Brenz, Johannes – An Markgraf Georg zu Brandenburg (30 Aug. 1531).

Brenz, Johannes – An Markgraf Georg zu Brandenburg (30 Aug. 1531).

Durchleuchtiger hochgeborner fürst . Die gnad Gottes durch unsern HERRN Jesum Christum sampt meinem schuldigen gehorsamen dienst sey E. F. G. zuvor. Gnediger Herr. Ich hab E. F. G. schlifft, die frag, Ob E. F. G. mit gott und gutem gwissen die teeglichen Messen on Communicanten in Iren gnaden fürstenthumben wider auffrichten und hallten lassen mag oder nit, damit das Volck nit gantz roch und loss, Sonder zur gotsforcht gezogen wurdt etc., betreffendt, gantz undertheniglich entpfangen. Und ob woll mir mein geringer verstandt woll bewusst, yedoch will Ich durch gottes hilff E. F. G. zu underthenigen gefallen mein gutbeduncken hierin gantz gehorsamlich anzeigen und dise sach mit beweerung der heiligen gschrifft handeln. Anfenglich, So ist E. F. G. Christlich gmüet und wolmeinung (unser HERR gott wolle es für und für gnediglich erhallten) gantz fürtreffenlich hierauss zuspüren, das E. F. G. das heil und seligkeit Irer underthonen am allerhöchsten angelegen, und dasselb zu fürdern in allwegen gnediglich gesinnet ist . Es wurdt on zweiffell unser Herrgott sollich fürstlich und Christlich gemüet E. F. G. unvergolten nit lassen. Aber ye mehr E. F. G. Irer underthon selickeit zu fürdern begert, ye höher und grösser fleiss zu haben ist, damit sollich fürderung durch rechtmessig, ordenlich und göttlich mittell geschehe. Nun finde Ich auss Anweisung der heiligen schlifft, das die auffrichtung oder halltung der tseglichen Mess on Communicanten der meinung gethon, das das volck dardurch gotsförchtig werde und durch das selb werck die gnad gottes zur frumkait erwerbe, nit allein unnutzlich und vergeblich, sonder auch unrecht, unchristlich, lesterlich und der seel heill vast hinderlich sey. Dann unser Herr Christus hatt das hochwirdig Sacrament des nachtmals auffgericht und eingesetzt, das es soll aussgeteillt, entpfangen und genossen werden. Er hatt ye das brott und den wein nit allein in die hand genommen und den andern ein spiegelfechten vor Iren augcn darinit gemacht, Sonder er hats aussgeteillt und gsagt: Nempt und Essent, Nempt und trinckt. Darbey hatt er bevolhen, sollichs zu thuh, nemlich aussteilen, darreichen, nemen, essen und trincken. Und dise einsatzung und auffrichtung Christi soll der grund und fels sein, daruff man in disem handell fusse und bestehe, nemlich das Christus, wie die drey Evangelisten und Paulus beschreiben, das Sacrament zu keinem spiegelfechten der augen, Sonder zur aussteilung und zur leiblichen entpfahung, die doch auch im glauben geistlich gescheen muss. Demnach So das hochwirdig Sacrament in den kyrchen vor den leuten nit zur aussteilung sonder allein zum sehen gehandellt wurdt, So ist es kein christlicher gotsdienst, sonder ein eige menschlich satzung. Es sagen aber beid, Esaias und Christus von demselben also: Sie dienen mir vergeblich, dweill sie leeren sollich leer, die nichts dann menschen gebott seyen.

