Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Am 21. September 1540 beschloss der Genfer Rat die Rückberufung Calvins, und beauftragte damit den Syndic Ami Perrin. Du Tailly, Zebedee, ja selbst Marcourt u. a. forderten Calvin brieflich auf, dem Ruf Folge zu leisten. Farel war dazu selbst nach Straßburg gekommen und zwei Tage geblieben.

Erster Eindruck der Rückberufung nach Genf.

Ich zweifle nicht daran, dass du mich bei den Brüdern, die mich brieflich ermahnt haben, angelegentlich entschuldigen wirst, dass ich ihnen nicht antworte. Denn du weißt, dass ich in jenen zwei Tagen so verwirrt und erhitzt war, dass ich nur halb bei mir selbst war. Später versuchte ich, um dir einen Gefallen zu tun, an sie gemeinsam zu schreiben. Als ich mir aber nachher überlegte, wie es gewöhnlich mit solchen gemeinschaftlichen Briefen geht, so gab ich den Plan auf. Denn was an wenige gerichtet ist, fliegt dann gleich durch viele Hände, bis es zuletzt weit und breit bekannt ist. Das war also mein Grund, dir allein zu schreiben, dass du nicht andere Leser zulassest als solche, von denen du weißt, dass keine Gefahr besteht. Warum ich aber nicht will, dass weiter herum kommt, was ich in dein Herz ausschütte, wirst du verstehen, wenn du zu Ende gelesen hast. Obgleich ich das Zutrauen habe, dass du meine Gesinnung ganz kennst und auch andern in guten Treuen auseinandergesetzt hast, will ich doch kurz wiederholen, wie mir heute zu Mute ist. So oft ich mirs im Gedächtnis wachrufe, wie schlecht ichs dort [in Genf] hatte, so kann ich nicht anders, als im tiefsten Herzen schaudern, wenn es sich darum handelt, mich zurückzurufen. Die Unruhe will ich gar nicht rechnen, in der wir drunter und drüber geworfen wurden, seit ich als dein Kollege mit dir verbunden war. Denn ich weiß, wohin ich auch gehe, sind mir unendliche Verdrießlichkeiten bestimmt. Will ich Christo leben, so wird mir diese Welt immer unruhvoll sein. Dieses gegenwärtige Leben ist zum Kämpfen bestimmt. Aber wenn ich bedenke, mit welchen Qualen mein Gewissen damals gemartert war, welche Sorgen mir heiß machten, so musst du mirs verzeihen, wenn ich jenen Ort scheue für mich unheilvoll. Du bist nächst Gott mein bester Zeuge, dass kein anderes Band mich dort so lange festhielt, als dass ich das Joch meiner Berufung, das ich mir vom Herrn aufgelegt fühlte, nicht abzuschütteln wagte. Solange ich also dort festgebunden war, wollte ich lieber das Schlimmste ertragen, als die Gedanken an eine Ortsveränderung, die mir öfters etwa aufstiegen, an mich herankommen zu lassen. Jetzt aber, da ich durch eine Wohltat Gottes einmal befreit bin, wer wird mir´s nicht verzeihen, wenn ich nicht gern in den Wirbel untertauche, den ich als so verderblich für mich erfahren habe? Ja noch mehr, wer müsste mich nicht allzu großen Leichtsinns beschuldigen, wenn ich mich mit Wissen und Willen kopfüber hineinstürzte? Kommt nicht dazu, dass, auch wenn mich keine Gefahr davor zurückschrecken ließe, ich kaum glaube, dass mein Dienst den Genfern nützlich sein werde? Denn wie die meisten von ihnen geartet sind, werden weder sie mir, noch ich ihnen erträglich sein. Es ist noch etwas anderes, was mich in große Verwirrung bringt. Ich glaube nicht weit kommen zu können, wenn die mir die [Berner] nicht hilfreiche Hand bieten, von denen wir bist jetzt erst ihre Kraft zum Schaden durch Erfahrung kennen gelernt haben. Aber wir sehen, wie fern sie noch allem Streben nach Eintracht, geschweige denn aller Hilfsbereitschaft sind, wenn nicht der Herr sie wider alles menschliche Hoffen mir versöhnt. Was soll ich künftig tun, wenn sie wieder in ihren Pfarrern die