Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (255)

Calvin, Jean – An Bullinger in Zürich (255)

Zur Anbahnung einer Einigung unter den Schweizer Theologen hatte ein Austausch von Thesen über das Abendmahl stattgefunden. Pfarrer Lecomte (Comes) in Grandson wurde von Calvin mehrfach der Briefunterschlagung beschuldigt. Der von Konstanz vertriebene Blaurer und Müslin (Musculus) von Ulm, beide z. Z. in Zürich, sollten nach Bern berufen werden.

Offene Aussprache mit Bullinger.

Drei Tage bevor dein zweiter Brief ankam, erhielt ich auch den ersten, den ich verloren glaubte. Denn als der Mann von Hoppers zweiter Schwester von Lecomte dessen Brief verlangte, sah er auch das andere Bündel und legte gleich die Hand darauf. Lecomte wagte nicht, es ihm zu entreißen, sei es aus Scham oder einem andern Grund. Deine Bemerkungen habe ich gelesen und daraus ersehen, was du an unserer Lehrart anders wünschst. Ich habe versucht, dir in Kürze genug zu tun, weil die Sache selbst ja keiner langen Auseinandersetzung bedarf. Was ich erreicht habe, wird mir deine Antwort zeigen. Nicht mit Unrecht möchte ich vor allem das bei dir durchsetzen, dass du keinen falschen Verdacht hegst. Denn in manchen Punkten, die sonst gar keine Schwierigkeit böten, sehe ich, dass du dich umsonst bemühst, bloß, weil du meist meine Ansichten anders wendest, als sie gemeint sind. Das ist die Folge deiner vorgefassten Meinung über mich, dass du mir Dinge andichtest, die mir nie in den Sinn kamen. Außerdem bist du so ganz darauf bedacht, deine Ansichten, sie mögen sein, wie sie wollen, bis aufs Äußerste festzuhalten, dass du mehr darauf schaust, ob etwas mit ihnen übereinstimmt, als ob es wahr ist. Wenn du Gefallen hast an der Einfachheit, – mir macht gewiss geziertes, umständliches Wesen auch kein Vergnügen. Wenn du ein freies Heraussagen der wahren Meinung liebst, – mir lag es nie im Sinn, was ich geschrieben habe, um Menschengunst willen zu ändern. Wenn manche Luther und anderen geschmeichelt haben, – ich gehörte nicht zu ihnen. Das weiß der liebe Müslin, dass, wo mutige Leute sich gefürchtet haben, ich stets meine Freiheit wahrte. Wenn bisher nicht grundloses Misstrauen im Wege gestanden hätte, so wäre schon längst nichts oder ganz wenig mehr zwischen uns strittig. Freilich bin ich manchmal anderer Meinung als Ihr, aber so, dass mein Herz Euch dadurch durchaus nicht entfremdet wird, wie ich auch mit Butzer so Freundschaft halte, dass ich in aller Freiheit manchmal anders denke als er. Jedenfalls ist das Wort in deinem Briefe zu hart, es werde alles gut werden, sobald Ihr einmal merket, dass man Euch nicht mehr für Feinde halte. Wie du zu dieser Vermutung kommst, weiß ich nicht. Das aber weiß ich, dass ich von Euch nur freundschaftlich denke und rede. Das ist auch den meisten bekannt, die mich haben reden hören. Es ist ja möglich, dass ich in meinen Privatbriefen an Freunde etwa einmal etwas getadelt habe, oder wenn sie etwas tadelten, ihrem Tadel das Recht nicht absprach. Doch stets war auch ein Lob dabei, das der Sache die Schärfe nahm und Zeugnis ablegte für meine wahre Gesinnung. Mögen andere urteilen, wie sie wollen, mich reut meine Ehrlichkeit niemals.

Wenn der Herr Blaurer das ihm angetragene Amt übernimmt und Müslin als Professor der Theologie berufen wird, so kann ich nicht nur der Berner Kirche Glück wünschen, sondern so hoffe ich auch, es werde ein Band zu engerer Verbindung unter uns sein. Wenn es dir passt, so möchte ich dich bitten, mir von Euren Verhältnissen Bericht zu geben. Meine Kommentare zu den fünf Paulusbriefen hättest du längst erhalten, hätte ich nicht geglaubt, sie seien bei Euch im Handel zu haben. Weil aber nur selten Boten von hier nach Zürich gehen, so fürchtete ich, die Frachtkosten kämen für dich höher als der Kaufpreis. Ich sende nun den zum zweiten Korintherbrief und die vier folgenden. Zu Titus und den beiden Thessalonicherbriefen habe ich nichts herausgegeben. Ich schicke auch meine Antwort [aufs Interim], die Brenz sehr gefällt, was ich dir nicht anführe, um mich zu rühmen, sondern nur, damit du daraus den Schluss ziehen kannst, wie viel gemäßigter er jetzt in der Sakramentslehre ist als früher. Lebwohl, hochberühmter Mann und liebster Bruder im Herrn. Der Herr Jesus leite stets dich und deine Kollegen, die ich dich alle von mir angelegentlich zu grüßen bitte. Meine Kollegen lassen dich ihrerseits grüßen, und einer von ihnen, des Gallars, überreicht dir ein kürzlich von ihm verfasstes Büchlein. Herrn Müslin und den andern frommen Brüdern viele Grüße.

Genf, 21. Januar 1549.
Dein
Johannes Calvin.

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