern des kleinen Rates um. Als nun die Rondenwächter dieser Nacht mitten in der Stadt waren, hörten sie ein Geschrei nicht weit von ihnen; aus dem Stadtteil hinter den Kramläden rief ein von einem Steinwurf getroffener Mensch: Mordio! nach ihrer Pflicht liefen sie hin; zwei Brüder lehnen sich gegen sie auf, beide aus der Kameradschaft Perrins und Vandels, Leute zwar aus der untersten Klasse, nämlich Kneipwirte, die aber doch mit ihnen kostenlos an ihrem Tische gegessen hatten. Daraus, dass die zwei allein es wagten, mehrere Bewaffnete anzugreifen, erhellt schon, dass sie auf Verabredung hin handelten; es habens auch beide vor den Richtern und andern, auch mir persönlich, bekannt. Als sie dann aufs Schaffot geführt wurden, haben sie es allerdings wieder geleugnet, auf ein gegebenes Zeichen hin den Aufruhr begonnen zu haben, doch waren sie durch so viel Indizien überführt, dass ihnen ihre Unverschämtheit nichts nützte. Denn das konnten sie nicht leugnen, dass sie am selben Tag zwischen dem Mittag- und dem Abendessen den Perrin, als er zum Vergnügen auf ein nahes Landgut spazierte, begleiteten, und dass bei diesem Gang von fünfhundert anderswoher zum Schutz der Stadt zu berufenden Bewaffneten die Rede war. Als dann beim Vespertrunk wieder die Sache zur Sprache kam, habe Perrin, durch das Herzutreten einiger Arbeiter überrascht, auf deutsch: Schwig, schwig! ihnen Stille geboten. Weil aber dieses Landgut außerhalb des Genfer Gebiets liegt, so habe Perrin gesagt, das könne noch eine gastliche Zuflucht werden, wenn einer in der Stadt ein Kapitalverbrechen begangen habe. Als der Tumult wuchs, kam einer von den Syndics, der nicht weit davon wohnte, mit seinem Zepter, dem Zeichen der Amtsgewalt, und mit brennenden Fackeln aus dem Haus. So groß war beim Genfer Volk stets die Ehrfurcht vor der Heiligkeit dieses Stabes, dass, wenn man ihn sah, nicht nur die größten Unruhen gestillt, sondern selbst Gewalttaten verhindert wurden, wenn es bereits zum Handgemenge gekommen war. Einer der beiden Brüder nun lief mit gezogenem Degen dem Syndic entgegen. Dieser, im Vertrauen auf die Abzeichen seiner Amtsgewalt, legte die Hand auf ihn, um ihn ins Gefängnis zu führen; da sprangen andere aus der Verschwörerpartei herzu; alle Lichter wurden gelöscht; sie rufen, sie würden nicht leiden, dass einer ihrer Kameraden ins Gefängnis geführt werde. Plötzlich erscheint Perrin. Zuerst stellt er sich, als wollte er eifrig Frieden stiften, fasst dann den Syndicstab und flüstert dem Syndic ins Ohr: „Mir gehört er, nicht dir.“ Dieser, obwohl klein von Gestalt, weicht doch nicht, sondern widersetzt sich heftig und mutig. Indessen erhebt sich überall durch alle Gassen der Stadt ein Geschrei und dringt fast im Augenblick durch, die Franzosen stünden in Waffen, und die Stadt sei durch einen Hinterhalt verraten, das Haus des Ratsmitglieds, der in dieser Nacht Wachkommandant war, stecke voll Bewaffneter. Sendboten von erprobter Gesinnung riefen die Verschworenen eilends zusammen. Perrin, der nicht daran zweifelte, dass seine Schar nun stark genug sei, fing an zu rufen: „Der Syndicstab in unser; ich halte ihn in Händen!“ Auf diesen Ruf erfolgte aber kein Zeichen der Zustimmung, obwohl er ganz von Verschworenen umringt war, so dass leichtlich erhellt, dass ein geheimer Trieb von Gott sie gebannt hielt. Von Scham verwirrt und zugleich erschreckt, zog er sich ein wenig zurück; doch als er auf den zweiten Syndic, seinen Verwandten, stieß, entwand er ihm das Zepter mit Gewalt. Der rief klagend, Gewalt sei ihm geschehen, das Recht der Stadt sei verletzt. Weil aber an bewaffneter Macht die Bösen weitaus überlegen waren, hob niemand auf die Klage des Syndics einen Finger, um ihm zu helfen; aber selbst die Schlimmsten hielt eine gewisse Scheu zurück, so dass keiner von ihnen Perrin zustimmte. So ergriff ihn Furcht und er gab das Zepter heimlich wieder zurück.

