Luther, Martin – An Nic. Hausmann, vom 29. März 1527.

Luther, Martin – An Nic. Hausmann, vom 29. März 1527.

In Zwickau gab es einen Prediger, der fast in jeder Predigt die Schimpfworte brauchte: ihr Böcke, ihr Schelmen, ihr Knüttel, ihr Ochsen, ihr groben Zwickauer, ihr gottlosen Leute rc. Hausmann, an den Luther den Brief richtet, war der Hauptpfarrer der Stadt.

Gnade und Friede in Christo. Würdiger, lieber Herr Pfarrherr! Es ist mir gesagt, auch durch N. angezeiget, wie euer Prediger einer sich auf der Kanzel anfahe ungeschickt zu machen, und greife die Person des Raths an unordentlich, welches denn dem Pöbel gefällt; und funkelt also der Geist noch immer mit zu, der eigene Ehre und Anhang sucht. Derhalben ist meine freundliche Bitte, ihr auch sammt dem Rath wollet Einsehen hie haben, daß uns nicht abermals der Schlaf und Hinlässigkeit zu schaffen gebe. Ihr wisset ja wohl von Gottes Gnaden, daß solch Strafen der Person gehöret nirgend hin, denn unter die Sammlung der Christen. Nun habt ihr ja noch keine Sammlung verordnet, wie wir hoffen, daß sie durch die Visitation soll angerichtet werden. Dazu wenn schon die Sammlung geordnet wäre, so wäre dennoch solch Schelten nicht recht, weil St. Paulus sagt: Seniorem ne increpes, sed obsecra ut patrem1); und Christus Matth. 18. zuvor will vermahnet haben insonderheit. Welcher Geist diese Ordnung nicht hält, der hat nichts Gutes vor. Aber in der öffentlichen theatrali concione2), da Christen und Unchristen bei einander stehen und zuhören, wie in den Kirchen geschieht, soll man auch insgemein strafen, und allerlei Unglauben und Untugend, auch niemand sonderlich ausmalen. Denn es ist eine gemeine Predigt, soll auch gemein bleiben, und niemand für andern beschämen, noch roth machen, bis sie abgesondert und in die Sammlung kommen, da man ordentlicher Weise vermahnet, bittet und strafet. Hat er aber ja Lust zu strafen öffentlich, so thue ers denen, die ihn öffentlich am ersten antasten; wie ich den Papisten und Schwärmern thue. Sonst halte er inne, und mache keinen Anhang, noch Verachtung der Personen. Denn solch Strafen bessert niemand, kützelt den Pöbel, und büßet dem Strafer seine Lust. Solches, bitte ich, wollet ihr von meinetwegen, und auch für sie selbst und euch, dem Ehrbaren Rath auch anzeigen, und mit Fleiß drauf sehen. Denn der Satan schläft nicht, sucht immer Unglück anzurichten. Hiermit Gott befohlen, Amen. Freitag nach Oculi, 1527.

1) d. h. Einen Alten schelte nicht, sondern ermahne ihn als einen Vater. 1. Tim. 5. 1.
2) d.h. Versammlung

Quelle:
Luthers Volksbibliothek Zu Nutz und Frommen des Lutherschen Christenvolks ausgewählte vollständige Schriften Dr. Martin Luthers, unverändert mit den nöthigen erläuternden Bemerkungen abgedruckt. Herausgegeben von dem Amerikanischen Lutherverein zur Herausgabe Luther’scher Schriften für das Volk Siebenter Band St. Louis, Mo. Druck von Aug. Wiebusch u. Sohn. 1862

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