Calvin, Jean – An den Genfer Rat.

Calvin, Jean – An den Genfer Rat.

Der Brief ist die Antwort auf eine Anfrage, deren Überbringer der Buchhändler Michel Dubois war.

Offizielle Antwort auf eine Rückberufung.

Großmächtige, edle und ehrenfeste Herren! Obwohl Sie außer dem Brief, den Sie mir zu senden geruht haben, dem Überbringer Auftrag gaben, mir mündlich Ihren guten Willen noch näher darzulegen, und er mich nicht da getroffen hat, wo er mich zur Ausrichtung seines Auftrags zu finden hoffte, so habe ich doch schon aus dem Brief allein Ihre Absicht im ganzen genügend erfahren. Als Antwort kann ich Ihnen vor Gott bezeugen, dass mir das Wohl Ihrer Kirche ein solches Anliegen ist, dass ich mich ihrer Not nie entziehen möchte, in allem, was ich für sie tun kann. Auch zweifle ich jetzt durchaus nicht daran, dass sie sehr bedrängt ist, und in Gefahr, noch mehr zerstreut zu werden, wenn man ihr nicht zu Hilfe kommt. Ich bin deshalb in großem Zwiespalt, da ich einerseits Ihrer Aufforderung zu folgen wünsche und mich anstrengen möchte, nach der Gnade, die Gott mir gegeben hat, Ihre Kirche wieder in bessern Stand zu setzen, andererseits aber die Aufgabe nicht leichthin verlassen darf, zu der der Herr mich hierher berufen hat, ohne dass er mich davon befreit durch ein gutes, gesetzmäßiges Mittel. Denn ich habe immer geglaubt und gelehrt und kann auch jetzt zu keiner andern Überzeugung kommen, als dass, wenn unser Herr einen zum Pfarrer einsetzt in einer Kirche, sein Wort zu lehren, dieser sich dann für gebunden halten soll zur Leitung dieser Gemeinde, und sich nicht leichthin zurückziehe ohne Gewissheit seines Herzens und Zeugnis der Gläubigen, dass ihn der Herr davon entbunden hat. Außerdem ist von den Herren des Rates hiesiger Stadt angeordnet worden, ich solle mit einigen meiner Brüder an die Versammlung in Worms reisen, um nicht nur einer Kirche zu dienen, sondern allen, unter denen die Ihrige auch inbegriffen ist. Ich achte mich nicht für so ausgezeichnet durch viel Wissen, Klugheit oder Gewandtheit, dass ich dort viel nützen könnte. Da es sich aber um eine Angelegenheit von so folgenschwerer Bedeutung handelt, und es nicht allein vom Rat dieser Stadt, sondern auch von andern bestimmt worden ist, ich solle kommen, um mich darzubieten zu allem, wozu es Gott gefallen sollte, mich zu brauchen, so bin ich genötigt, zu folgen, und ich könnte diesen Ruf nicht mit gutem Gewissen außer Acht lassen. Da ich mich in solcher Verwirrung und Ungewissheit sah, legte ich Ihren Brief den Hauptpfarrern dieser Stadt vor, die immer für Ihr Wohl und Ihre Erbauung besonderes Interesse hatten und von ganzem Herzen wünschten, Ihnen nach all ihrer Kraft hier wie überall zu helfen. Wir kamen miteinander überein, es würde, wenn es Ihnen gefallen sollte, während meiner Reise unsern Bruder Mag. Pierre Viret zu berufen, Ihre Kirche nicht mehr verlassen sein; denn er wäre kein Fremder für Sie und hätte gewiss dasselbe Interesse für Ihre Kirche wie Farel, der sie von Anfang erbaut hat. Während dieser Zeit wird uns dann der Herr so oder so etwas auftun, wie wir hoffen, je nachdem es die Not erfordert, oder Sie es für gut erkennen. Ich verspreche Ihnen, dass ich nichts abschlagen will, was ich tun darf, sondern mein Bestes tun will, Ihnen zu dienen; soweit es mir Gott und die Leute erlauben, auf die zu hören er mir gebietet.

Bis dahin, großmächtige, edle und ehrenfeste Herren, empfehle ich mich gehorsam Ihrer Gnade und bitte Gott den Herrn, Sie zu bewahren in seinem heiligen Schutz, und von Tag zu Tag seine Güter und Gaben in Ihnen zu mehren und Sie als Diener der Ehre seines Namens stets glücklich zu machen.

Straßburg, 23. Oktober 1540.
Ihr gehorsamer Diener
Jean Calvin.

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