Gemeinschaft mit mir verbieten, wie sie es früher getan haben? Rechne noch dazu, dass ich mit den Kollegen einen noch größern und härtern Strauß haben werde, als mit den Auswärtigen. Was vermag eines Menschen Kraft, die von allen Seiten durch so viele Hindernisse gehemmt wird? Und, ums zu gestehen, auch wenn mir alles ganz leicht wäre -, ich weiß nicht durch welche Entwöhnung habe ich die Kunst verlernt, die Volksmasse zu lenken. Jetzt habe ichs nur mit wenigen zu tun, von denen mich der größere Teil weniger als Pfarrer hört, denn auf mich achtet als einen Lehrer. Du sagst, ich sei zu empfindlich, da ich, jetzt mit Schmeichelreden ganz überschüttet, kein scharfes Wort mehr hören könne. Doch irrst du, wenn du das meinst. Aber da ichs nun schon schwer finde, Wenigen und ziemlich Gehorsamen wohl vorzustehen, wie soll ich eine solche Menge im Zaum halten können. Ich wage es kaum bei mir zu überlegen, mit welcher Absicht sie mich zurückrufen. Denn wenn ein aufrichtiger Sinn sie dabei leitet, warum rufen sie denn eher mich als dich zurück, dessen Dienst bei der Wiederherstellung ihrer Kirche nicht weniger nötig wäre, als er es anfänglich bei ihrer Gründung war? Wenn sie mich nun nur den Nachbarn [in Bern] zum Tort beriefen, weil sie von denen verlassen worden sind, auf deren Hilfe sie trauten, als sie uns zu entlassen wagten? Und doch vermag das alles nicht zu bewirken, dass ich dem Ruf nicht gehorche. Denn je mehr mein Geist vor dieser Aufgabe zurückschreckt, umso mehr bin ich mir selbst verdächtig. Deshalb erlaube ich mir auch nicht, über diese Sache selbst Beschluss zu fassen, und bitte die Unsern, mich nicht zur Beratung bei zu ziehen: ja, damit sie umso freier und ernsthafter beschließen, verberge ich zum großen Teil die heiße Not meines Herzens. Was sollte ich tun? lieber will ich weiterhin selbst blind sein und mich von Andern führen lassen, als meiner schwachen Sehkraft kühnlich trauen und irre gehen. Wenn ich dich frage, dessen Urteil ich mich am ehesten überlassen müsste, wirst du gewiss antworten, tauglichere Ratgeber könne ich nicht finden, als Capito und Butzer. Was diese aber meinen, hast du aus ihrem eigenen Mund gehört. Möchtest du es doch den Brüdern genau auseinandersetzen, und sie es ohne Vorurteil ernstlich erwägen! Das soll die Hauptsache sein: ich bezeuge vor dem Herrn, dass ich nicht listig handle in dieser Sache und keinen Spalt suche, dadurch zu entwischen. In Rücksicht auf die Genfer Kirche möchte ich hundertmal lieber mein Leben aufs Spiel setzen, als sie im Stiche lassen und verraten. Aber weil mein Geist sich nicht freiwillig zur Rückkehr neigt, bin ich bereit, denen zu folgen, von denen ich hoffen darf, dass sie mir gute, zuverlässige Führer sein werden. Übrigens sollen sie keinesfalls vor Schluss des Wormser Konvents sich um meine Rückkehr bemühen, wenn sie den Gesandten noch nicht haben abreisen lassen. Sonntags wird hier in allen Kirchen ein öffentlicher Bettag gehalten; montags brechen wir auf [nach Worms]. Helft auch Ihr uns mit frommem Gebet, dass wir standhalten in diesem Kampf. Was unsere Gegner planen, ist offenbar. Nämlich, dass sich alle Reichsstände zu unserm Untergang rüsten sollen. Mit welchen Künsten sie aber beschlossen haben, uns anzugreifen, ist ungewiss. Aber was sie von Schlauheit haben, werden sie bei dieser letzten Verhandlung an den Tag legen. Lebwohl, bester, trefflichster Bruder. Grüße alle freundschaftlichst von uns Cordier, Thomas, Faton, Clerc und die Übrigen. Alle die Unsern wünschen dir und ihnen alles Gute.

Straßburg, 21. Okt. 1540.
Dein Calvin.

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