Eine Menge loser Leute stand schon in Waffen; ein Ruf ertönte überall, man müsse die Franzosen umbringen, sie hätten die Stadt verraten. Der Herr aber hielt in unglaublicher Weise selbst die Wacht über seinen armen Vertriebenen, teils ließ er tiefen Schlaf auf sie sinken, so dass sie mitten in dem entsetzlichen Lärm süß in ihren Betten schliefen, teils hielt er sie beisammen, so dass sie durch die Drohung und die schreckliche Gefahr sich nicht erschüttern ließen. Tatsächlich kam einer von ihnen aus seinem Hause, und durch dieses eine Wunder Gottes, dass keiner sich zum Kampfe stellte, wurde der Anschlag der Gottlosen zunichte gemacht. Denn die Verschworenen hatten beschlossen, wie nachher bekannt wurde, wenn einige der Franzosen sie angriffen, sich zu wehren, und wenn die dann getötet seien, sich auf die andern zu werfen, als ob der Aufruhr von uns ausgegangen wäre. Aber nicht allein die Refugianten wurden bedroht, sondern es schrieen einige, man müsse auch ihre Gönner töten und den Rat strafen.

Sieh daran die Milde unseres Rates! Denn die, die so frevelhaft geredet, wurden verhaftet und überführt, aber doch ließ man ihnen nicht nur das Leben, sondern enthielt sich sogar einer auch nur mittelmäßigen Züchtigung, nicht einmal mit Ruten gestrichen wurden sie. Die Syndics befahlen, den Rat einzuberufen und eilten dazu selbst durch die Stadt. Doch die Bösen, auf ihre Machtmittel vertrauend, verspotteten und verachteten nicht nur diesen Befehl, sondern widersetzten sich sogar mit Schimpfworten, so dass wenig Hoffnung war, die Sache in Ordnung zu bringen. Wider alles Hoffen kams dann aber doch durch Gottes Eingreifen dazu, dass der Sturm sich allmählich legte. Tags darauf beschloss man, wegen Gewalttat gegen die Staatsordnung Untersuchung einzuleiten. Nachdem die Syndics drei Tage gebraucht zum Zeugenverhör, beriefen sie die Zweihundert ein, damit niemand sich beklagen könne, er werde fälschlich beschuldigt. Während der Verlesung der Zeugenaussagen saßen unter den andern Richtern auch die Verschworenen selbst. Da beide der Schuld teilhaft oder doch mit bösem Verdacht belastet schienen, hieß man sie aus dem Rate abtreten, weil sie nicht unvoreingenommen sein konnten zur Stimmabgabe. Perrin aber, als er seinen Frevel aufgedeckt sah, entkam mit drei andern durch die Flucht. Der große Rat, von der Furchtbarkeit der Tatsache zu gerechtem Zorn entflammt, beschloss, das Verbrechen der Verschwörung sei streng zu bestrafen, und ermahnte den kleinen Rat, bei dem das Urteil steht, zu energischer Durchführung der Strafen. Die Flüchtigen wurden vom ersten Amtsdiener, dann wie üblich vom Stadtherold vorgeladen; fünfzehn Tage lang geschah dies täglich unter Trompetenschall. Sie bezeugten durch eingesandte Handschreiben, wenn man ihnen nicht von Staatswegen Sicherheit verspräche, kämen sie nicht. Und doch wäre es das Widersinnigste gewesen, Leute, die als Angeklagte sich in Fesseln hätten verantworten müssen, sozusagen als besonders Begünstigte von den gesetzlichen Vorschriften zu befreien. Am vorgeschriebenen Tag wurden also fünf verurteilt, bevor jedoch die Richter ihr Urteil fällten, wurden vor versammeltem Volke die Verbrechen abgelesen, deren man sie als überführt ansehen musste, da sie auf Vorladung hin sich nicht vom Verdacht gereinigt hatten. Dazu kam nachher das Geständnis derjenigen, die hingerichtet wurden, oder die noch im Gefängnis gehalten werden. Danach steht fest, dass sie schuldiger sind und größere Verbrecher, als dass sie irgendwie noch an ein Ausweichen denken könnten.

