Calvin, Jean – An die Reformierten in Orbe.

Calvin, Jean – An die Reformierten in Orbe.

Vgl. 391. Die jetzt unterlegene reformierte Partei trug am 30. Juli mit 18 Stimmen mehr den Sieg davon.

Geduld im Reformationswerk.

Die Liebe Gottes des Vaters und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei durch die Gemeinschaft des heiligen Geistes allezeit mit Euch.

Obwohl, außer Eurer gewöhnlichen Gelegenheit, die reine Lehre zu hören, zu der ja auch noch das Lesen der Schrift kommt, unsere besten Brüder Farel und Viret ohne Zweifel eifrig darauf hin arbeiten, Euch durch fromme Ermahnung zum Eifer in der Religion anzufeuern, und Ihr, darauf baue ich, diese Mahnung auch gern und willig annehmt, so will doch auch ich, liebste Brüder, diesen Brief an Euch schreiben, damit Ihr mein Urteil über Euch und Eure Lage hört. Tatsächlich braucht Ihr ja jetzt besondere Stärkung, da solche Unruhe vom Satan gegen Euch gestiftet worden ist. Mein Interesse an Euch würde, glaube ich, die beste Bestätigung finden, wenns am guten Willen läge, dass meine Hilfe Euch nützen könnte. Ich zweifle bei Eurem heißen Sehnen nach gründlicher Herstellung des reinen Gottesdienstes in Orbe nicht daran, dass Euch der Zustand Eurer Stadt mit großer Betrübnis erfüllt, weil der gottlose, papistische Aberglaube, der den Dienst Gottes verdirbt und seinen heiligen Namen mit Lästerung bedeckt, bei Euch noch seinen Sitz hat. Indessen müsst Ihr es schon für einen großen Schatz halten, dass Gott Euch wenigstens verliehen hat, keine Gemeinschaft mit dem Bösen zu haben; ja dass Ihr Euch nicht nur davon fern halten dürft, sondern dass sogar eine gewisse, geordnete Kirche ist unter Euch, die Ihr unter dem Joch des Herrn steht. Das ist schon eine große, unvergleichliche Wohltat Gottes, wenn Ihr vergleichend auf die Lage der Brüder seht, die vom Joch der grausamsten Sklaverei elendiglich gedrückt werden. Immerhin bleibt auch bei Euch das beängstigende Gefühl, dass Ihr nicht wenig ansehen müsst, was Gottes Ehre zuwiderläuft. Besonders da alles schon so sicher und wohl vorbereitet schien, dass wir nicht anders meinten, als Ihr würdet endlich ganz vom Schmutz des Antichrists gereinigt und ein für allemal befreit werden. Dass es nun so kam, dass diese Hoffnung zerstört wurde, musste einen sehr schmerzlich berühren. Die Ungläubigen aber, jener Furcht nun ganz ledig, lassen die Gelegenheit nicht vorbeigehen, sich des Sieges zu rühmen und Gottes zu spotten, und das kommt als größter Schmerz zu all Euerm andern Leid. Doch kann uns das ja nichts Neues sein, dass der Satan, dessen ganzes Bestreben es ist, den Fortschritt des Reiches Gottes zu hindern, alle seine Künste versucht, den von Gott auf Euch gehäuften Segen wegzuräumen, und leistete ihm der Herr nicht Widerstand, so möchte er alles auf einmal auseinander reißen und in die Luft sprengen. Indessen da ihn der Herr gebunden hält, gibt er sich nichtsdestoweniger alle Mühe, zu schaden, soviel er kann. Euch aber muss das besonders tröstlich sein, dass wahrhaftig feststeht, Ihr kämpfet für das Recht und die Sache des Herrn, und weiterhin die Hoffnung, dass der Herr seine Wahrheit, die ihm allein köstlich ist, nicht im Stiche lassen wird. Schicket Euch also in die Zeit und fahrt standhaft fort in dem, was Ihr begonnen. Denkt, Gott habe Euch in diese Lage gebracht, um Euern Glauben und Eure Geduld zu prüfen. Und wenn Euch auch gar keine Hoffnung erstrahlte für die Zukunft, je hinausführen zu können, was Ihr vorhabt, so müsste Euch doch das schon aufrecht halten und Mut machen, dass Ihr Euch bewusst seid, Euch Gott so ergeben zu haben und