Calvin, Jean – An die französischen Refugianten in Wesel.

Calvin, Jean – An die französischen Refugianten in Wesel.

Die aus London vertriebenen französischen Refugianten wandten sich nach Holland und Deutschland. Die französische Gemeinde in Wesel wurde von den dortigen lutherischen Pfarrern und Behörden um der Zeremonien willen etwas drangsaliert und wandte sich an die Genfer Pfarrer um Rat, wie sie sich dazu stellen solle.

Toleranz gegenüber den Zeremonien.

Die Liebe Gottes unseres Vaters und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei stets mit Euch durch die Gemeinschaft des heiligen Geistes.

Sehr liebe Brüder, wir haben Grund, Gott zu loben, dass er Euch in den Unruhen, die heutzutage in der ganzen Welt herrschen, einen Zufluchtsort gegeben hat, wo Ihr ihm in Freiheit dienen und ihn verehren könnt. Und nicht nur das, sondern er hat Euch auch Gelegenheit gegeben, Euch in seinem Namen zu versammeln, regelmäßig sein Wort zu hören, einträchtig ihn anzurufen und ein reines Bekenntnis Eures Glaubens abzulegen. Das ist keine kleine Gnade angesichts des fruchtbaren Durcheinanders, das man sonst überall sieht. Ihr müsst das nur zu Eurem Nutzen brauchen und umso eifriger sein, den zu verherrlichen, der Euch eine solche Gnadengabe reichlich verliehen hat, um sie Frucht bringen zu lassen. Was nun die Formen des Sakramentsgenusses angeht, so ists nicht ohne Grund, wenn Ihr darüber einige Zweifel und Bedenken habt. Denn dabei gibt es nichts besseres, als wenn wir uns an die reine Einfachheit halten, die wir vom Sohne Gottes haben, dessen Gebot unsere einzige Vorschrift sein soll, wie auch der Brauch der Apostel mit ihm durchaus übereinstimmte. Tatsächlich kann, sobald man davon noch so wenig abweicht, was man von Menschenseite dazu bringt, nichts sein als eine Entstellung. Aber es scheint uns, Eure Lage sei da eine andere, als die der Pfarrer des Ortes selbst und ihres ganzen Volks. Täten die Pfarrer ihre Pflicht, so mühten sie sich, alles Überflüssige, das nicht zur Erbauung dient, sondern eher die Klarheit des Evangeliums verdunkelt, weg zu schneiden. Auch die Magistrate müssten darauf wohl Acht haben. An ihnen ist es ein verurteilenswerter Fehler, dass sie diesen Plunder von Kleinigkeiten festhalten, der wie ein Überrest des papistischen Aberglaubens ist, dessen Gedächtnis schon wir nach all unserer Kraft ausrotten sollten. Insofern Ihr aber nichts seid als ein besonderes Glied ihrer Kirche, dürft Ihr nicht nur ruhig sein, sondern Ihr müsst sogar solche Schwachheiten tragen und leiden, die zu bessern nicht in Eurer Macht steht. Wir meinen nicht, brennende Kerzen beim Abendmahl und Hostien mit Bildern drauf seien unwichtige Dinge, wenn es gilt, ihnen zuzustimmen und sie zu billigen, aber sie sind ganz gut, wenn es nur gilt, sich einem bestehenden Brauch anzupassen, wo wir nicht die Macht haben, ihn zu ändern. Handelte es sich darum, solche Zeremonien hier bei uns einzuführen, so wären wir durch unsere uns von Gott angewiesene Stellung gezwungen, Widerstand bis aufs äußerste zu leisten und die Reinheit, die die uns anvertraute Kirche schon besitzt, festzuhalten. Kämen wir aber an einen Ort, wo eine andere Form bestünde, so wäre keiner unter uns, der um einer Kerze oder eines Messgewands willen sich vom ganzen Kirchenkörper trennen und sich so des Abendmahlgenusses berauben wollte. Wir müssen uns hüten, die zu ärgern, die noch in solcher Schwachheit befangen sind, als ob Ihr sie aus geringfügigem Anlass verwürfet. Es wäre uns sehr leid, wenn die französische Kirche, die in Wesel sich bilden könnte, vernichtet würde, bloß weil wir uns nicht einigen Zeremonien anpassen wollten, die gar nicht die Hauptsachen unseres Glaubens angehen. Denn, wie gesagt, es ist den Kindern Gottes wohl erlaubt, sich vielen Dingen unterzuordnen, die sie nicht billigen. Das Wichtigste ist nur, zu wissen, wie weit diese Freiheit gehen soll. Da halten wir nun dafür, es sei das als fester Grundsatz aufzustellen: einer soll sich dem andern anpassen in allen den Zeremonien, die keinen entscheidenden Einfluss auf das Bekenntnis unseres Glaubens haben, damit die Einheit der Kirche nicht durch unsere zu große Strenge oder Ängstlichkeit zerstört wird. Freilich sollt Ihr doch versuchen, mit allen guten Mitteln die größte Nüchternheit, die Euch möglich ist, festzuhalten. Es wird deshalb gut sein, die Machthaber in aller Bescheidenheit zu ersuchen, Euch nicht in allem und überall zu ihrer Art und Weise zu zwingen. Aber sei dem, wie ihm wolle, – wir raten Euch nicht, die Gelegenheit zur Gründung einer christlichen Gemeinde in Wesel fahren zu lassen, nur wegen dieses einzigen Zeremonien-Unterschiedes. Die Hauptsache ist, dass Ihr nicht wankt im Bekenntnis Eures Glaubens, und fest Euern ganzen Standpunkt wahrt in Bezug auf die Lehre. Freilich, Streitigkeiten müsst Ihr vermeiden und nicht nur in Euren Behauptungen bescheiden sein, sondern deutlich erklären, dass Eure Absicht nicht ist, die Wirksamkeit der Sakramente herabzusetzen, sondern vielmehr die geistigen Güter, die Gott uns darin spendet, hoch zu preisen. Wenn Ihr aber bekennt, dass wir im Abendmahl wahrhaft teilhaftig werden des Leibes und Blutes Jesu Christi, und dass unsere Seelen damit gespeist werden, so achtet darauf, die Missverständnisse, die sich möglicherweise dabei einschleichen könnten, auszuschließen. Zum mindesten verhüllt die Erkenntnis nicht, die Gott uns gegeben, wenn Ihr danach gefragt werdet. Wiewohl einer von unsern Brüdern darüber bereits an zwei Glieder Eurer Gemeinschaft geschrieben hat, wollten wir doch, da unsere sehr lieben Brüder, die Pfarrer und Diener am Wort in Lausanne, wünschten, unser Ratschlag möge dem, den sie Euch geben wollen, beigefügt werden, uns die Mühe nicht verdrießen lassen, und wir sind bereit, Euch auch in unwichtigeren Dingen zu dienen, wenn Gott uns dazu Gelegenheit gibt. Ihn bitten wir, Euch in seiner heiligen Hut zu halten, Euch zu leiten mit seinem Geist und Euch reich werden zu lassen in allem Guten, und empfehlen uns Eurer gütigen Fürbitte.

Genf, 13. März 1554.
Es zeichnen Eure sehr lieben Brüder in unserm Herrn
Die Pfarrer der Kirche von Genf.

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