Zwingli, Huldrych – Brief an die Drei Bünde von Rhatien

Zwingli, Huldrych – Brief an die Drei Bünde von Rhatien

Zürich d. 14. Jan. 1525.

Gnade und Friede von Gott zuvor, tapfere, gestrenge, kluge, ehrwürdige, weise, gnädige, günstige, geliebte Herren und Brüder in Christo! Der heil. Paulus sorgte nicht nur für die, welche er zum Glauben brachte, sondern für alle Kirchen, d. i. für alle Gläubigen, daß kein Unglaube, keine Uneinigkeit oder Trennung unter den Jüngern Gottes einreiße. Deßwegen hoffe ich auch, es sei mir nicht ungeziemend, an Euch zu schreiben, theils weil ich erfuhr, wie Ihr das wahrhaftige unüberwindliche Wort Gottes angenommen habt und an mehreren Orten predigen lasset, theils weil ich auch aus dem Churer Bisthum gebürtig bin.

Ich will daher Eure vorzügliche Weisheit um Gotteswillen gebeten haben, mein Schreiben darum nicht zu verschmähen, weil mich die Feinde Gottes und der Wahrheit wider die Wahrheit so ungebührlich einen lasterhaften Menschen, Ketzer und Schelmen schelten, worin mir Gewalt und Unrecht geschieht. Ich bekenne mich als einen großen Sünder, aber der Ketzerei mich zu überführen oder einer Uebelthat zu beschuldigen, dürften alle meine Feinde umsonst versuchen. Gleichwohl erdulde ich so rasende Beschimpfungen mit stillem Geiste; denn unser Herr Jesus Christus sagte zuvor, daß es also zugehen werde, wie ihm selbst auch geschehen, und: der Jünger ist nicht über den Meister; es ist somit kein Wunder, wenn mir armen Sünder so unmäßige Lügen zugemessen werden. Allein dieß schrieb ich nur darum, daß Ihr Euch durch die lügenhaften Schmähworte nicht zur Verwerfung meines aufrichtigen Schreibens verderben lasset. Ihr Männer von den drei Bünden waret bei mir in alleweg von meiner Kindheit an besonders geliebt und empfohlen, so wenig es auch Euch nützen mag; was ich auf mancherlei Weise durch Zeugnisse der Eurigen beweisen könnte, die in der Fremde mit mir umgegangen und nun bei Euch in gutem Rufe, Ehren und Ansehen stehen, die mich wohl kennen, ob ich gleich Eurer Weisheit unbekannt bin. Nun schrieb ich Eurer Weisheit aus keinem andern Grunde, als wegen des Evangeliums des Sohnes Gottes, worin Gott mich täglich übet durch viel Arbeit, Sorge, Angst, Nachstellungen und Widerstand; aber es überwindet doch stets der Herr aller Herren, dem sei Lob und Preis. Ich gebe nun dieß Eurer Weisheit zu bedenken, daß dieselbe wohl sehen möge, wie des Papstes Gewalt das göttliche Wort verschlossen, unterdrückt und verdunkelt habe, so daß uns die Wahrheit verhalten und an deren Statt ein eitler Schein dargestellt ist, wodurch wir nicht nur um die zeitlichen Güter, die wir auf Ablaß, Pfründen, Klöster und Kirchenhoffahrt verwendeten, sondern, wie zu besorgen ist, um unsere Seelen betrogen sind, und das besonders eben jetzt, da die Wahrheit am Tage liegt, viele aber durch die Lehre des Papstes so verblendet sind, daß sie dem Evangelium nicht gehorchen können, für die ich weit mehr fürchte, als für die, welche die Wahrheit nicht erkannten, da ich glaube, daß Niemand dergleichen Leute richten darf, sondern sie der Barmherzigkeit Gottes zu überlassen seien. Eure Weisheit sieht in der That, wie das Papstthum steht, und wiederum, wie offenbar die Wahrheit überall hervortritt, so daß das ganze Papstthum nichts dagegen vermag, sondern sich zu Gewalt und Schimpf, auch zu Lügen und Bestechung mit Geld wendet; woher zu befürchten ist, wo die Obrigkeiten diejenigen, welche das Wort Gottes öffentlich lehren, nicht sicher stellen, doch allein darin, daß sie von ihrer Lehre aus dem Wort Gottes Rechenschaft geben, Gott möchte seine Gnade von Neuem entziehen, und in die alten Irrthümer zurückfallen lassen. Würde dieß geschehen, so dürfte jeder leicht ermessen, welch großer Schaden für die ganze Christenwelt an Leib und Seele erwachsen würde. Da nun ausgemacht ist, daß es auch bei Euch Einige gibt, die das heilige und untrügliche Gotteswort recht und treulich predigen, wie besonders der ehrenwerthe, äußerst gebildete und an Glauben reiche Joh. Comander, deutsch Dorfmann genannt, Lehrer der edeln Stadt Chur, mir von Jugend auf durch seine Sittenreinheit und seinen Fleiß im Studiren wohl bekannt, und viele andere, deren Namen aufzuzählen zu lang wäre (Gott stärke sie zu allem Guten): so lege Eure Weisheit Hand an, daß denselben wider Gottes Wort in keinem Stück Gewalt geschehe, und lasse