Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Calvin, Jean – An Farel in Neuchatel

Der nach seiner Verurteilung in Bern zum Katholizismus zurückgekehrte Pierre Caroli kam nach zwei Jahren wieder in die Schweiz, um sich den Reformierten wieder zu nähern. Farel Viret u. a. hatten eine Unterredung mit ihm in Bonneville (jetzt Neuveville) am Bielersee. Farel tadelte ihn, glaubte aber doch an die Ehrlichkeit seiner zweiten Bekehrung. –
Jacopo Sadoleto, Bischof von Carpentras, hatte die Genfer während Calvins Verbannung durch ein offenes Schreiben zur Rückkehr in die katholische Kirche zu bewegen gesucht.

Über Caroli. Die Wirksamkeit zu Gunsten der Evangelischen in Frankreich. Antwort an Sadolet.

Gestern während des Essens kam Henri. Ich stand gleich vom Tische auf, ging zu Butzer und las ihm deinen Brief vor; er machte ihm großen Spaß, besonders als er vernahm, dass du gar so sanft gegen Caroli bist. Er sagte, selbst er wäre kaum dazu zu bringen gewesen, ihn mit solcher Milde aufzunehmen. Kommt Caroli nach Basel, so läuft er Gefahr, selbst von Grynäus etwas unfreundlicher empfangen zu werden, weil Viret und Zebedee die Nachsicht des Grynäus tadelten und ihn, wie damals berichtet wurde, dem Caroli ungünstig stimmten. Uns allen ist diese deine Sanftmut ja sehr angenehm; denn für die Kirche kann sie ja nichts Böses bringen und wird das Herz der Bösen gar sehr rühren. Heute früh kamen diese beiden jungen Leute zu mir und veranlassten mich, rascher, aber dafür auch nur kurz, zu schreiben. In der Sache der Brüder [in Frankreich] taten wir, was unsere Pflicht war. Der Rat hat nach seiner frommen Art die Sache gerne auf sich genommen. Sobald die Verhandlung geschlossen war, habe ich dir darüber berichtet; aber ich sehe, dass mein Brief noch nicht angekommen war, als du schriebst. Der Bote, den sie an den Sachsen und den Landgrafen schickten, ist noch nicht zurück. Er wird aber jede Stunde erwartet. Butzer geht fast Tag für Tag zum Ratskanzler. Fürchte nichts, lieber Bruder; die Herzen sind hier nicht von Eisen. Weder der Rat, noch die Pfarrer werden es hindern, dass den frommen Brüdern Hilfe wird, soviel man ihnen in diesen Zeiten Hilfe bringen kann. Ich sehe, die Genfer werden noch in mancher Hinsicht unglücklich werden. Den Brief des Sadolet hat Sulzer hierher gebracht. Um eine Antwort glaubte ich mich nicht kümmern zu müssen, aber schließlich zwangen mich die Unsern dazu. Jetzt nimmt sie mich ganz in Beschlag. Ich brauche etwa sechs Tage zu der Arbeit. Mein Buch schicke ich dir, da ich deine Freundlichkeit noch nicht durch ein Gegengeschenk von meiner Seite vergolten habe. Lebwohl, allerliebster Bruder. Grüße alle unsere Brüder aufs Liebenswürdigste.

[August 1539]
Dein Calvin.

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