Und doch hören sie, schamlos wie sie sind, nicht auf, gehässige Gerüchte zu verbreiten, als seien sie durch falschen Hass vertrieben worden, weil sie die Sache der Bürgerschaft gegen die Franzosen und den den Franzosen ergebenen Rat verteidigt hätten. Als ob die Zweihundert, durch deren Urteil sie vernichtet sind, nicht auch Bürger wären! Als ob sie mit Heeresmacht vertrieben worden wären! Als ob das Volk, wenn es hörte, dass die Beschützer seiner Freiheit grausam verfolgt würden, ein solches Unrecht litte! Vielmehr sind durch ihr Entweichen alle Unruhen gestillt; das Dunkel, das sie eingeführt hatten, ist vergangen; die Gesetze stehen wieder in Kraft; die Stadt hat ihre Ruhe wieder. Tatsächlich haben die Berner Gesandten, die auf ihre Bitte hierher gekommen sind, um ein Wort für sie einzulegen, sehen können, dass die Stadt nicht mehr durch verschiedene Bestrebungen gespalten ist und nicht mehr von allerlei Händeln lodert, sondern dass die über die Verschwörer verhängte Strafe in ruhiger Einmütigkeit von allen gebilligt wird. In ihrer großen Unverschämtheit suchen sie nicht nur die Tatsache, die sie zugeben, als geringfügig darzustellen, sondern mit nichtigem Gespött prahlen sie, aus nichts habe man ihnen ein Verbrechen gemacht. Und doch ists nicht schwer, das zu widerlegen. Sie sagen, es sei unwahrscheinlich, dass sie, da sie doch eine große Schar zur Hand hatten, selbst tollkühn und ohne genügende Sicherheitsmaßregeln zu den Waffen gegriffen hätten. Als ob es selten wäre und nicht oft vorkäme, dass böse Leute, von ihrem Wahnsinn verblendet, kopfüber ins Verderben stürzten! Jedenfalls hat, sie mögen sagen, was sie wollen, handgreifliche Tollwut einen aus ihrer Schar getrieben, durch einen Steinwurf einen Menschen niederzuwerfen, woraus der ganze Tumult entstand. Ebensolche Verblendung herrschte bei den beiden Brüdern, als sie mit bloßem Degen auf die bewaffnete Wache losgingen. Dann haben sie die Befehle der Syndics, denen nicht zu gehorchen von jeher als todeswürdiges Verbrechen galt, frech und mit Gespött missachtet, und das ist ein unzweideutiges Zeichen, nicht allein ihres plötzlichen Wutausbruchs, sondern eines schon vorher entstandenen, ja längst unter sich ausgebrüteten frechen Entschlusses. Dazu, woher kam das bei allen gleich lautende Geschrei, die Stadt sei von den Franzosen verraten, wenn nicht aus einer Verschwörung? Hätten sie sich nicht auf Verabredung diese Losung gegeben, wie hätte es geschehen können, dass in weit auseinander liegenden Stadtteilen dieses rein aus nichts entstandene Geschrei sich erhob? Auch die Frau des erwähnten Vandel lief bei allen, von denen sie hoffte, sie gehörten zu ihrer Partei, von Haus zu Haus und rief sie auf, die Franzosen des Verrats anklagend. Nun hat noch ein Anhänger Perrins, und zwar einer, der ihm so nahe stand wie keiner sonst, folgendes gestanden: die zwei Häupter der Verschwörung hätten vor vier oder sonst ein paar Tagen unter sich gesagt: „Was sollen wir zögern, um bald unsere Feigheit schwer zu büßen? Schon drei Jahre sind unsere Feinde zu unserm Untergang verschworen. (Nun, mich setzten sie zu oberst auf die Liste ihrer Feinde.) So müssen wir ihnen zuvorkommen. Ein schöner Vorwand dazu bietet sich jetzt dar; wir können sagen, es sei nicht zum Wohl des Staates, dass so vielen das Bürgerrecht gegeben wird. Freilich, wir werden weder beim kleinen Rat noch bei den Zweihundert Erfolg haben, so müssen wir ans Volk appellieren. Die Masse wird uns zuströmen, selbst wider den Willen der Syndics. Unsere Parteigänger wollen wir anstiften, dass sie einen Auflauf erregen. Die Beseitigung der Feinde wird keine Schwierigkeit bieten. Wir müssens nur endlich wagen, des Sieges können wir sicher sein.