Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Es war neuerdings ein Zwist zwischen den Zürcher und Straßburger Pfarrern ausgebrochen. Das erwähnte Gedicht des Zebedee über Zwingli lautet:
Einen Größern erwarten ist Sünde. Vielleicht darf man beten,
Dass einen Gleichen wie ihn, unser Jahrhundert uns schenkt.
Seines Mundes gelehrtes Wort, Geradheit des Herzens
Samt seinem scharfen Verstand, loben den Einigen Gott.

Es sei nur das wichtige Urteil Calvins über die zwei Reformatoren hervorgehoben. Farel hatte im letzten Brief, die ganze Caroli-Affäre nochmals wiederholt.

Über Luther und Zwingli. Einladung zur Hochzeit.

– – Ja, um wahr zu reden, wir wollen nicht aufhören, ihre [der Zürcher] Freunde zu sein, so feindselig sie uns auch behandeln. Wenn du wüsstest, mit welcher Mäßigung sich die Unsern benehmen, du schämtest dich, noch mehr von ihnen zu verlangen. Die guten Leute [in Zürich] sind gleich zornentbrannt, wenn einer wagt, ihrem Zwingli Luther vorzuziehen. Als wenn das Evangelium unterginge, wenn Zwingli Abbruch geschähe! Und doch geschieht dabei Zwingli nicht das mindeste Unrecht; denn du weißt selbst, wie weit ihn Luther überragt, wenn man die beiden vergleicht. Deshalb gefällt mir auch das Gedicht des Zebedee gar nicht, in dem er Zwingli nicht nach Verdienst zu loben meinte, wenn er nicht sagte: Einen Größern erwarten ist Sünde. Da es für unhöflich gilt, Böses zu reden von Asche und toten Schatten, so wäre es sicher auch Unrecht, von einem solchen Mann wie Zwingli anders als ehrerbietig zu denken. Aber es gibt ein Maß auch im Loben, und das hat Zebedee doch weit überschritten. Ich wenigstens bin so weit davon entfernt, ihm beizustimmen, dass ich vielmehr schon jetzt viele Größere sehe, auch noch einige Größere erwarte, ja uns alle größer wünsche. Ich bitte dich, lieber Farel, wenn einer Luther so priese, würden dann nicht die Zürcher klagen, Zwingli sei dadurch in den Boden gedrückt. Du sagst, das wäre töricht! Als ob nun alle Freunde Luthers weise sein müssten! Aber das sage ich dir ins Ohr.

Auch ich bins wirklich müde, ja vielmehr geradezu überdrüssig, die ganze Geschichte Carolis immer von neuem behandelt zu sehen. Deshalb erlaube ich dir gern, sie in Zukunft ruhen zu lassen, wenn nichts Neues geschieht. Wenn ich doch einmal in deinen Busen vertraulich ausschütten könnte, was ich meine, und dafür deinen Rat hören, damit wir beide besser gerüstet wären. Die beste Gelegenheit, dazu dich herbeizulassen, wird sein, wenn eintritt, was ich von meiner Heirat hoffe. Wir erwarten nämlich das Mädchen kurz nach Ostern; wenn du mir aber versprichst zu kommen, werden wir die Hochzeit bis zu deiner Ankunft verschieben. Denn wir haben dann noch Zeit genug, dir den Tag anzugeben. Das fordere ich also erstens als die größte Wohltat von dir, dass du kommst, zweitens dann, dass du noch schreibst, ob du kommen willst. Denn es muss unbedingt jemand hierher kommen, um die Ehe einzusegnen. Ich hätte aber niemand lieber als dich. Also überlege dirs, ob ich´s dir wert bin, um meinetwillen die Reise zu unternehmen. Ich bin gespannt, was uns die Unruhen gebären, durch die Genf gegenwärtig erregt wird. Die Sache wird hoffentlich eine bestimmte Wendung nehmen, ehe du kommst. Deutschland ist wie gewöhnlich gespannt in der Erwartung großer Ereignisse. Alle vermuten, der Kaiser habe mehr im Sinn, als er vorgibt. Die Unsern haben gegenwärtig in Schmalkalden eine Zusammenkunft, in der sie ratschlagen für jeden Fall, damit sie weder, wenns gilt, mit Gründen zu kämpfen, noch im Krieg die Entscheidung zu suchen, unvorbereitet überrascht werden. Das Gute gab uns Gott, dass die drei geistlichen Kurfürsten sich eher mit den Unsern verbünden zum Schutz der Landesfreiheit, als dass sie irgendwie mit dem Kaiser sich verschwören.

Unser Gemeindlein hält sich nach seiner Sitte aufrecht. Hermann ist, wenn ich mich nicht täusche, in guten Treuen zur Gemeinschaft der Kirche zurückgekehrt. Er hat bekannt, außer der Kirche sei nicht auf Heil zu hoffen, bei uns sei die wahre Kirche; deshalb sei es ein Abfall gewesen, dass er einer von ihr getrennten Sekte zugehörte; für dieses Vergehen, dessen er sich schuldig bekannte, hat er um Verzeihung gebeten. Über den freien Willen, Gottheit und Menschheit Christi, Wiedergeburt, Kindertaufe und andere Dinge ließ er sich belehren und nahm unsere Lehre an. Nur in der Frage der Prädestination zauderte er noch etwas; doch unterschrieb er mir auch hier beinahe, nur dass er sich den Unterschied vom Vorauswissen Gottes und der Vorsehung nicht erklären konnte. Er bat aber, das möchte kein Hindernis sein, dass er und seine Kinder etwa deswegen nicht in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen würden. Ich empfing ihn mit geziemender Willigkeit, und da er um Verzeihung bat, reichte ich ihm im Namen der Kirche die Hand; darauf taufte ich sein Töchterlein, das schon über zwei Jahre alt ist. Wenn mich mein Glaube nicht ganz täuscht, ist er ein gottesfürchtiger Mensch. Als ich mahnte, er solle nun auch andere auf den rechten Weg zurückbringen, sagte er: das ist das Geringste, dass ich mir nun im Aufbauen nicht weniger Mühe gebe, als ich es früher im Niederreißen tat. Auch Jean, der in Ulm wohnt, soll zur Vernunft gekommen sein. Aber damit wir uns dieser Dinge nicht rühmen, demütigt uns der Herr auf tausend Arten. Denn bei uns stehen die Verhältnisse um nichts besser als dort, wo sie nach deiner Aussage ganz schlecht stehen. Aber bei all dem Beklagenswerten bleibt uns immer der Trost übrig, dass wir nicht vergeblich dem Herrn dienen, auch wenn wir anscheinend alle Mühe umsonst anwenden. – – Lebwohl, bester trefflichster Bruder. Alle grüßen dich freundlich, besonders Capito, Sturm und Claude. Butzer ist nicht hier; aber alle trugen mir auf, an ihrer Stelle zu antworten, als ich ihnen Eure Mahnungen ausrichtete. Sie sind darüber so wenig erzürnt, dass sie fast noch fester wurden im Wohlwollen gegen Euch, das doch auch sonst schon groß genug ist. Nochmals, lebwohl, mein Herz! Obwohl ich beinahe am Einschlafen bin, kann ich doch nicht vom Schreiben lassen.

Straßburg, 26. Febr. 1540.
Dein Calvin.

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