Und were noch leidlich, wan das werck der teglichen Mess on Communicanten allein ein unnutzlicher gotsdienst were. Aber nach dem der zusatz diser meinung geschieht, das die leut dardurch von Rolosen leben gezogen, und die gnad gottes und die frumkeit dardurch erlangen sollen, So seyen sollich taeglich Mess nit allein annutzlich, sonder auch unserm HERRN Jesu Christo schmelich und lesterlich. Dann es bezeugt die gantz heilig gschrifft, und ist auch die haubtsach unsers heiligen Christlichen glaubens, das allein der glaub in Jesum Christum die leut von dem Rolosen leben abziehe, und das wir allein durch Jesum Christum (welcher uns von gott gmacht ist zur weissheit, zur gerechtigkeit und heiligung) vor Gott frum gerechnet und die gnad gottes erlangen. Nach dem man nun sollichs wollt dem werck der tseglichen Mess und dem tseglichen Mess sehen zulegen, Nemlich, das dardurch einer vom Rolosen leben abgezogen und frum, auch gotsfürchtig wurde: was were das anderst dann Jesum Christum auss der lucken stossen und das werck der tseglichen Mess darfür an das ort stellen? Füret doch das heilig Evangelion kein andern zanck wider die Judenschafft, wider das babstum und wider die Mahumetisch religion, dann das es leeret, wie die leut allein durch den glauben in Jesum Christum und nit durch den verdienst der werck oder sonderlich erwellt gotsdienst vor got frum und von dem bösen oder Rolosen leben abgezogen werden. So dann die taiglich Mess on Communicanten der meinung sollt gehallten werden, das die leut dardurch frum wurden und durch das werck die gerechtigkeit erlangten, was were es anderst dann ein newe Judenschafft, Babstum und Mahumetisch religion in der Christenheit auffrichten und einsetzen. Dweill dise erzeelte frembd religion alle durch verdienst der werck und sonderlich erwelt gotsdienst die frumkeit suchen. Und nach dem uns die heilig schrifft zum fiirbild fürgeschriben ist, So hatt sie zwar klserlich gnug an den güldinen kelbern Aherons und königs Jorobeam anzeigt, was die taeglich Mess on Communicanten zur erwerbung der frumkeit gehallten für ein gotsdienst sey, Dann, als Mose auff dem Berg Sinai war und wollt das gsatz von Gott holen, begegnet dem Aheron mit dem volck gerad ein gleicher handell, wie er sich yetz zutregt: das Volck ward im abwesen Mosi Roloss und lebt in allem mutwillen, das Aheron bsorgt, es wurde hindennach kein gotsforcht under Inen bleiben. Darumb rieht er ein güldin kalb zu und opffert das selb gott zu Eer und lob, das er mit demselben gotsdienst das Volck zur frumkeit hielte und gottis gnad erwürb. Nun war das gold ein gute Creatur gottes, so opffert man auch sonst unserm HERRN gott kälber, so war die meinung Aherons gut, dann er verhofft das volck mit disem gotsdienst bey einander zu behallten und sie vom Rolosen leben abzuziehen. Aber was sagt Gott darzu? er schreit es für ein grosse lesterliche Sünd auss und will darumb das gantz volck vertilgen. Also geriet Aherons meinung dahin, das er eben mit dem gotsdienst über das volck alles unglück zurichtet, darmit er Inen glück und heill schaffen wollt. Desgleichen findt sich an Jerobeam, welcher, nach dem er könig in Israel wurd, besorgt er, sein volck wurdt abtrünnig, wann es auff die fest gen Hierusalem gieng. Sollt es dann kein gotsdienst haben, so besorgt er, es wurd Rolossj darumb richtet er zwey güldine kselber zu und opffert dieselben gott zu lob und zu Eer, das die andern opfter darbey gescheen sollten. Dann niemandt soll Aheron und Jerobeam darfür achten, das sie die kselber für götter gehallten haben, Sonder allein rar gotsdienst (welche dann zu zeiten in der schrifft under dem namen götter verstanden werden), darmit das volck in der gotsforcht erhallten wurd. Wie giengs aber Jerobeam von seines gotsdienst wegen? Er und sein gantz gschlecht musten darumb vertilckt werden. Also hellt es sich auch yetz gerad mit der tauglichen Mess on Communicanten, Dann dieselb ist wider die einsatzung Christi, wie auch die kselber waren, und soll doch dahin gerichtet sein, das durch söllich werck und gotsdienst die leut frum und vom Rolosen leben abgezogen werden. Aber gleich wie der kselberisch gotsdienst das Judisch volck mehr verruchter vor gott dann frummer macht, also wurde auch die tseglich Mess on Communicanten gehallten, so sie wider auffgericht sollt werden, die leut woll ausswendig gleissnerisch, aber vor Gott glaubloser, Christloser und schmelicher machen, dann sie ye gwesen seyen.

