Calvin, Jean – An Eduard VI., König von England.

Calvin, Jean – An Eduard VI., König von England.

Begleitschreiben zur Sendung der dem König gewidmeten Bücher.

Über die Reform des Kultus und der Universitäten in England.

Sire, müsste ich mich vor Ihrer Majestät entschuldigen wegen der Freiheit, die ich mir genommen, Ihnen die Bücher zu widmen, die ich Ihnen jetzt überreichen lasse, so müsste ich einen Anwalt finden, der für mich das Wort führte. Denn ein Brief von mir hätte ja dazu so wenig Berechtigung, dass er vielmehr selbst wieder einer Entschuldigung bedürfte. Tatsächlich, wie ich mich nie erkühnt hätte, Ihnen die Kommentare zu widmen, die ich mit Ihrem Namen an der Spitze drucken ließ, so wagte ich auch jetzt nicht, Ihnen zu schreiben, hätte ich nicht schon von vornherein das Zutrauen, dass beides wohl aufgenommen würde. Denn da ich mich zur Zahl derer halte, die sich mühen um die Förderung des Reichs des Gottessohns, so haben Sie nicht verschmäht, zu lesen, was ich nicht einmal ausdrücklich Ihrer Majestät darbot, und so habe ich gedacht, wenn ich im Dienst meines Meisters Jesu Christi zugleich ein Zeugnis ablege der Verehrung und aufrichtigen Liebe, sie ich für Sie hege, so könne es nicht fehlen, dass ich gute freundliche Aufnahme fände.

Ja noch mehr, Sire, da ich sicher bin, dass mein Brief bei Ihnen die Aufnahme finde, die ich ihm wünsche, so wird’s mir auch nicht schwer fallen, Sie zu bitten und zu ermahnen im Namen dessen, dem Sie alle Ehre und Macht geben, mutig fortzufahren in dem, was Sie so gut und glücklich begonnen, für Ihre Person wie für Ihr Reich. Nämlich, dass alles Gott geweiht wird und unserm lieben Erlöser, der uns so teuer erkauft hat. Denn was die allgemeine Reformation angeht, so ist sie noch nicht so wohl eingerichtet, dass es nicht noch nötig wäre, weiter zu gehen. Es wäre ja auch tatsächlich sehr schwer, in einem Tag einen so tiefen Abgrund des Aberglaubens auszufegen, wie es das Papsttum ist. Die Wurzeln gehen zu tief und haben sich von langher zu weit ausgebreitet, als dass man so rasch damit fertig würde. Aber so schwer und so lang es auch geht, die Vortrefflichkeit dieses Werkes ists wohl wert, dass man nicht müde wird in seiner Ausführung.

Ich zweifle nicht daran, Sire, dass Satan Ihnen viele Hindernisse in den Weg legen wird, um Sie aufzuhalten und abzukühlen. Ihre Untertanen wissen zum großen Teil das Gut, das Sie ihnen verschaffen wollen, nicht zu würdigen. Die Großen, die hoch in Ehren stehen, sind oft zu klug in ihrem weltlichen Spekulieren, als dass sie auf Gott sehen. Täglich erheben sich neue Kämpfe, an die man nicht im Voraus gedacht hatte. Ich hoffe nun, Sire, Gott habe Sie mit so hochgemutem, festem Sinn ausgerüstet, dass Sie sich durch all das nicht ermüden noch schwächen lassen. Die Sache ist ja an sich so wichtig, dass sie es wohl verdient, dass man dafür wirkt über alle menschliche Kraft hinaus, und wenn man sich dann angestrengt hat bis ans Ende seines Vermögens, so bleibt immer noch genug zu tun.

Wir sehen, wie zur Zeit des guten Königs Josia, von dem doch der heilige Geist ganz besonders bezeugt, wie er alle Pflicht eines im Glauben hervorragenden Fürsten eifrig und in aller Heiligkeit getan hat, doch der Prophet Zephania uns zeigt, dass noch ein Rest des früheren Aberglaubens zurückblieb, sogar in der Stadt Jerusalem [Zeph. 1, 4, 5]. Und obgleich Sie und Ihr Rat nun daran arbeiten, so werden Sie doch kaum jemals, Sire, das Übel ganz entwurzeln können, das doch wohl ganz gebessert zu werden verdiente. Aber es muss Ihnen doch eine große Stärkung sein, Sie ermutigen und antreiben, und selbst wenn Sie damit nicht fertig werden, wie es zu wünschen wäre, so mags Ihnen ein reichlicher Trost sein, zu sehen, wie die Mühe, die sich der gute König Josia gab, ein Gott wohlgefälliger Dienst war. So sehr, dass der heilige Geist die von Josia durchgeführte Reformation preist, als ob man sie nur nachzumachen brauchte. Nun, Sire, streben Sie nach dem Beispiel dieses heiligen Königs nach dem vorgesteckten Ziel, so dass auch Sie das Zeugnis erhalten, nicht nur die Gottlosigkeiten, die der Ehre und dem Dienst Gottes zuwiderlaufen, abgetan zu haben, sondern auch alles zerstört und weggeschafft zu haben, was nur dazu dient, dem Aberglauben Nahrung zu bieten. Denn wenn Gott die treuen Fürsten so recht von Herzen loben will, die den reinen Gottesdienst wiederhergestellt und obenauf gebracht haben, so fügt er ausdrücklich bei: er tat ab die Höhen [2. Kön. 18, 4], so dass sogar die Erinnerung an die törichten Kulte schwand.