sich hierin keiner ängstigen, ob einer vielleicht in einigen Dingen noch etwas unerfahren sich verletzt oder verführt glaubt. Denn wenn die Menschen endlich die Wahrheit erlernen, werden sie sich darüber freuen; und was sie zuerst für schrecklich erachteten, darüber werden sie nachher lachen, wie unser hochgeliebter Herr Jesus Christus sagte: was bei den Menschen hoch ist, das ist bei Gott ein Gräuel“ (Luc. 16, 15). Besehet also das Wort Gottes in den heiligen Büchern des N. und A. Testaments, und lasset Euch durchaus nicht davon abbringen. Denn Gott kann uns nicht belügen, noch sein Wort trügen; die Menschen aber können betrügen, so hoch und so viel sie auch sein mögen. Betrachtet das Heil und den Frieden unserer Gewissen, die allein im Worte Gottes sich beruhigen können, und laßt Euch nicht zu Schulden kommen, daß ihnen dieses je entrissen und des Papstes geiziges, trügerisches, verfängliches Wort wieder ihnen beigebracht werde. Denn wie der Prophet Amos sagt: „wenn ein Löwe brüllt, wer sollte ihn nicht fürchten?“ so, wenn Gott sein Wort hervorrüstet und stellt: wer sollte nicht zuhören und gehorchen? Gott öffnet sein Wort nicht ohne schwere Beschwerden und Strafen derer, welche es nicht hören wollen, dagegen zum großen Nutzen für Leib und Seele derer, welche ihm folgen. Ein Denkmal hievon ist die furchtbare Zerstörung Jerusalems darum, daß sie das Wort, das ist, den Sohn Gottes nicht aufnahmen, und umgekehrt das Beispiel Ninive’s, das, da es sich nach dem Wort Gottes reformirte, unversehrt blieb. Deßhalb fromme, würdige, weise, geliebte Herren! lasset Euch nicht von denen verführen, welche mit heimlichen falschen Beschuldigungen gegen Gottes Wort, seine Prediger und treuen und gehorsamen Diener reizen und die Menge hetzen. Der Teufel pflegt nicht anders zu handeln: er kann und vermag nichts mit der Wahrheit; deßhalb flüchtet er sich zu seinen Waffen, die Lügen, Verwirrung und Zerrüttung sind. Obwohl die Feinde der Wahrheit deren Verehrer allweg der Unwahrheit beschuldigen, ist doch offenbar, daß die welche das Wort Gottes annehmen, so redlich sich darstellen, und die Feinde nichts gegen sie vermögen, daß Kinder sehen mögen, welches die Aufrührer, und welches die seien, die nach christlicher Sitte Frieden stiften. Wie auch heutiges Tags meinen Herrn von Zürch begegnet, von welchen man Euch hinterbringt, sie seien aufrührerisch, suchen fremde Hülfe, verachten das Recht, lassen Vergehen unbestraft, nehmen billige Verträge und friedliche Uebereinkünfte nicht an, was doch alles erfunden und gegen die Wahrheit gesagt ist. Denn sie duldeten um des Friedens und der Ehre Gottes willen seither Unleidliches, so daß, wenn sie sich nicht vor Zerwürfniß hüteten, solches nicht zu erleiden gewesen wäre. Deßhalb laßt Euch nicht gegen die Frommen zu Zürich irgendwie hetzen oder erbittern, sondern vertrauet auf die alte edle christliche Stadt, daß sie auch ferner lauter, heilig, ehrbar und christlich handle. Erkennet nichts gegen jemand, ohne zuvor beide Theile gehört zu haben; Gott wird die Seinen nicht verlassen. Bedenket endlich, wenn auch Zürch nicht so lauter und redlich handelte, daß doch keine Stadt in der ganzen Welt Euch günstiger zu all Eurem Nutz und Frommen ist, und Euren Vortheil vielfach so sehr förderte, wie, so Gott will, noch sehr viele redliche Schüler sich wohl erinnern werden. Nehmet dieses mein Schreiben bestens auf, und wenn ich Eurer Weisheit in etwas dienen kann, so befehle und gebiete sie, da ich den Zürchern und Bündnern, die in so schönem Einvernehmen mit einander stehen, wenn ich mit Gott und Glimpf irgend begegnen kann, wohl gerathen wissen, und es nicht soweit kommen lassen möchte, daß sie durch falsche Angaben einander entfremdet werden. Der Gott, der bei Euch das Papstthum zu brechen und in seine Erkenntniß Euch einzuführen begonnen hat, leite und befestige Euch, daß wir alle fröhlich am jüngsten Tage vor seinem Gericht erscheinen dürfen. Amen. Eurer edlen Weisheit williger und getreuer Verehrer Ulr. Zwingli, Prediger des Evangeliums Christi meines Herrn.

Quelle:
Auserlesene geistvolle Briefe Der Reformatoren und sonstiger bedeutender Männer der evangelischen Kirche Zur christlichen Erbauung und Belehrung von C.E. Renner, evangelischem Pfarrer. Stuttgart. C. Cammerer (früher H. W. Beck’s Verlag.) 1862

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