Darumb durchleuchtiger hochgeborner fürst, Gnediger herr, kan Ich gentzlich nit erfinden, das E. F. G. mit gott und gutem gwissen die tseglich Mess on Communicanten der meinung wider auffrichten lassen mög, das die leut durch das selb werck dester frummer wurden, dweill söllich Mess wider die einsatzung Christi seyen und der vorerzeelte meinung nach gehallten unsern HERRN Jesuin Christum schmehen. Und bitt E. F. G. gantz undertheniglich, sie wölle söllich eingeben ausschlahen und darfür hallten, das der böes feind hiemit E. F. G. als ein fürtreffenlichen Christen hinderlistiglich mit einem guten schein zu verfüren und beids in Seel und leib schaden zu werffen begere. Dann on das sollich ßuffrichtung an jr selbs unrecht und Sünd ist, so wurde sich auch E. F. G. mit frembden Sünden beladen. . Dann so auss verordnung E. F. G. die pfarhern oder andere priester müsten tseglich Mess hallten und entpfiengen also das Sacrament Irer ungeschicklicheit halben, auch von wegen der zwangnuss unwirdiglich, wer solt anderst daran schuldig sein dann E. F. G.? Was aber für grosse Sünd sey, das Sacrament unwirdiglich entpfahen oder ein unwirdigen darzu müssigen, kan sich E. F. G. woll auss Sanct Paul nach Irem hohen fürstlichen und Christlichen verstandt erinnern. Zu dem das auch der Aberglaub des gmeinen volcks, der es auff die tseglich Mess haben wurde, so man dardurch frumkeit suchte, über E. F. G. haubt gedeyen und vor Gott zugerechnet wurt, wie dem könig Jerobeam mit seinem gotsdienst geschahe. Das wurde fürwar E. F. G. vor Gottes gericht zu tragen vill zu schwer sein. über das alles hatt sich E. F. G. mit andern Christlichen fürsten und Stenden zu Augspurg in der Confession underschriben, in welcher under andern stücken auch die privatae Missae, das ist die Mess on Communicanten verworffen worden. So dann E. F. G. yetz sollich Mess wider auffrichten lassen wollt, wurde es bey andern Christlichen Stenden gantz ergerlich sein. Dann es ist ye mit den gotsdiensten nit zu schimpffen. Gross Sünd seyen Stelen, Rauben, Morden, Eebrechen etc., Aber vill ein grösser Sünd ist es, ein gotsdienst wider die ordnung gottes zur erlangung der frumkeit, die allein durch Jesum Christum zu erhalten ist, auffrichten. Dann von solcher Sund wegen hatt unser HERR gott offt gantz königlich gschlecht, offt gantze königreich gentzlich zerstöret.

Yedoch auss was ursach das gmein pöbell so Rochloss wurdt, will Ich E. F. G. zum teill undertheniglich anzeigen. Es kompt meins thorichten erachtens daher: E. F. G. hatt in Iren Gnaden fürstenthumben gantz Christlich mandata aussgeen lassen von dem zutrincken, von gotslesterung und anderen offenlichen Sünden und lastern, und feelet gar nichts an E. F. G. mandata, ordnung und gebotten; Aber Ich hör die pfarher hin und her klagen, das die amptleut E. F. G. mandata zu vollstrecken seumig seyen und selbs offt in solchen Spital kranck ligen. So dan die pfarher auff E. F. G. mandata tringen, werden sie verhasst und darnach umb ander sach willen verklagt. Hiezwischen füret das pöbel ein wüst leben, fürwar on E. F. G. wissen, wollen oder schuld. Hierauff bedunckt mich der best weg sein, dem verruchten leben des pöbels zu weeren, nach dem das Evangelion in E. F. G. landen rein und getreulich gepredigt wurdt, das E. F. G. die amptleut darzu hallte, das sie mit ernst E. F. G. ordnung und mandaten in eusserlicher erbarkait volnstrecken und vorab an den feyertagen das unzeitig zechen under den predigen, auch tantzen und andere offentlich unzucht, fluchen und bübereyen abstellten. Das wurde freilich mehr zucht und erbarkeit erziehen, dann wan man alle tag tausent Mess on Communicanten hiellte. Hiemit sey E. F. G. unserm HERRN gott bevolhen, and Ich bitt E. F. G. gantz undertheniglich, sie-wolle mein ungeschickt schreiben gnediglich auffnemen. Darin E. F. G. gehorsamen und underthenigen dienst zuerzeigen will Ich allwegen ungesparts fleiss erfunden werden. Datum zu schwebischen hall mitwoch nach Decollacionis Joannis Anno XXXI.

E. F. G. undertheniger und gehorsamer

Johan brentz, prediger zu Hall.

Quelle:
Anecdota Brentiana Ungedruckte Briefe und Bedenken von Johannes Brenz. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Th. Pressel, Archidiaconus in Tübingen. Tübingen, 1868. Verlag von J.J. Heckenhauer.

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