Calvin, Jean – An Franz Burckard, Kanzler des Kurfürsten von Sachsen.

Calvin, Jean – An Franz Burckard, Kanzler des Kurfürsten von Sachsen.

Die Widmung des Genesiskommentars an die sächsischen Fürsten (vgl. 406) war auf Betreiben der Hoftheologen abgelehnt worden.

Die Widmung an die sächsischen Fürsten zurückgewiesen.

Dein Brief, hochberühmter Mann, konnte mir zwar seines Inhalts wegen nicht erfreulich und angenehm sein, und doch war er mir deshalb lieb, weil er mir zeigte, dass selbst in dieser traurigen Entzweiung deine alte Liebe zu mir nicht ganz aus deinem Herzen geschwunden ist. Denn daraus schöpfe ich Hoffnung, du werdest dir möglichst Mühe geben, den maßlosen Fanatismus zu dämpfen, den Eure Theologen gegen mich loslassen.

Die Zurückweisung meines Buches hat mich, ich muss es gestehen, schwer enttäuscht, denn ich hatte gehofft, meine Widmung werden den durchlauchtigsten Fürsten nicht unlieb sein. Wenn mir nun auch die persönliche Kränkung weh tut, so schmerzt mich doch mehr noch das Unrecht, das damit der ganzen Kirche geschah. Denn meine Ehre erleidet ja nur geringe Einbuße, und an harte, ungerechte Urteile der Welt bin ich längst gewöhnt; das aber, scheint mir, entbehrt des allgemein menschlichen Anstands, geschweige denn der von Christo seinen Jüngern gebotenen Freundlichkeit, wenn ein in frommem Eifer unternommenes und der Kirche Gottes nützliches Werk ebenso hochmütig als eigensinnig verschmäht wird. Hätten sie eine einzige unfromme Lehre darin zu tadeln gefunden, so wollte ich selbst nicht um der Billigkeit willen geschont sein; aber das werden sogar diese Männer nicht mir vorzuhalten wagen. In der Lehre von den Sakramenten stimmen wir zwar nicht überein, und zwar, weil ich der massiven Formulierung der Lehre, auf der sie mehr aus Trotz als aus Vernunftgründen beharren, nicht in jedem Wort zustimme. Aber ich gebe einfach nicht zu, dass einer von ihnen Wirksamkeit, rechten Gebrauch und Zweck der Sakramente mehr verherrlicht, ihren Wert reicher gepriesen, kurz von den Sakramenten mit größerer Ehrfurcht gesprochen hat als ich. Da dir aber die kurze Erläuterung dieser Frage, die dir mein Bote bringt, jeden Zweifel darüber nehmen wird, so will ich dich, einen Mann von schärfster Urteilskraft, nicht mit überflüssigen Worten aufhalten. Bleibt der zweite Vorwurf, dass ich nicht überall Luthers Auslegung beipflichte. Aber, wenn es nicht mehr jedem Exegeten erlaubt ist, über die einzelnen Schriftstellen seine Meinung vorzubringen, in welche Knechtschaft sänken wir da zurück? Ja, wenn ich nirgends von Luthers Meinung abweichen darf, so ist ja die Arbeit des Exegeten überhaupt unsinnig und lächerlich. Darauf allein hätte man achten dürfen, ob ich aus Ehrsucht um jeden Preis anderer Meinung sein wollte, ob ich aus Unbesonnenheit übertreibe, ob ich gehässig polemisiere oder schmähsüchtig spotte. Wenn du, trefflichster Mann, Muße hättest, mein ganzes Buch zu durchlesen, du fändest nichts derartiges, vielmehr könntest du sehen, dass ich, wo vielleicht ein anderer ein großes Geschrei erhöbe, um sich hervorzutun, nur kurz und nüchtern anführe, wo ein Irrtum vorliegt, ohne Namensnennung oder Spott tadle, ja Irrtümer, wo ich nicht anders muss, stillschweigend begrabe, so dass du meine maßvolle und anständige Schreibart nur loben könntest. Das Zeugnis darf ich mir ausstellen, dass ich nichts anderes im Auge hatte, als den Nutzen des lesenden Publikums, das sonst leicht in Täuschung verfällt, wenn man es nicht zur Vorsicht mahnt. Was nun die durchlauchtigsten Fürsten angeht, so will ich, wenn sie es für Schande achten, dass mein Werk ihren Namen an der Spitze trägt, obwohl es jetzt schon zu spät ist, um es ganz gut zu machen, doch lieber alles tun, was du schreibst, als dass sie sich länger über die Ehrung, die ich ihnen antun wollte, ärgern. Lebwohl, hoher und vor allem von mir hochverehrter Mann. Der Herr sei stets mit dir, halte dich aufrecht mit seiner Kraft, leite dich mit seinem Geiste und mache dich reich an Segen aller Art.

Genf, 27. Februar 1555.
Deiner Ehrwürden ganz ergebener
Johannes Calvin.

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