Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (411)

Calvin, Jean – An Melanchthon in Wittenberg (411)

Vgl.  349.

Melanchthon soll Farbe bekennen.

Wiewohl es mir schmerzlich und sehr verwunderlich ist, dass ich auf meinen letzten Brief von dir keine Antwort erhielt, so kann ich doch nicht annehmen, es sei aus Verdruss oder Verachtung geschehen, denn nichts würde weniger zu deinem Charakter und deiner Art passen. Da ich nun einen Boten fand, der sich mir anbot, dir einen Brief zukommen zu lassen, so will ichs noch einmal probieren, ob ich etwas aus dir herauslocken kann. Ich rede so, nicht, weil ich an deiner Liebe zu mir, die stets übergroß war, zweifelte, sondern weil dein Schweigen mich mit Recht traurig und bekümmert machen muss, da ichs für einen Schaden an der Kirche Gottes halte. Ich habe dir kürzlich geschrieben über den Lehrpunkt, in dem du mehr deine Meinung verbirgst, als dass du eigentlich von uns abweichst. Denn was sollte ich anders glauben von einem so scharfsinnigen und in der göttlichen Lehre erfahrenen Manne wie du, da doch keinem, der auch nur einigermaßen in der Schrift bewandert ist, verborgen ist, was du verschweigst, als ob du nichts davon wüsstest. Und doch ist die Lehre von Gottes Barmherzigkeit als Gnadengeschenk von Grund aus umgestürzt, wenn wir nicht das festhalten, dass rein nach Gottes Wohlgefallen aus den Verworfenen die Gläubigen ausgeschieden werden, die er zu Seligkeit erwählen will; wenn ferner nicht das feststeht, dass der Glaube aus der verborgenen Gnadenwahl Gottes fließt, weil Gott die mit seinem Geiste erleuchtet, die er vor ihrer Geburt auszuwählen beschlossen und durch seine Gnadenannahme in seine Familie aufgenommen hat. Wie widersinnig es wäre, wenn diese Lehre vom größten Theologen [unsrer Zeit] verworfen würde, das erwäge in deiner Klugheit selbst. Du siehst, es ist schon ein sehr schlimmes Beispiel, dass in unsern Schriften ein handgreiflicher Zwiespalt zu bemerken ist. Um diese Ungleichheit zu tilgen, will ich dir nicht vorschreiben, du müssest mir beipflichten; aber uns beide unter Gottes heiliges Wort zu stellen, dessen dürfen wir uns nicht schämen. Welche Art, eine Aussöhnung der Gegensätze zu finden, dir gefällt, – ich will sie gerne annehmen. Und sieh, jetzt fangen ungelehrte, unruhige Köpfe den Sakramentsstreit von Eurer Seite aus wieder neu an! Dass auch sie durch dein Schweigen begünstigt werden, darüber seufzen und klagen alle Guten. Denn wie frech auch ihre Dummheit sein mag, – daran zweifelt niemand, dass, wenn du dich entschlössest, deine Meinung offen zu bekennen, es dir leicht fallen würde, ihre Wut wenigstens zum Teil zu dämpfen. Zwar habe ich den Anstand nicht so sehr vergessen, dass ich nicht bei mir überlegte und es auch andern zeigte, mit welcher Menschenart du es dabei zu tun hättest, wie die dich die Verwirrung aller Verhältnisse ängstlich und bestürzt macht, auch wie viel Rücksicht du nehmen musst und was deinen Lauf hindert oder aufhält. Doch ist nichts darunter so wichtig, dass dein Schweigen diesen verrückten Gesellen den Zügel schießen lassen dürfte zur Verwirrung und Zerstörung der Kirchen. Ich will gar nicht davon reden, wie wertvoll uns ein offenes Bekenntnis zur gesunden Lehre wäre. Du weißt, dass seit mehr als dreißig Jahren die Blicke einer unzählbaren Menge sich auf dich richten, die nicht mehr wünscht, als sich dir gelehrig zu erweisen. Oder wie, weißt du nicht, dass heute die zweideutige Lehrart, an die du dich allzu ängstlich hältst, viele in Zweifel schweben lässt? Steht es dir aber nicht frei, offen und deutlich zu bezeugen, was du für wissenswert hältst, so solltest du dir wenigstens Mühe geben, die Maßlosigkeit derer im Zaum zu halten, die aufdringlich um nichts Lärm schlagen. Ich bitte dich, was wollen sie eigentlich? Luther hat sein Lebenlang laut gesagt, er kämpfe um nichts anderes, als dass den Sakramenten ihre Wirksamkeit gewahrt bleibe. Nun ist man darin einig geworden, dass sie nicht leere Sinnbilder sind, sondern tatsächlich bewirken, was sie darstellen; dass in der Taufe ein Wirken des Geistes vorhanden sei, uns rein zu waschen und wiedergeboren werden zu lassen; dass das Abendmahl eine geistliche Speisung sei, in der wir wahrhaftig mit Christi Fleisch und Blut gespeist werden. Willst du also den Streit schlichten, den verkehrte Leute von neuem begonnen haben, so scheint mir, sei die Lage so günstig, dass du nicht der Furcht vor Anfeindung zu weichen brauchst. Du kannst freilich mannigfachen Kämpfen nicht so ausweichen, dass du ihnen ganz entgingest. Wir müssen nur dafür sorgen, dass die eherne Mauer des guten Gewissens nicht nur diese, sondern alle Angriffe der ganzen Welt tapfer aushalte. Denn wenn ich höre, dass dich die Beschützer eines Osiander einen biegsamen, mehr der weltlichen Philosophie, als der himmlischen Lehre ergebenen Menschen nennen, so verletzt mich das mehr, als wenn dir böswillige, freche Leute zum Vorwurf machten, was man nicht nur mit Ehren gestehen, sondern auch mit Stolz rühmen dürfte. Lebwohl, liebster Mann und vor allen hochverehrter Bruder. Der Herr behüte dich mit seinem Schutze und leite dich fernerhin mit seinem Geiste bis ans Ende.

Genf, 27. August 1554.
Dein Johannes Calvin.

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