Calvin, Jean – An Professor Valentin Pacäus in Leipzig.

Calvin, Jean – An Professor Valentin Pacäus in Leipzig.

Von unvermeidlichen Schwierigkeiten.

Dass du mir die furchtbar traurigen Nöte, die mich nicht wenig ängstigen, so liebenswürdig durch deinen Trost zu erleichtern suchst, mich auf den Weg des Duldens hiweisest und mich zugleich mahnst, mich nicht in leichtsinnige Händel hineinreißen zu lassen, ist mir ein lieber Freundesdienst von dir, bester, trefflichster Bruder, und ich wollte, ich hätte in meinen vielen, mannigfaltigen Stürmen stets so aufrichtigen Sinn, solche Geistesgegenwart, solche Seelengröße, wie man sichs wünschen müsste! Doch ist schon das etwas, dass ich dem Ziel meiner Fahrt treu bleibe, mögen mich auch wilde Wogen umher werfen und sogar schwere Stürme mein Leben bedrohen. Denn fast unmöglich ists, dass ich nicht zuweilen unbedacht vom rechten Kurz abweiche. Wie schwer es ist, sich nicht in viele Kämpfe hineinzerren zu lassen, erfahre ich alle Tage mehr. Zwar weiß ich wohl, manche Feinde sind nicht besser zu überwinden, als wenn man sie verachtet, und gegen rohes Schimpfen bin ich längst abgehärtet. Du glaubst kaum, wie manche Schmach ich hier selbst und in der Nachbarschaft ertragen und stillschweigend verwinden muss, und ganz gewiss glaubst du auch kaum, wie mancher Satanstücke ich durch Dulden und Schweigen die Spitze abbreche; ich könnte ohne das nicht dem hundertsten Teil genügend entgegentreten. Aber es steht nicht stets in unserer Hand, auszuweichen, und wenn der Prophet Ezechiel [Ez. 23] mit schlechten Weiblein kämpfen musste, so müssen wir uns derselben Notwendigkeit ruhig fügen. Kenntest du die Verhältnisse Genfs, du sagtest gewiss, man müsse da weit fort ziehen, um Ruhe zu haben. Indessen weiß ich auch nicht, ob die kurze Rechtfertigungsschrift, die ich kürzlich erscheinen ließ, Eure Schreier verstummen machen wird. Lassen sie mich zu einem Religionsgespräch zu, so soll mich keine Beschwerlichkeit abhalten, gerne zu kommen. Hätten sie früher schon eine freundschaftliche Beilegung des Haders im Sinne gehabt, ich für mein Teil habe mich stets als dazu bereit bekannt. Der Herr behüte dich mit seinem Schutze, er leite dich mit seinem Geiste und segne dein Wirken. Amen.

Genf, 5. März 1555.
Dein
Johannes Calvin.

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