Freilich, Sire, gibt es ja unwichtige Dinge, die man wohl dulden darf. Doch müssen wir stets die Regel beobachten, dass eine maßvolle Nüchternheit in den Zeremonien herrsche, so dass die Klarheit des Evangeliums nicht dadurch verdunkelt wird, als stünden wir noch unter dem Schatten des Gesetzes. Ferner, dass nichts bestehe, was nicht passt und übereinstimmt mit der Ordnung, die der Sohn Gottes gestiftet, und dass alles diene und sich eigne zur Erbauung der Kirche. Denn Gott erlaubt nicht, dass man mit seinem Namen sein Spiel treibt, indem man leichtsinniges Zeug unter heilige, geweihte Gebote mischt. Nun gibt’s aber handgreifliche Missbräuche, die nicht erträglich sind, z. B. das Gebet für die Seelen der Gestorbenen, die Verdrängung Gottes durch die Fürbitte der Heiligen in unserm Gebet, die Verbindung ihres Namens mit dem Schwur. Deshalb, Sire, weil Sie ohne Zweifel davon unterrichtet sind, dass das alles Verderbnisse des wahren Christentums sind, bitte ich Sie im Namen Gottes, Hand anlegen zu wollen, dass alles in die rechte Ordnung komme.

Noch ein weiterer Punkt, Sire, muss Ihnen besonders am Herzen liegen, nämlich, dass die armen Herden nicht ohne Hirten bleiben. Die Unwissenheit und Unbildung war so groß in dem verfluchten Papsttum, dass es nicht leicht ist, gleich auf den ersten Schlag geeignete tüchtige Leute für dieses Amt zu finden. Doch ist die Sache wohl wert, dass man dafür sorgt und dass Ihre Beamten, Sire, ihr Augenmerk darauf richten, dass dem Volk, wie sichs gehört, ermöglicht wird, sich auf die Lebensweide führen zu lassen. Ohne das sind all die guten, frommen Gebote, die Sie erlassen können, ohne Nutzen zur gründlichen Reformation der Herzen.

Da übrigens das Schulwesen das Saatfeld ist, auf dem die Pfarrer wachsen, so muss es rein und sauber von allem Unkraut gehalten werden. Ich sage das, Sire, weil auf Ihren Universitäten, wie man sagt, junge Leute mit reichen Stipendien versehen leben, die, statt hoffen zu lassen, sie würden einmal der Kirche dienen, vielmehr Anzeichen davon geben, dass sie ihr schaden und sie zerstören werden, da sie keinen Hehl aus ihrer Feindschaft gegen die wahre Religion machen. Deshalb bitte ich Sie, Sire, wieder im Namen Gottes, Sie möchten hier einige Ordnung schaffen, dass das Vermögen, das heiligen Zwecken dienen soll, nicht verwendet wird zu unheiligem Gebrauch und noch weniger zur Züchtung giftiger Bestien, die nichts wollen, als in Zukunft alles anzustecken. Denn so würde das Evangelium stets zurückgedrängt durch das Schulwesen, das doch seine Stütze sein sollte.

Andrerseits, Sire, loben alle frommen Herzen Gott und fühlen sich Ihnen zu großem Dank verpflichtet, dass Sie geruht haben, in Ihrer Gnade Ihren Untertanen französischer und deutscher Zunge Kirchen anzuweisen. In Betreff der Sakramente und der Kirchenordnung hoffe ich, dass die Freiheit, die Sie zu geben geruht haben, ihre Wirkung tun wird. Doch kann ich mich nicht enthalten, Sire, Sie nochmals darum zu bitten, da ich weiß, wie nötig es ist, nicht nur für die Ruhe und Zufriedenheit der Guten, die Gott dienen und friedlich unter Ihrer Herrschaft leben wollen, sondern auch, um die fahrenden, ausschweifenden Leute im Zaum zu halten, falls sich auch solche in Ihr Reich flüchteten. Ich weiß wohl, Sire, Sie haben Leute von außerordentlichem Wissen zu Ihrer Verfügung, die Ihnen diese Dinge mündlich viel besser erklären können als ich in meinem Brief. Auch in Ihrem Rat sind kluge Leute voll Eifer, alles zu fördern, was gut ist. Unter andern wird, daran zweifle ich nicht, der Herr Herzog von Somerset sich mühen, fortzufahren in der Richtung, in der er bis jetzt treulich gewirkt hat. Doch glaube ich, Sire, dass Sie trotzdem freundlich annehmen [was ich sage], weil Sie erkennen, dass es aus derselben Quelle stammt.

Übrigens, Sire, fürchte ich nun, Sie durch meine Ausführlichkeit schon genug gelangweilt zu haben, und bitte Sie, hier wie sonst mich zu entschuldigen und mir zu verzeihen in Ihrer freundlichen Huld, der ich mich ergebenst empfehlen möchte. Ich bitte den lieben Gott, unsern Vater, er möge Sie in seiner heiligen Hut halten, Sie führen durch seinen Geist und seinen Namen immer mehr verherrlichen lassen durch Sie.

Genf [Januar 1551].

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