Luther, Martin – An Spalatin (1528)

Luther, Martin – An Spalatin (1528)

Dem theuersten, ehrwürdigen Dr. G. Spalatin, dem treuesten Diener Christi.
Wittenberg den 3. September 1528.

Gnade und Friede in Christo. Dieser Bote kam erwünscht hier an, mein lieber Spalatin: denn seit deinem Abschied wünschte ich nichts sehnlicher, als daß mir sobald als möglich ein geeigneter Bote begegnen möchte, um mit brieflichem Verkehr zu ersetzen, was durch deine plötzliche Abreise verhindert wurde. Ich freue mich daher, daß du mit deiner Heva wieder gesund nach Hause gekommen bist. Und wollte Gott, daß wir länger hätten mit einander umgehen können, oder doch öfters könnten! Die Visitation ist angeordnet: so schrieb der Fürst, die Abgeordneten würden demnächst gehen. Siehe zu, daß du die Gedanken des Ueberdrusses besiegest oder verachtest, womit du angefochten wirst, das Amt des Worts zu verlassen. Christus berief dich, diesem weiche, diene und richte dich nach seinem guten Willen: was du thust, das weißt du jetzt nicht, du wirst es aber hernachmals erfahren. Es ist eine reine Versuchung, von der du nicht recht erkennst, warum du sie leidest: wir, die wir deine Beobachter sind, sehen es besser. Deßhalb mußt du nicht dir, sondern vielmehr uns glauben, die im Herrn und vor dem Herrn, ja durch die der Herr selbst dich anredet, tröstet und ermahnt. Denn wir sehen auf nichts anderes, als auf die Ehre und den Willen des Herrn, nicht auf unsern Vortheil oder etwas der Art in deinem Berufe. Endlich ist es ein gewisses Zeichen deines Gott nicht unangenehmen noch bei den Menschen unfruchtbaren Amtes, daß du so mit Ueberdruß daran versucht wirst. Denn wäre es Gott zuwider, würdest du vielmehr darnach sehnlich begehren und trachten, sowie die thun, welche Gott undankbar und wider seinen Willen laufen, da sie nicht geschickt werden, reden, da ihnen nicht befohlen ist. So geschieht es, daß der Satan die, welche man angenehm sieht, mit Ueberdruß und Eckel abzuhalten versucht, die man aber unangenehm sieht, mit Eifer und heftigem Verlangen, darnach zu streben entflammt. Darum sollst du ein tapferer Mann sein, und den Geist des Ueberdrußes muthig verachten. Bitte aber Christum, so wird er dir beistehen: auch wir werden für einander beten. Lebe wohl. Den 3. September 1528.

M. Luther.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’S Verlag.) 1862

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