ihm Gehorsam halten zu müssen. Noch viel mehr kann Euch aber im rechten Eifer bestärken, dass Euer einst herrliche Frucht bringen wird, die jetzt noch nicht zur Reife gelangt ist. Denn Gottes Verheißung steht noch in Kraft, dass, wo sein Wort uns vorangeht, wir unsere Mühe nicht verlieren, und ob es schiene, als müssten wir Eisen spalten. Betrachtet als Frucht dieser Verheißung also die Vermehrung der Herde des Herrn, die sich schon durch Euch gezeigt hat, und die ohne Zweifel einmal den Gräuel des Antichrists aus Eurer Stadt vertreiben wird. Wollte es der Herr jetzt noch aufgeschoben haben, so müssen wir denken, dass er es zu seiner Zeit vollführen wird. Jetzt ist also noch die Zeit des Ringens und Kämpfens gegen mancherlei Versuchungen; wie ja die Macht und Herrschaft des Sohnes Gottes unter den Menschen nirgends ohne Mühe und große Anstrengung eingeführt werden kann. Da nun aber der Satan sich so aufbläht und wütend auf Euch einstürmt, wie müsstet Ihr Euch da schämen, wenn Ihr Euch selbst im Stiche ließet. Denn nicht wahr, er kämpft zu seinem eigenen Verderben, Ihr aber steht für eine Sache ein, die eng mit Eurer Seligkeit verknüpft ist und dürft sicher sein, dass Euch der Sieg bereitet ist, wenn Ihr mutig fortfahrt. Die Ungläubigen nun, die in ihrer Verblendung doppelt unglücklich die Gnade Gottes abweisen, so sehr sie können, verdienen eher unser Mitleid, als dass wir uns von der Rücksicht auf sie leiten lassen müssten. Denn darin verrät sich die tödliche Krankheit, mit der sie vom Satan verhext sind, dass sie dem, was allein ihr Heil wäre, so bejammernswert ausweichen und es hassen. Deshalb darf Euer Mitleid mit ihnen Euch nicht hindern, ihnen auch gegen ihren Willen das Gute zu verschaffen, das sie nicht kennen. Der Erfolg wird Euch schließlich doch gegeben werden, dass Ihr nicht mehr wie jetzt getrennte Glieder eines Leibes seid, sondern in ein und demselben Geist und Sinn alle den einen Gott anrufen werdet. Damit Euch das verliehen wird, dafür dürft Ihr nichts unterlassen, und darin kann kein Nachlassen Entschuldigung finden; und so müsst Ihr umso mehr von Gott Euch den Geist der Stärke und wahren Standhaftigkeit erbitten, dass Ihr nie den Mut verliert. Und ebenso nötig ist Euch fromme, heilige Klugheit, damit Ihr, da Eure Gegner nach jedem Anlass, Euch Schaden zu tun, gierig sind, von ihren Versuchen unangefochten bleibt. Haltet Ihr diesen Weg inne, so wird der Herr entweder den Hochmut derer dämpfen, die gegen Euch so übel gesinnt sind, oder er wird sie selbst gerechter und ruhiger machen, dass sie nicht mehr so wild wider den Stachel löcken. Sei dem, wie ihm wolle, so entschließt Euch dazu und handelt danach, die Laufbahn, die Euch der Herr zu durchlaufen bestimmt hat, eifrig und bis ans äußerste Ende zu durchmessen. Und das eine sei Euch reichlich genug, dass Ihr sicher sein dürft, Eure Mühe sei dem Herrn wohlgefällig, wenn Ihr den Gräueln unversöhnlichen Krieg ankündigt, die seinem Dienst und seiner Ehre zuwider sind. Freilich kommt mir auch in den Sinn, was alles sich Euch in diesem Werk des Herrn in den Weg stellen wird, um Euch von Eurer Standhaftigkeit abzuziehen, wenn nicht die Kraft von oben alle Hindernisse in Euch selbst überwindet, von der auch unser Fortschritt und unsere untrügliche Hoffnung abhängt. Wir beten hier alle mit Euch, der Herr möge Euch alles wohl gelingen lassen, Euch mit seinem Schutz umfassen und Euch mit seinen geistlichen Gaben beschenken, dass Ihr mehr und mehr dazu entflammt werdet, ihm Euch ganz und fest zu widmen.

Genf, 4. März 1554.

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