“ So hats dieser Busenfreund Perrins, der fast so untrennbar von ihm war wie sein Schatten, viermal wiederholt. Und nun leugnen die, mit Recht verurteilt zu sein, die den Vorsatz hatten, mitten unter versammeltem Volk und an heiliger Stätte zwei von den Syndics, mehrere Ratsherren, die besten Bürger, alle unschuldig niederzumachen. Von mir will ich schweigen, da sie mich ganz grundlos unter ihre Feinde rechnen. Denn wenn sie sich nicht schämen, mir vorzuwerfen, ich habe beabsichtigt, sie umzubringen, so ist das zu schändlich, als dass ich mich dagegen zu verteidigen brauchte. Und doch hat der Rat noch nicht einmal Vandel gerichtlich verfolgen lassen; aber sein schlechtes Gewissen hat ihn aus der Stadt vertrieben, woraus deutlich erhellt, dass man auch im ärgsten Aufruhr die Mäßigung festgehalten hat, wie man sie in ruhigen Zeiten pflegt walten zu lassen und dass nichts Hinterlistiges oder Überstürztes gegen die Bösen unternommen worden ist. Vielmehr würdest du, wenn du hier wärest, finden, unser Rat gehe zu langsam und nachsichtig vor; aber es ist besser, in dieser Richtung zu fehlen, damit sich nicht jemand beklagen kann, man habe unüberlegt, wie es in der Hitze der Leidenschaft geschieht, gewütet. Der Herr gebe, dass die Erinnerung an die Befreiungstat uns stets zur Dankbarkeit antreibe und uns bei unserer Pflicht erhalte.

Als ich diesen Brief zu diktieren begann, dachte ich nicht daran, dass unser lieber Hotman der Überbringer sein werde. Denn wenn er auch schon von seiner Reise gesprochen hatte, so war es doch noch ungewiss, ob er direkt nach Zürich reise, und ich hatte deshalb beschlossen, einen andern Boten zu nehmen. Nun passt es aber gut und freut mich sehr, denn wenn nun in meinem Brief etwas noch durch seine Kürze dir unklar ist, so kann er es mündlich bestätigen und erklären. Da du mich zweimal ermahnt hast, geduldig zu sein, so muss ich sagen, ich glaube, schon so manche Schmach ruhig getragen, ja still hintergeschluckt zu haben, dass ich nicht nur den Ärger bändige, sondern ganz leidenschaftslos geworden bin. Wenn ich aber nur mit meinem Schweigen und Übersehen die hätte versöhnen können, die aus Hass gegen mich unaufhörlich gegen alle Guten wüteten! Aber obschon dadurch ihre schon vorher tobende Wut nur noch mehr entflammt wird, so ists doch mein fester Entschluss, nichts zu tun. Dass Occhino ein Amt bekommen hat, in dem er sich nützlich machen kann, freut mich; Gott gebe nur, dass er es treulich verwaltet! Grüße ihn und Lismanino von mir, bitte. Auch allen deinen Kollegen, deiner Frau und allen Deinigen richte viele Grüße von mir aus. Lebwohl, hochberühmter Mann und hochverehrter Bruder. Der Herr leite dich auch weiterhin und gebe dir seinen Segen.

Genf, 15. Juli 1555.
Dein
Johannes Calvin.

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