Zwingli, Huldrych – An Michael Cellarius, Prediger zu Augsburg

Zwingli, Huldrych – An Michael Cellarius, Prediger zu Augsburg

Zürich, d. 17. Sept. 1526

Gnade und Friede vom Herrn. Auch wir sind krank (ich bitte, daß dieser Anfang des Briefs nicht von schlimmer Vorbedeutung sein möchte!) tapferster Michael, während Du schon lange krank bist. Denn da wir Ein Leib sind, so werden wir auch eine gemeinsame Empfindung aller Leiden haben. Und o, daß ich eine Hand wäre, die, seis durch Arznei oder durch Zauberei, allen Schmerz vertreiben könnte! Da ich aber dieß nicht vermag, so flehe ich zu dem Arzt, der in Wahrheit ein Heiland ist und heißt, daß er heile, und den Geheilten seinem Amte wieder geben wolle, doch unter der Bedingung, daß sein, nicht unser Wille geschehe. Denn wenn wir unschuldig geschlagen werden, so geschieht es zu unserem Besten, damit Gott erforsche, ob wir ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieben. Wiewohl, wer ist unschuldig? Da selbst die Gestirne vor seinem Angesichte unrein sind. Auf diese Art bereitet uns Gott für das künftige Leben. Denn wer das gegenwärtige liebt, verliert das zukünftige. Wohlweislich also und aus Liebe zu unserm Besten vermischt er dieses Leben mit so vielem Bitteren und Herben, damit wir um so bereitwilliger dasselbe verachten. Denn würde uns Alles nach unserer Meinung widerfahren, wer würde nicht fest bei demselben bleiben, so schlüpfrig und hinfällig es auch sein mag? Nun aber, wer wollte es nicht hingegen willig und gerne fahren lassen, das nie ohne Plage ist? So bedenke nun, mein l. Michael, nur eben dieß recht. Dein Kreuz sei eine Zucht, und zwar keine solche leichte und nichtige, welche durch Worte geschieht, und gewöhnlich mit der Luft zergeht, sondern eine wirksame, wahrhafte und kräftige, dadurch man die Kunst zu sterben und die Welt gering zu schätzen erlernt, welche über jeder Kunst und jedem Geschäfte steht. Was fehlt den Reichen dieser Welt, wenn sie sich nach dem Apostel in so viele Stricke verwickeln, anders als die Kunst zu sterben und die Welt zu verlassen! Denn könnten sie oder wüßten sie diese zu verlassen, so überließen sie sich nicht soweit ihrem Verkehre. Du hast Andern fleißig gelehrt: man müsse die Welt gering achten, und das Unglück gelassen ertragen; nun erfährst Du, was Du lehrtest. Es ist auch einem Stoiker, geschweige einem Christen, überaus leicht, während er nichts leidet, von der Geduld zu philosophiren; aber geduldig ertragen, dieß ist erst die lebendige Philosophie. Denke so bei Dir: Gott wollte, daß Du eine Zeitlang mit dem Wort im Dienste seines Evangeliums stehst, nun aber läßt er die Sache vollführen. Ohne Kriegs-Gefahr und Verdacht läßt sich prächtig von Tapferkeit sprechen; aber in der Gefahr selbst standhaft und unbeweglich sein, dieß ist erst ein Beweis eines tapferen Herzens. Der Herr gebe Dir ein unversehrtes Gemüth und Frieden. Amen. Allen Freunden, besonders Sigismund Grimm und Peter Gynorianus, der jetzt bei jenen ist, ein Lebewohl! Lebe wohl und genese im Herrn.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

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